Knapper Sieg in Tschechien Einer mit Köpfchen

Der Matchwinner des Länderspielabends von Prag war schnell gefunden: Mats Hummels war der überragende Akteur, köpfte nicht zufällig das Siegtor. Und er sorgte auch neben dem Platz für die richtigen Ansagen.

Mats Hummels beim Siegtor
Bongarts/Getty Images

Mats Hummels beim Siegtor

Aus Prag berichtet


Die Kapitänsbinde an diesem Abend in Prag durfte erstmals in einem Pflichtspiel Thomas Müller tragen. Aber der Chef der Mannschaft hieß Mats Hummels. Der Bayern-Verteidiger rettete nicht nur mit seinem Kopfballtor den späten und glücklichen 2:1-Erfolg der DFB-Elf gegen die Tschechen, er war auch auf und neben dem Platz der Mann, der die Ansagen machte.

So war es der Münchner Innenverteidiger, der nach dem Spiel im Namen des Teams erklärte, warum die Elf sich nicht wie üblich in der Kurve bei den eigenen Fans bedankt hat - nachdem mitgereiste DFB-Anhänger mit dümmlichen und rechtsextremen Gesängen mal wieder negativ aufgefallen waren: "Die Gesänge waren dermaßen daneben, dass sich die Frage gar nicht stellte." (Mehr zu den Vorfällen lesen Sie hier)

Hummels war aber auch vorher der entscheidende Spieler gewesen. Präsent, randvoll mit Selbstbewusstsein, überragend im Abwehrverhalten und Aufbauspiel. Der Beste auf dem Feld.

Die Qualifikationspartie war das 59. Länderspiel des 28-Jährigen, darunter waren viele gute. Das hier war ganz bestimmt eines seiner besten. "Ich glaube, der Mats hat heute keinen einzigen Zweikampf verloren", sagte Bundestrainer Joachim Löw nach der Partie.

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Deutschland in der Einzelkritik: Hummels, der Erlöser

Als sei das alles nicht genug an Führungsqualität, fand Hummels anschließend auch noch die richtigen Worte, um die Leistung der Mannschaft angemessen einzuordnen. Das Team gab dem Gegner gerade in der zweiten Hälfte "viel zu viele Freiräume", so etwas "kenne ich aus der Nationalmannschaft der vergangenen zehn Jahre nicht". Auch Löw und Müller stellten fest, dass "wir einfach viel zu viele Ballverluste hatten und zu viele Fehler gemacht haben".

Man kann das auch als Seitenhieb auf die Mannschaftskollegen verstehen, die als strahlende Gewinner vom Confed Cup im Sommer zurückgekehrt waren und die Löw in die Startformation gegen die Tschechen eingebaut hatte. Als es in der zweiten Hälfte allerdings immer enger wurde, holte der Bundestrainer Julian Brandt, Lars Stindl und Timo Werner, die drei Offensiven vom Confed Cup, allesamt vom Feld. Am Ende spielte dann doch wieder eine Mannschaft, wie sie auch vor einem oder zwei Jahren schon hätte aufgeboten werden können.

Das Gleichgewicht im Team zwischen Erfahrenen und Jungen, zwischen Defensive und Offensive stimmte jedenfalls über weite Strecken der Partie nicht, und bei einer Mannschaft, die konzentrierter und eingespielter auf den Torerfolg gedrungen hätte als die letztlich hausbackenen Tschechen hätte das schiefgehen können. Aber Löw ist ja auch erst am Anfang dieses WM-Jahres, er ist noch in der Experimentierphase. Bewährte Kräfte wie die noch nicht wieder fitten Manuel Neuer und Jérôme Boateng kommen in jedem Fall noch zurück.

Ob so einer ein Vorbild sein kann

Mesut Özil, Toni Kroos, auch Jonas Hector und Joshua Kimmich, sie alle brachten ihre Leistung, dennoch war die Gesamtvorstellung der Mannschaft nicht gelungen und der siebte Sieg im siebten Qualifikationsspiel ein Erfolg, der am seidenen Faden hing.

Für die Partie am Montag gegen Norwegen (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: RTL) kündigte der Bundestrainer personelle Änderungen an. Dann könnte zum Beispiel Routinier Sami Khedira, zuletzt noch leicht angeschlagen, in seiner alten Heimat Stuttgart in die Mannschaft rücken. Hummels ist sowieso gesetzt, an seiner Position gab es schon vor dem Spiel nichts zu deuteln. Bei dem Bayern-Profi hat man das Gefühl, er gewinnt von Jahr zu Jahr an Statur, an Souveränität, an Selbstsicherheit dazu. Wenn er nicht seinen angestammten Partner Boateng, mit einer ähnlichen Aura ausgestattet, neben sich hat, fällt die Schieflage zu seinen Nebenleuten noch deutlicher auf. Matthias Ginter, der neben Hummels verteidigte, wirkte geradezu eingeschüchtert von der Präsenz seines Mitspielers.

Hummels hat in der Nationalmannschaft eine Weile gebraucht, um sich das Standing zu erobern, das er in Dortmund längst hatte. Jetzt scheint es so weit zu sein: Hummels weiß, was er kann, und dass er daraus auch keinen Hehl macht, hat ihn sicher nicht zum Liebling der Massen werden lassen. Manchen ist er zu arrogant, manchen zu abgehoben, manchen ist er aber auch nur zu klug. Einer, an dem man sich gerne abarbeitet.

Im Vorfeld hatten sich manche Leute aufgeregt, weil Hummels in der Woche von seinem Hotelbalkon direkt in den Swimmingpool gesprungen war; ein entsprechendes Video hatte er auf Instagram geteilt. Ob so einer denn ein Vorbild sein könne. Nach dem Spiel gegen die Tschechen wirkt das noch lächerlicher als zuvor schon.

Tschechien - Deutschland 1:2 (0:1)
Tore: 0:1 Timo Werner (4.) 1:1 Darida (78.) 1:2 Hummels (88.)
Tschechien: Vaclik - Gebre Selassie, Kalas, Suchy, Novak, Boril - Kopic (ab 53. Krejci), Soucek, Darida, Krmencik (ab 76. Kliment - Jankto (ab 88. Zmrhal
Deutschland: ter Stegen - Kimmich, Hummels, Ginter - Brandt (ab 61. Rüdiger), Kroos, Hector - Thomas Müller, Özil - Timo Werner (ab 79. Can), Stindl (ab 67. Draxler)
Schiedsrichter: Sergej Karasew (Russland)
Zuschauer: 18.093
Gelbe Karten: Kalas, Darida - Thomas Müller, Hummels

insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
Wortschmied 02.09.2017
1. Hätte bestraft werden müssen...
wurde aber nicht! Und dass das im Fußball ständig so läuft, hat der Autor nicht begriffen. Fußball ist eben NICHT Schach, da kann ein genialer Schlusstreffer den Ausschlag geben, auch wenn der Sieger auf dem Papier weniger Torschüsse hat. Dämlicher kann man einen Fußballartikel kaum einleiten.
IvicaMarkovic 02.09.2017
2.
Es ist etwas zu einfach, nur die Confed Cup-Spieler als Sündenbock hinzustellen. Die deutsche Mannschaft hat (warum auch immer) ohne zentrales (defensives) Mittelfeld gespielt. Dass sich dann riesige Räume für den Gegner bieten, ist mit Sicherheit nicht das größte Taktikgeheimnis im Fußballsport.
gerechtzz 02.09.2017
3. Die Zuschauer, eine einzige Schande
gerade in Tschechien hätte so etwas nicht passieren dürfen. Wäre besser, wenn der DFB die Karten aufkauft und an handverlesen Fans verschenkt, statt solche Antifans bei so einem Spiel ins Stadion zu lassen.
Watchtower 02.09.2017
4. Hector, Stindl, Müller und Ginter...
waren weit weg von ihrer Normalform. Nicht schlimm angesichts der Vorfälle mit den armen rechten Irren, die sich als "Fans" ins Stadion "verlaufen" hatten.
retterdernation 02.09.2017
5. Der Graben ...
zwischen dem "Zirkus der Millionäre" und ihrem Verband" und den Fans wird halt immer größer. Auf der einen Seite stopfen sich die Protagonisten des Fußballspiels so heftig die Taschen voller Geld, dass diese zu platzen drohen, auf der anderen Seite die Fans, die das bezahlen sollen. Und das unter erschwerten Bedingungen, wenn ich an die künftigen Montagsspiele denke, um nur ein Beispiel zu nennen. Distanz führt zu mangelnder Identifikation. Dieser Mangel drückt sich jetzt immer mehr in Ablehnung aus. Da bleibt ein sauberes Benehmen dann zwangsläufig auf Strecke. Und zuTimo Werner: da hat die mediale Hetze - nach einer üblichen Schwalbe im Fussballgeschäft, ganze Arbeit geleistet.
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