DFB-Sieg gegen Österreich Patient Abwehr lebt

Nichts beschäftigte den DFB zuletzt so wie die Defensivschwäche. Gegen Österreich reagierte Joachim Löw und ließ einen etablierten Verteidiger auf der Bank. Weil das funktionierte, ist plötzlich der Kampf um die Abwehrplätze neu entbrannt.

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Martin Harnik stemmte sich langsam vom Boden hoch. Der österreichische Stürmer musste sich kurz schütteln, in seinem Gesicht waren immer noch Spuren eines Schreckens. Nur wenige Sekunden zuvor begrub der deutsche Innenverteidiger Per Mertesacker Harnik unter sich wie eine Gletscherlawine eine Blume. Mertesacker gewann das Kopfballduell und zeigte damit gleich zu Beginn der ersten Halbzeit, dass die deutsche Innenverteidigung an diesem Tage äußerst rigoros zu Werke gehen wolle.

Zuletzt gab es die heißesten Diskussionen um die Qualität und Stabilität der deutschen Defensive. Diese Debatten, die in der Amtszeit von Bundestrainer Joachim Löw in schöner Regelmäßigkeit neu aufkochen, wurden durch ein 3:3 im August-Testspiel gegen Paraguay ordentlich befeuert. Vor dem Aufeinandertreffen mit den Österreichern, die als WM-Quali-Gruppenzweiter noch Hoffnungen auf ein Ticket nach Brasilien haben, hatte die deutsche Nationalmannschaft eine vernichtend schlechte Gegentorbilanz. In den vergangenen sechs Länderspielen des Jahres 2013 kassierte das Nationalteam insgesamt elf Gegentore, darunter alleine neun in den vergangenen drei Matches. Allerdings: Die vergangenen drei Partien waren allesamt Freundschaftsspiele.

Die Frage, die sich nun nicht nur dem Offensivfußball-Liebhaber Löw, sondern auch vielen Experten stellte: Kann das DFB-Team überhaupt noch effizient verteidigen? Die Antwort gibt das klare 3:0 gegen Österreich: Die DFB-Mannschaft stand deutlich stabiler, blieb erstmals seit dem März-Spiel gegen Kasachstan ohne Gegentor.

"Der Schlüssel zum Erfolg"

"Wir haben in den vergangenen Tagen sehr viel gearbeitet und einiges ausprobiert. Von den Dingen, die wir uns vorgenommen hatten, haben wir viele sehr gut umgesetzt", sagte Sami Khedira, der als defensiver Sechser der Abwehrformation viel Ordnung gab. Im Vergleich zu den Spielen der Vormonate zeigte sich aber auch, dass die Abläufe innerhalb des DFB-Teams wieder deutlich runder, klarer wirkten. Das frühe Pressing, die zentrale Raumaufteilung mit dem diesmal auch defensiv sehr fleißigen Toni Kroos und die schnelle Rückwärtsbewegung wirkten viel engagierter und zielstrebiger als bei anderen Auftritten in diesem Jahr. "Wir hatten heute nur wenige Phasen, in denen wir zu wenig gearbeitet haben. Wenn wir uns alle gut bewegen, ist das der Schlüssel zum Erfolg", sagte Thomas Müller, der ein Tor vorbereitete und eines selbst erzielte.

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Ein anderer Erfolgsschlüssel war eine Personalentscheidung: Löw ließ den Dortmunder Mats Hummels 90 Minuten draußen, dafür verteidigte Jérôme Boateng neben Mertesacker. "Bei Mats Hummels hatte ich das Gefühl, dass er noch nicht die Sicherheit der Vorsaison hat. Jérôme Boateng hat sich zudem seine Chance verdient", sagte Löw. Es ist kein großes Geheimnis, dass Löws und Hummels' Beziehung keine innige Freundschaft ist. Die Entscheidung, den BVB-Verteidiger auf die Bank zu setzen, wird die beiden wohl auch nicht näher zueinander führen.

Beschweren darf Hummels sich über seine Degradierung allerdings nicht. Der 24-Jährige hat zuletzt weder in der Bundesliga noch in der DFB-Elf die Konstanz gezeigt, die man von einem Innenverteidiger der höchsten internationalen Klasse erwarten kann. Das, was Hummels zuletzt abhandengekommen ist - absolute Konzentration über die volle Spielzeit, risikofreies Agieren ohne Flüchtigkeitsfehler - hat sich Boateng in den vergangenen Monaten erarbeitet. Bereits zum Ende der abgelaufenen Saison zeigte er sehr stabile Leistungen, ist auch in dieser Spielzeit ein absoluter Leistungsträger beim FC Bayern München.

Neue Konkurrenz

Gegen die österreichische Auswahl blieb er bis auf einen Fehlpass direkt zu Spielbeginn beinahe fehlerfrei und heizt dadurch den Kampf um die Innenverteidigerplätze für die Weltmeisterschaft neu an. "Ich habe mir das erarbeitet, habe mich heute sehr wohl gefühlt. Ich möchte meinen Platz nicht mehr hergeben. Jeder will spielen", sagte Boateng. Hummels ging mit einer Banane im Mund durch die Journalistenzone, äußern wollte er sich nicht.

Dass mit diesem Sieg nun tatsächlich alle DFB-Abwehrsorgen gelöst sind, ist jedoch genauso wenig stimmig wie die Annahme, dass sich die deutsche Defensive allein durch die Verbannung des Dortmunders Hummels verbessern würde. Das Abwehrsystem muss sich weiterhin bewähren. Vor allem auch gegen Gegner, die, anders als das österreichische Team, ein Spiel gewinnen wollen und sich nicht selbst bei einem 0:2-Rückstand in der eigenen Hälfte verbarrikadieren.

"Vorher war nicht alles schlecht, jetzt ist nicht alles gut. Aber wenn wir Zeit haben, um unsere Automatismen einzustudieren, dann haben wir defensiv wenige Probleme", sagte Kapitän Philipp Lahm.

Deutschland - Österreich 3:0 (1:0)
1:0 Klose (33.)
2:0 Kroos (51.)
3:0 Müller (88.)
Deutschland: Neuer - Lahm, Mertesacker, Boateng, Schmelzer (46. Höwedes) - Khedira, Kroos - Müller, Özil, Reus (90.+2 Draxler) - Klose (82. Sven Bender)
Österreich: Almer - Garics (78. Klein), Dragovic, Pogatetz, Fuchs - Alaba, Kavlak - Harnik, Ivanschitz (67. Burgstaller), Arnautovic (67. Sabitzer) - Weimann
Schiedsrichter: Mazic (Serbien)
Zuschauer: 68.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Reus, Khedira, Klose - Weimann, Kavlak (2), Pogatetz, Klein

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insgesamt 97 Beiträge
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nummer50 07.09.2013
1. Boateng
Boateng ist in der letzten Saison zum Top Innenverteidiger aufgestiegen, macht kaum noch Fehler. In dieser Form wird er seinen Platz in der NM festigen. Wenn Hummels wieder seine Topform erreicht , wäre er m, M. nach der ideale Partner!
tanzschule 07.09.2013
2.
Zitat von sysopAFPNichts beschäftigte den DFB zuletzt so wie die Defensivschwäche. Gegen Österreich reagierte Joachim Löw und ließ einen etablierten Verteidiger auf der Bank. Weil das funktionierte, ist plötzlich der Kampf um die Abwehrplätze neu entbrannt. http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-qualifikation-dfb-siegt-gegen-oesterreich-mit-guter-abwehr-a-920925.html
was mir besonders auffiel war der für den dfb peinliche ballack des "capitano". ansonsten ordentliches spiel gegen mittelmäßigen gegner.
coyote38 07.09.2013
3. Der Patient Abwehr lebt ...?
Und ein Spiel gegen die Fußball-Großmacht ÖSTERREICH ist für diese Aussage als "Beweis" hinreichend ...? Herzlichen Glückwunsch, SPON. Wir sprechen uns nach dem verlorenen Viertel- oder Halbfinale der kommenden WM (wenn tatsächlich ein GEGNER auf dem Platz steht) wieder ...
gruenerfg 07.09.2013
4. Live dabei
Zitat von sysopAFPNichts beschäftigte den DFB zuletzt so wie die Defensivschwäche. Gegen Österreich reagierte Joachim Löw und ließ einen etablierten Verteidiger auf der Bank. Weil das funktionierte, ist plötzlich der Kampf um die Abwehrplätze neu entbrannt. http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-qualifikation-dfb-siegt-gegen-oesterreich-mit-guter-abwehr-a-920925.html
Es wird doch wohl keiner, der das Spiel gesehen hat, behaupten wollen, diese Verteidigung wär gut gewesen, bloß weil sie gegen Österreich kein Tor bekommen hat. Bei diesen Löchern und Fehlern in der Verdeitigung hätte jede erstklassige Mannschafft einige Tore gemacht.
experte67 07.09.2013
5. zur Abwehr
...Gott sei Dank hat sie gegen bärenstarke Österreicher gehalten. Da kann ja gegen Spanien oder Italien nichts mehr passieren.
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