WM-Stadion Jekaterinburg Wie ein liebenswerter Freak

In Jekaterinburg steht die außergewöhnlichste Spielstätte der WM, das neue Lieblingsstadion von Hendrik Buchheister. Hier schreibt er, warum die kleine Arena so faszinierend ist.

Getty Images

Die meisten Journalistenkollegen haben ihren persönlichen Spielplan für die Weltmeisterschaft in Russland folgendermaßen zusammengestellt: Sie haben sich für die Spiele der Mannschaften entschieden, für die sie seit Jahren zuständig sind; sie haben sich für Spiele entschieden, von denen sie sich gute Geschichten versprechen; sie haben sich für Spiele an Orten entschieden, die gut zu erreichen sind; sie haben sich für Spiele entschieden, von denen die Chefs meinten, dass man dort jemanden haben müsste.

Bei mir war das ein bisschen anders. Das Kriterium für meinen WM-Spielplan war ein Stadion. Als ich vor ein paar Monaten im Internet zum ersten Mal die Bilder der Arena in Jekaterinburg sah, mit ihren provisorischen Zusatztribünen hinter den Toren, die nötig sind, um die von der Fifa geforderte Mindestkapazität von 35.000 Plätzen zu erfüllen, war für mich klar: Da muss ich hin.

Fotostrecke

6  Bilder
Arena in Jekaterinburg: Das außergewöhnlichste Stadion der WM

Und hier bin ich jetzt, in der östlichsten der elf WM-Städte, wo sich Europa und Asien treffen. Ich habe bisher alle drei WM-Spiele in Jekaterinburg besucht und werde auch an diesem Mittwoch (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) bei der Partie zwischen Mexiko und Schweden, dem kleinen Finale der Deutschland-Gruppe F, in dem Stadion sitzen. Zum letzten Mal. Danach scheidet Jekaterinburg aus dem Turnier aus. Spiele der K.-o.-Runde finden hier keine statt. Das ist schade.

Vielleicht das außergewöhnlichste Stadion im Weltfußball

Die Arena ist das außergewöhnlichste Stadion der WM. Vielleicht ist sie sogar das außergewöhnlichste Stadion im Weltfußball, neben dem Estádio Municipal im portugiesischen Braga, wo sich hinter den Toren keine Tribünen befinden, sondern Felswände. In Jekaterinburg stehen hinten den Toren Ränge aus Stahlrohren. Die Konstruktion sieht ziemlich furchteinflößend aus.

Wer ganz oben sitzt, muss sich fühlen wie in einer Achterbahn am höchsten Punkt, kurz bevor es in rauschendem Tempo nach unten und dann in den Looping und die doppelte Schraube geht. So stelle ich mir das vor. Die Zusatzränge sind extrem steil. Von der Haupttribüne sieht es tatsächlich so aus, als würden sich hinter den Toren Wände erheben.

Die Arena in Jekaterinburg hat nicht die umwerfende Schönheit des Stade Vélodrome in Marseille; sie hat nicht das Mythische des Maracanã in Rio de Janeiro, wo man aus dem Stadion den Corcovado-Berg mit der berühmtem Christusstatue sehen kann; es erfüllt keinen Superlativ wie das Stadion in Dortmund, das über die größte Stehtribüne Europas verfügt. Die Arena in Jekaterinburg ist besonders. Ein liebenswerter Freak. Sie ist auf dezente Weise hübsch. In der Form eines Kochtopfs ist sie hineingebaut in die historische Fassade aus den Fünfzigerjahren. Grau gestrichener Beton, sechs weiße Säulen an jedem Portal, Statuen und andere Verzierungen, sowjetischer Neoklassizismus.

Zu klein und zu exotisch

In der Nacht, wenn die Spiele vorbei und die Zuschauer heruntergeklettert sind von den steilen Rängen, leuchtet und blinkt die Außenhaut des Stadions dank Tausender LED-Lampen und erhellt den westlichen Rand der Innenstadt von Jekaterinburg. Das Stadion verbindet das Alte mit dem Neuen und dem Vorübergehenden. Nach der WM werden die Stahlrohrtribünen wieder abgebaut.

Dem FK Ural Oblast Swerdlowsk steht dann in der Premjer-Liga eine Spielstätte mit 23.000 Plätzen zur Verfügung. Irgendwie ist es folgerichtig, dass es für das Stadion nicht für die K.-o.-Runde der WM reicht. Dafür ist es zu klein und zu exotisch. In den entscheidenden Spielen treffen die großen Fußballnationen in großen Arenen aufeinander. Im Moskauer Luschniki-Stadion vor 80.000 Zuschauern und in St. Petersburg vor fast 70.000 Zuschauern. An das Stadion in Jekaterinburg wird man sich nach der WM ungefähr genau so erinnern wie an die tapferen Teams aus Panama, Peru, Iran oder Marokko.

Sie haben keine große Rolle gespielt. Aber ohne sie wäre das Turnier ein Stück trauriger gewesen.



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.