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02. September 2017, 09:27 Uhr

Pöbelnde deutsche Fans in Prag

Rechts aus der Kurve geflogen

Aus Prag berichtet

Sie brüllten Nazi-Parolen und beschimpften die eigenen Spieler: Deutsche Anhänger sind in Prag erneut negativ aufgefallen. Das DFB-Team reagierte diesmal - und verzichtete auf den üblichen Dank an die Kurve.

Normalerweise ist es ein festes Ritual. Nach dem Abpfiff gehen die deutschen Nationalspieler in die Kurve, dort wo die eigenen Fans stehen. Sie bedanken sich für den Support, für die Anstrengungen, die die Getreuen mit jeder Auswärtsfahrt auf sich nehmen. Diesmal aber, beim 2:1-Sieg in Prag über Tschechien waren die DFB-Profis sofort nach Abpfiff in der Kabine verschwunden.

Kein Winken, kein Klatschen, nichts. Und das war kein Versehen gewesen, sondern eine ganz bewusste Aktion.

"Wenn Gesänge mit nationalsozialistischem Hintergrund kommen, gibt es keinen Grund, das noch zu unterstützen und in die Kurve zu gehen", sagte Julian Brandt anschließend dazu, warum sich das Team entschlossen hatte, auf jeglichen Kontakt mit den Fans zu verzichten. Und Mats Hummels, der Matchwinner des Abends, bekräftigte: "Die Gesänge waren so daneben, die Frage stellte sich gar nicht, ob wir in die Kurve gehen."

Tatsächlich waren zahlreiche aus Deutschland angereiste Fans im Spiel äußerst negativ aufgefallen. Als zu Spielbeginn eine Trauerminute zum Gedenken an zwei tschechische Funktionäre aufgerufen wurde, störten deutsche Fans die Stille mit ihren Zwischenrufen. Das "Scheiß DFB" gehörte da noch zu den harmlosen Sprüchen, es wurde während des Spiels auch "Sieg Heil" gerufen. Schon am Tag vor der Partie sollen Fans durch Prag gelaufen sein und den Hitlergruß gezeigt haben.

Beleidigungen gegen Timo Werner

Bundestrainer Joachim Löw sprach in der Pressekonferenz nach dem Spiel von "Einzelaktionen", aber damit spielte er die Rufe herunter. Diese waren deutlich zu vernehmen und nicht nur von wenigen angestimmt worden. Dass dazu Nationalspieler Timo Werner mit dem fast schon bekannten "Hurensohn" bedacht wurde, hat die Mannschaft zusätzlich verärgert.

So wollten sie auch gar nicht den Eindruck aufkommen lassen, es seien vor allem die "Scheiß DFB"-Gesänge gewesen, die zu der Strafaktion geführt haben. Im Vorfeld hatte Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff diese Rufe bereits scharf kritisiert und gesagt: "Wer den DFB angreift, greift auch die Nationalmannschaft an." Das ist bei der Mannschaft natürlich auch angekommen.

Hässliche, rassistische und sexistische Rufe aus dem deutschen Fanblock sind nichts Neues. Bei der EM im Vorjahr hatte die deutsche Kurve im Viertelfinale wiederholt "Scheiß Italiener" skandiert. Das hatte damals allerdings auch beim Verband und beim Team nur wenig Aufsehen erregt. Beim Confed Cup im Juni in Russland hingegen waren nur wenige deutsche Anhänger angereist. Auch daher war dort alles ruhig und friedlich geblieben.

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