WM-Qualifikation Offener Appell an alle

Wie Bundestrainer Michael Skibbe ausrückt, Fans, Medien und selbst den Schiedsrichter vor dem entscheidenden WM-Playoffspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die Ukraine positiv zu stimmen.

Aus Dortmund berichtet Thomas Lötz


Michael Skibbe: "Extreme Drucksituation"
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Michael Skibbe: "Extreme Drucksituation"

Dortmund - Wenn es im Moment eine Weisheit gibt, die jeder fußballinteressierte Deutsche quasi auf Knopfdruck von sich geben kann, dann lautet sie: "Die Ukraine ist eine sehr konterstarke Mannschaft." Auch Bundestrainer Michael Skibbe, ein Mann der sich in den letzten Tage seines Berufs wegen intensiver mit dem Team von Coach Walerij Lobanowski hat beschäftigen müssen, verkündete diesen Gemeinplatz in Dortmund.

Ein Tag bleibt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft noch, dann kommt es am Mittwoch in Dortmund (ab 20.30 Uhr im Live-Ticker bei SPIEGEL ONLINE) zur Entscheidung über die WM-Teilnahme. Zeit etwa um am Dienstagvormittag noch einmal eine Videobesprechung mit dem Team abzuhalten, in der vor allem die Anfangsphase des Hinspiels von Kiew (1:1) noch einmal zur Vorführung gelangen wird, in der die DFB-Truppe nur mit Glück und Mühe einen größeren als den 0:1-Rückstand hatte vermeiden können. Zeit aber auch für Teamchef Rudi Völler, in Einzelgesprächen seine Kicker noch einmal auf die "extreme Drucksituation" (Skibbe) vorzubereiten, deren eine Hälfte die Mannschaft erst überstanden hat.

Ganz wollte man Skibbe die Rede von der "ordentlichen Ausgangsposition", der "nach wie vor entspannten

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Stimmung" im DFB-Lager nicht abnehmen. Dazu versuchte sich der Bundestrainer am Montag zu sehr in professioneller PR, mit einem Appell zuvorderst an die Fans im Dortmunder Westfalenstadion.

Fans könnten der Ukraine die Stärke nehmen

Über zehn Jahre, so Skibbe, habe er bei Borussia Dortmund gearbeitet. Und in dieser Zeit sei das dortige Publikum "immer ein Garant dafür gewesen, dem Gegner die Stärke zu nehmen". Die Borussia besitze eine Anhängerschaft, die "noch mehr als andere in Deutschland in der Lage ist, die eigene Mannschaf zu pushen"; dies gelte insbesondere für die Fans auf Südtribüne der Arena.

Zwei Dinge vergaß Skibbe bei seiner Motivationsansprache jedoch zu erwähnen: Erstens sind die der Begeisterung förderlichen Stehplätze auf jener Südtribüne gemäß den für internationale Spiele geltenden Sicherheitsbestimmungen für die Partie am Mittwoch längst mit Sitzschalen ausgerüstet worden. Und zweitens ist es eben kein Heimspiel der Borussia, sondern eines der deutschen Nationalmannschaft.

Im Oktober erst, bei der letzten regulären Begegnung in der WM-Qualifikation gegen Finnland (0:0), hatte man in Gelsenkirchen die Differenz hinsichtlich der Stimmung bei Heimspielen von Verein und Ländermannschaft zur Kenntnis nehmen müssen. Da war von der vielfach beschworenen überlauten und anheizenden Atmosphäre in der Arena "AufSchalke" so gut wie nichts zu spüren gewesen.

Bitte keine Negativ-Berichterstattung mehr

Skibbe konterte diesen Einwand - als Dortmunder (und ehemaliger Schalker Bundesligaspieler) ganz der lokalen Rivalität beider Vereine verpflichtet - mit dem Hinweis, dass die Schalker im Gegensatz zu den Anhängern des BVB "eine ganz andere internationale Erfahrung" hätten. Die clever gesetzte Pointe kam gut an und wurde deshalb wenn auch nicht mit Beifall, so zumindest doch mit dem gebotenen Gelächter goutiert; tatsächlich können die Dortmunder deutlich mehr Europacuppartien vorweisen als die königsblaue Konkurrenz.

Und weil er die anwesenden Medienvertreter gerade so schön auf seine Seite gebracht hatte, legte der Bundestrainer auch gleich einen Wunsch an die Presse nach, in den verbleibenden Tagen bitte keine negative Stimmung mehr zu vermitteln. Er hätte sich gewünscht, dass in der Nachberichterstattung eines Fernsehsenders nicht nur Fehlpässe der DFB-Elf aneinandergeschnitten, sondern auch die gelungenen Ballstaffetten aus dem Spiel in Kiew gezeigt worden wären. Da verließ Skibbe die lokale Ebene und appellierte, wenn auch nicht ausgesprochen, an so etwas wie nationale Verantwortung.

Klare Benachteiligungen der deutschen Mannschaft


Nachdem er die sportlich-innenpolitische Diskussion in die richtigen Bahnen gelenkt hatte, versuchte der Bundestrainer schließlich auch noch, außenpolitisch positive Wirkung zu erzielen. Er halte viel vom portugiesischen Schiedsrichter Vitor Melo Pereira, der das Rückspiel gegen die Ukraine leiten wird, erklärte Skibbe und prangerte im gleichen Atemzug die Fehlentscheidung aus dem Hinspiel gegen die Ukraine an.

Da hatte der italienische Referee Stefano Braschi einem Kopfballtor von Marko Rehmer die Anerkennung versagt. Und überhaupt seien auch in den Spielen zuvor gegen Finnland (nicht gegebener Elfmeter) und in Albanien (unberechtigter Platzverweis gegen Carsten Ramelow) klare Benachteiligungen der deutschen Mannschaft erfolgt. Das dürfe man nach Ansicht Skibbes nicht vergessen. Ob sich Herr Pereira im Entscheidungsspiel gegen die Ukraine daran erinnert, ist fraglich.



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