WM-Qualifikation Tschechien-Deutschland Kontrolliert geduselt

Die DFB-Elf zitterte und traf dann doch zum Sieg. Die Sorgenkinder gaben keinen weiteren Anlass zur Sorge. Und für das kommende Spiel kann sich Joachim Löw Schottland zum Vorbild nehmen.

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Szene des Spiels: Ballgewinn Mats Hummels, schneller vertikaler Pass auf Mesut Özil, der mit feinem Füßchen Timo Werner findet. Der Leipziger schiebt den Ball konzentriert am tschechischen Torhüter Tomas Vaclik vorbei. Das 1:0 der deutschen Mannschaft in der 4. Spielminute war ein Angriff wie vom Reißbrett, der das bemerkenswerte Offensivpotenzial des Weltmeisters zum Vorschein kommen ließ. Allerdings: Eine vergleichbare Szene gab es während der restlichen Spielzeit nicht mehr zu bestaunen.

Das Ergebnis: Deutschland gewann die Partie in Tschechien 2:1 (1:0). Hier geht es zum Spielbericht.

Löws Bastelstube: Natürlich hatte sich der Bundestrainer für das Aufeinandertreffen mit dem 40. der Weltrangliste etwas Besonderes einfallen lassen: Dreierkette, davor unter anderem Julian Brandt auf der rechten Seite als Gegenstück zu Jonas Hector, nur ein Sechser mit Toni Kroos, davor drei wechselnde Zehner. Man könnte meinen, Joachim Löw sei langweilig. Vielleicht lässt er sich ja fürs nächste Mal von den Schotten inspirieren: Diese spielten zeitgleich in Litauen mit fünf Linksfüßlern in Tor und Abwehr. DAS wäre doch auch mal was! Vielleicht schon im kommenden Spiel gegen Norwegen?

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Deutschland in der Einzelkritik: Hummels, der Erlöser

Die Sorgenkinder: Thomas Müller (erstmals in einem Pflichtspiel Kapitän) und Mesut Özil waren zuletzt nicht frei von Ärgerlichkeiten. Dem Ex-Lausbub Müller lag die Nicht-Nominierung für die Bayern-Startelf beim Gastspiel auf dem Herzen, Özil wandelte beim 0:4 von Arsenal bei Liverpool am Rande der Unsichtbarkeit. Heute zeigten sich beide engagiert, wenn auch glücklos. Dennoch: Özil bereitete das 1:0 vor und war offensiv Löws auffälligster Akteur. Befreiungsschläge? Zumindest keine Verschärfung der Krisen.

Die erste Halbzeit: Nach dem schnellen 1:0 durch Werner kontrollierte die DFB-Elf zunächst das Geschehen, bevor die 120-Sekunden-Sorglosigkeit einsetzten: In der 16. und 17. Minute kamen die Tschechen gleich zu vier Chancen. Lars Stindl vergab auf der Gegenseite das 2:0. In der 26. Minute hatte Marc-André ter Stegen Glück, als sein unvollendetes Herauslaufen nicht mit einem Hebertor bestraft wurde.

Die zweite Halbzeit: Aus Kontrolle wurde beim deutschen Team nun Behäbigkeit. Die Tschechen waren zweikampfstärker, wacher und zeigten gute Offensivaktionen. Löw versuchte, das Spiel mit Wechseln zu beruhigen: der unglücklich agierende Julian Brandt wurde durch Antonio Rüdiger ersetzt, Julian Draxler sollte für mehr Sicherheit als Stindl sorgen. Doch es half nichts. In der 78. Minute die Belohnung für mutige Tschechen: Hertha-Mittelfeldspieler Vladimir Darida schoss den Ball wunderschön in den rechten Winkel. in der 88. Minute dann ein Freistoß von Kroos, Mats Hummels köpfte den Ball wuchtig ins lange Eck. Unverdient, aber drin.

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Fotostrecke: Matchwinner Hummels, Capitano Müller

Die Tschechen: Trainer Karel Jarolim und sein Team betrachteten das Spiel gegen den Weltmeister vor der Partie nur als Bonus-Spiel. Am Montag steht schließlich das Alles-oder-nichts-Match gegen die Nordiren an. Nach der Respektphase zu Beginn kam der Außenseiter mit hohem Laufaufwand und aggressivem Pressing immer besser ins Spiel und hätte sich ein Remis verdient gehabt. Dass es nicht dazu kam, dafür sorgte besagte Standardsituation kurz vor Schluss.

Die Gruppe: Siebtes Spiel, siebter Sieg für die DFB-Elf. Sollten die Nordiren (3:0 in San Marino) ihr anstehendes Spiel gegen Tschechien nicht gewinnen, kann sich die Mannschaft von Joachim Löw mit einem Dreier gegen Norwegen (Montag, 20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) vorzeitig für das WM-Turnier in Russland qualifizieren.

Die deutschen Fans: Pickelhaube auf dem Kopf, die Böhsen Onkelz im Gesangsrepertoire, Timo Werner mit Schmähungen bedacht. Dazu noch "Scheiß DFB"-Rufe in die Stille einer Schweigeminute geblökt. Wenn Oliver Bierhoff ein Motivationsvideo mit stimmigem Nationalmannschaftssupport zusammenstellen möchte, sollte er den Auftritt der Anhänger in Prag tunlichst außen vor lassen.

Stabile Statistik: Am 11. März 1934 absolvierte die deutsche Nationalmannschaft in Luxemburg ihr erstes Auswärtsspiel in einer WM-Qualifikation. Dort erreichte die Auswahl ein 9:1 - ein ordentlicher Beginn und seitdem gab es in mehr als 83 Jahren auswärts noch nie eine Niederlage in der Qualifikationsphase zu einer Weltmeisterschaft. Diese Statistik muss auch nach dem Spiel in Prag nicht angepasst werden.

Tschechien - Deutschland 1:2 (0:1)
0:1 Werner (4.)
1:1 Darida (78.)
1:2 Hummels (88.)
Tschechien: Vaclik - Gebre Selassie, Kalas, Suchy, Novak, Boril - Soucek, Darida, Kopic (54. Krejci), Jankto (Zmrhal) - Krmencik (76. Kliment)
Deutschland: ter Stegen - Kimmich, Hummels, Ginter - Brandt (61. Rüdiger), Kroos, Hector - Müller, Özil - Werner (79. Can), Stindl (67. Draxler)
Schiedsrichter: Karasev (Russland)
Gelbe Karten: Kalas, Darida / Müller, Hummels
Zuschauer: 18.000

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version wurde fälschlicherweise 1953 (damals gegen Norwegen) als erstes Auswärtsspiel genannt. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten diesen zu entschuldigen.



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carinanavis 02.09.2017
1. typische fehlanalyse
des SPIEGELS. Dusel war es nicht, im Gegenteil. Hätte Deutschland 2, 3 exzellente Spielzüge zu Ende gespielt, müsste man nicht groß diskutieren müssen, weil es 4:1 oder so ausgegangen wäre. Die Tschechen waren völlig überfordert umd kämpften und krampften sich zu einem mehr als glücklichen Zufallstor. Löws Aufstellung hatte von vorherein gewisse Schwachpunkte hinsichtlich der individuellen Qualität eingebaut. Zudem war Hector in der Mittelfeldposition falsch eingesetzt. Eine klare Viererkette mit ihm auf der gewohnten Linksverteidigerposition hätte die meisten Offensivaktionen der Tschechen weitgehend unterbunden. Ginter und Brandt sind zu jung und unerfahren, um in wichtigen Spielen souverän zu bleiben. Ein weiterer Schwachpunkt war Kroos alleine als defensivem Mann vor der Abwehr. Unterstützung von Khedira, Rudy oder Can, der oft starke Offensivläufe hat, hätte weiter stabilisierend gewirkt. Offensiv war Özil exzellent, ebenso Werner. Müller und Stindl hätten wohl von einem stabileren Mittelfeld profitiert, aber Löw war noch irgendwie im Experimentiermodus des Confedcups, ohne seine stärkste Elf und Taktik einzusetzen.
gibmichdiekirsche 02.09.2017
2.
Ok, es braucht immer mal wieder einen Arbeitssieg. Aber "verdient" war das nicht. In der deutschen Defensive stimmte mit Ausnahme von Hummels wenig, und vor allem Hectors Seite war öfter mal offener als ein Scheunentor. Müller ist (wieder einmal) vor allem durch lautstarkes Reklamieren aufgefallen und sonst selten. Özil spielte stark im offensiven Zentrum, Kroos im def. Mittelfeld war sicher, aber leider auch immer wieder das Tempo verschleppend und schnelles Umschalten verhindernd. Und Stindl trabte die meiste Zeit neben dem Spiel her. Julian Brandt? Netter Kerl, aber es wird Zeit, dass Reus wieder fit wird und/oder Draxler Spielpraxis bekommt oder besser noch beides. Mir unverständlich, dass JD nach den Leistungen beim ConfedCup nicht in der Startelf stand. Werner sollte m.E. künftig gesetzt sein, und es ist schon mehr als eine Unverschämtheit, dass sog. deutsche "Fans" den Jungen sogar noch im Ausland übel mit Schmähgesängen verhöhnen. Es ist schlicht peinlich vor den Gastgebern. Die Tschechen haben aus ihren Möglichkeiten alles heraus geholt und gezeigt, dass sie es auch ohne aktuelle Superstars immer noch drauf haben. Sie hätten die 3 Punkte nicht weniger sondern sogar eher verdient gehabt, und ich hoffe, dass sie und nicht die biederen Nordiren (Will Grigg möge verzeihen) den zweiten Platz klar machen.
panzerknacker 51 02.09.2017
3. Laaangweilig
Alte Vogts- und Ballack-Zeiten feiern fröhliche Urständ.
dr.joe.66 02.09.2017
4. na dann mal los...
Neue Formation, geänderte Taktik, wenig Zeit zum Einspielen, viele Spieler noch am Anfang der Saison. Außerdem früh geführt, dann verwaltet. Nach dem 1:1 einen Gang höher geschaltet, schneller gespielt, am Ende gewonnen. Dusel-Sieg? Meiner Meinung nach nicht. Eher ein Sieg der den Klassenunterschied zeigt. Die Tschechen haben am oberen Rand ihrer Möglichkeiten gespielt und eine Klasse-Leistung gezeigt. Ja, moralisch hätten sie damit mindestens ein Unentschieden verdient gehabt. Aber hier geht es nicht um Moral, sondern um 3 Punkte. Die Deutschen haben eher mittelmäßig gespielt. Es hat trotzdem gereicht. Und genau das macht den Klassenunterschied aus. Am Montag noch ein 1:0 gegen Norwegen, und dann ist WM Pause bis nächstes Frühjahr. Im Mai geht es dann mit der Benennung des erweiterten Kaders richtig los. Wenn alle gesund sind, dann sind Götze, Gündogan, Boateng, Khedira, Neuer, Reus, Höwedes (ja, auch der), Gnabry, Schürrle (vielleicht), Sané, Mustafi, Tah & Co. dabei. (Anmerkung: die hier genannten hätten als Mannschaft ebenfalls gegen Tschechien gewonnen...) Mit Ausnahme von vielleicht Didier Deschamps und Julen Lopetegui dürften alle Nationaltrainer neidisch auf die Auswahlmöglichkeiten von Jogi Löw sein. Und jetzt Ring frei für die NM- und Löw-Basher. Bis zum 15. Juli 2018 könnt Ihr schreiben was Ihr wollt. Wie 2014. Grins....
kuno70 02.09.2017
5. auswärts ungeschlagen seit 1934
schlecht recherchiert, liebe Redaktion! Die deutsche Mannschaft bestritt ihr erstes Auswärts-WM Qualifikationsspiel bereits 1934 (in und gegen Luxemburg) und ist somit seit 83 Jahren ungeschlagen auswärts
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