WM-Rekord Sinnfragen nach dem Wahnsinnsspiel

Trübsal trotz Torrekord: Nach dem 11:0-Schützenfest gegen Argentinien zweifeln die DFB-Frauen am Wert des WM-Auftakterfolgs. Auch Nationalspieler Per Mertesacker warnt davor, sich von der Höhe des Sieges täuschen zu lassen.

Von , Köln


Es war bisher nicht bekannt, dass die sehr holprig verlaufene Verlängerung mit DFB-Ausrüster Adidas auch Einfluss auf die Befindlichkeit einiger Nationalspieler gehabt hätte. Seit heute wissen wir: Ein ganz kleines bisschen hat sie doch. Es gibt nämlich ein neues DFB-Trikot und auch einen Spot dazu, bei dessen Dreh zwar Michael Ballack fehlte, Per Mertesacker aber anwesend war. So verpasste der Verteidiger den WM-Auftakt der Frauen, "leider" sei er unterwegs gewesen, sagt Mertesacker SPIEGEL ONLINE.

DFB-Spielerinnen Lingor (l.), Garefrekes: Hoher Sieg, bescheidene Freude
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Nun war bisher ebenfalls nicht bekannt, dass Mitglieder der A-Nationalmannschaft ihre Freizeitgestaltung nach Länderspielen ihrer weiblichen Kollegen richten würden. Als einzige Ausnahme galt da bisher der bekennende Fan Theo Zwanziger. Der DFB-Präsident war aus Wales direkt nach Shanghai gejettet, Vielflieger Zwanziger übernahm nach dem EM-Qualifikationsspiel der Löw-Mannschaft gleich die Delegationsleitung bei den Damen, so verbunden fühlt er sich.

Und der Rest? Man habe ein Fax geschickt mit den besten Wünschen für das Turnier, verkündete Mediendirektor Harald Stenger gestern vor dem Argentinien-Spiel, "von Mannschaft und sportlicher Leitung unterschrieben". Mehr als pflichtschuldig wirkt das nicht, aber was sollen sie auch tun. Es gibt Wichtigeres zu einer Sendezeit, in der Löw und seine Assistenten die Taktik planen und die Spieler Mittagsschlaf halten. Wenige von ihnen haben zudem je gegen eine Frauenmannschaft gespielt.

Mertesacker hat - mit der A-Jugend von Hannover 96 trat er vor Jahren gegen die Frauen-Nationalmannschaft an und gewann 2:0. Seitdem habe er "einen Draht dazu", sagt der Abwehrmann. "Mich interessiert Frauenfußball, weil Deutschland in dem Bereich eine Vormachtstellung hat, die man kaum beschreiben kann", so der 22-Jährige. In die Mannschaft von Silvia Neid würden immer wieder "neue Talente eingebaut, die auch in meinem Alter sind". Und durch die Erfolge des Welt- und Europameisters sei ein Boom entstanden, "der viele Kinder für den Fußball begeistert".

Der Bremer Verteidiger kennt die Mannschaft, die in Shanghai 11:0 gegen Argentinien zum WM-Auftakt gewann, es freut ihn, "dass sie so gut ins Turnier gestartet sind. Aber auf die Frauen kommen noch ganz andere Brocken zu, deshalb sollte man sich von dem hohen Ergebnis nicht blenden lassen", warnt Mertesacker.

Davon sind die DFB-Damen allerdings auch weit entfernt. Sie sendeten nach dem Schützenfest gegen die Südamerikanerinnen eher Mitleidsbekundungen in Richtung des so klar unterlegenen Gegners. "Wenn du elf Stück bei der WM bekommst, dann ist das schon ein bisschen peinlich", sagte Abwehrspielerin Ariane Hingst, die sich sogar extra zurücknahm in der Offensive. Es sehe schließlich bei solchen Ergebnissen "immer so erzwungen aus, wenn du als Verteidigerin das zehnte Tor machst". "Eher schade", fand es auch die dreifache Torschützin Birgit Prinz, "dass ein Eröffnungsspiel mit einem solchen Ergebnis endet".

Die angedachte Ausweitung des WM-Teilnehmerfeldes auf 24 Teams wirkt vor diesem Hintergrund nahezu grotesk. Innerhalb der Fifa hat die Idee viele Freunde, aufgrund des offensichtlichen Leistungsgefälles äußerte Zwanziger jedoch große Zweifel. "Gut überlegen" solle man sich diesen Plan nun, warnt der DFB-Präsident. "Die WM wäre schöner, wenn die Mannschaften gleichwertiger wären", erklärt auch die wie Prinz dreimal erfolgreiche Sandra Smisek. Am Freitag trifft das Team von Bundestrainerin Neid auf England, danach auf Japan, die heute 2:2 spielten. Smisek sieht in den kommenden Gegnern "andere Kaliber", und sie scheint sich sogar darüber zu freuen.

Womöglich ist der Schuldige für die vielen, dem Werbewert des Frauenfußballs eher abträglichen Tore gegen Argentinien aber auch in den eigenen Reihen zu suchen. Smisek berichtete, DFB-Boss Zwanziger habe jede Spielerin vor der Partie geküsst - elf Küsse, elf Tore. Ob er das Ritual vor der Partie gegen England (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ändert, steht noch nicht fest. Per Mertesacker wird auch diesmal keine Zeit haben, das Spiel zu verfolgen. Er reist am Freitag mit Bremen nach Dortmund.

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