WM-Tickets Wie man noch ins Stadion kommt

Für die Fans ist der versuchte Ticketkauf für die Spiele der Fußball-WM frustrierend und ärgerlich. Es gibt aber immer noch Karten - man muss nur wissen, wie man dran kommt. Von der Fan-Selbsthilfe bis zum professionellen oder dubiosen Zwischenhändler reicht das Angebot.

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"Ormus" ist zufrieden. Der Mann, der sich hinter dem Spitznamen verbirgt, ist Software-Entwickler - und Fußballfan. Etwa 1000 Euro hat er investiert in seine Tickets für die WM, und fast alles bekommen, was er wollte - inklusive einer Teamserie für die deutsche Nationalmannschaft. Alle seine Karten hat er im sogenannten Resale bekommen - er erwarb Tickets, die andere zurückgaben.

Elektronische Einlasskontrolle: "Utopische Vorgabe"
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Elektronische Einlasskontrolle: "Utopische Vorgabe"

Bei der Ticketvergabe, sagt er, "gewinnen die Leute, die viel vor dem Computer sitzen, andere haben eigentlich keine Chance". Um die Jagd auf die Eintrittskarten etwas zu vereinfachen, hat Ormus ein kleines Programm geschrieben und  im Internetforum Tooor.de veröffentlicht.

Das "Ormus-Tool" ist nur eins von vielen, die den elektronischen Einkauf erleichtern sollen - und es tut nichts Illegales. Wenn man Interesse für ein bestimmtes Kartenkontingent erklärt habe, müsse man im Onlineshop für die Tickets zunächst einen Sicherheitscode eingeben, erklärt der Entwickler. "Danach landen Sie in 99 Prozent der Fälle in einem Warteraum. Da müssten Sie jetzt immer wieder die Seite neu Aufrufen, bis sie nicht mehr zum Warten aufgefordert werden, sondern ein Login-Fenster angezeigt bekommen." Erst von da aus geht's zum Einkauf.

Diese ständig wiederholten Seitenaufrufe nimmt einem das Programm ab - und stoppt in dem Moment, in dem das Login-Fenster erscheint. Ein Piepsen benachrichtigt den Nutzer. Ist der erstmal drin im Shop, kann er nicht nur die Karten erstehen, die er ursprünglich angegeben hat, sondern auch noch andere, die zufällig ebenfalls gerade im Angebot sind. Kauft man eins davon, muss man auch das ursprünglich als "Türöffner" verwendete Ticket nehmen - und sei es für das Spiel Angola gegen Iran. Wer aber gar nichts findet, was ihm gefällt, kann immer noch den ganzen Kaufvorgang abbrechen - und zu einem anderen Zeitpunkt erneut versuchen. Aufwändig, aber legal ist das. Nun schlage ihm "schon viel Dank entgegen", sagt Ormus. "Manche Leute haben mir zwei Flaschen Wein geschickt."

"Platzieren Sie Ihr Gebot so hoch wie möglich"

Eine weitere Möglichkeit, doch noch an eines der begehrten Billets zu kommen, ist die Agentur Ticketstrike. Allerdings ist dieser Weg nicht gerade preiswert. Auch Ticketstrike setzt auf Karten aus dem Resale-Programm der Fifa. Das Prinzip ist ähnlich wie das des Tooor.de-Tools. Allerdings müssen keine Programme installiert werden. Ticketstrike versteht sich als eine Art Vermittler zwischen den frei gewordenen Plätzen im Fifa-Shop und zahlungskräftigen Kunden.

Wer sich für Karten interessiert, kann seine persönlichen Daten an die Agentur übermitteln. Zur eigenen Sicherheit sollte darauf verzichtet werden, Kreditkartennummern weiterzugeben, schließlich kann die Zahlung auch per Bankeinzug abgewickelt werden. Die Mitarbeiter der Agentur vermitteln nun freie Kontingente auf der Fifa-Homepage an die Bewerber. Den Zuschlag erhält hier allerdings nicht, wer sich zuerst für ein Spiel "beworben" hat, sondern derjenige, der seine Bewerbung mit finanziellen Anreizen geschmückt hat. "Provision" nennen es die Verantwortlichen hinter dem Angebot. Der Kunde bezahlt seine Tickets bei der Fifa direkt, dadurch müssen die Eintrittskarten nicht umgeschrieben werden. Die Provision wickelt er mit Ticketstrike ab.

"Damit Sie eine Chance haben, platzieren Sie Ihr Gebot so hoch wie möglich", heißt es unter den FAQs auf der Internetseite. "Den besten Tipp, den wir Ihnen geben können ist es, nicht zu wählerisch zu sein. Akzeptieren Sie jede Preiskategorie und auch nicht zusammenhängende Sitzplätze. Dies verbessert Ihre Chancen enorm", kobern die Anbieter.

Über die Seriosität des Unternehmens mit Firmensitz in England wird im Forum bei Tooor.de heftig debattiert. Ein User spricht von einer "one man show. Ich vermute, dass es sich um eine Person handelt, die sich ein paar Euro dazuverdienen will", mutmaßt der Benutzer "Sambo", der das Angebot getestet hat. Seine Zweifel sind allerdings bereits zwei Tage später vergessen, als die Fifa den Erwerb der Tickets bestätigt: "Das Positive ist, dass die Seite vermutlich aber zum Erfolg führt."

Andere Anbieter, die ebenfalls online zu finden sind, bieten Tickets für fast alle Spiele zu Festpreisen an - ein einzelnes für die Eröffnungspartie zwischen Deutschland und Costa Rica kostet da mal eben 800 Euro, in der niedrigsten Kategorie. Ob man solche Summen durch Herausgabe seiner Kreditkartendaten vorstrecken und einem im Ausland sitzenden Anbieter von Karten aus dubioser Quelle vertrauen sollte, sei dahingestellt.

Nur Stichproben

Auch beim Internetauktionator Ebay werden noch WM-Tickets angeboten. Der Nachteil: Die Tickets sind zumeist auf die Namen der Anbieter ausgestellt, somit bleibt das Risiko, dass die Umschreibung auf den neuen Besitzer abgelehnt wird und sein Stadionbesuch an der elektronischen Einlasskontrolle endet. "Die Fifa kann sowieso nicht alle kontrollieren", schreiben deshalb viele Ebay-Verkäufer in ihre Angebote.

"Natürlich können wir nur Stichproben machen. Unsere Vorgabe lautet, jeden 50. zu kontrollieren", sagte OK-Sprecher Jens Grittner SPIEGEL ONLINE. "Das ist eine utopische Vorgabe, die mit der Anzahl Volunteers nicht zu erfüllen ist", sagt ein Mitarbeiter aus der Fifa-Ticketingabteilung, der namentlich nicht genannt werden möchte. Dazu passt ein Eintrag aus einem internen Fifa-Protokoll. Dort heißt es: "Geringe Verfügbarkeit von Volunteers in München. Die Zahlen liegen weit unter dem, was benötigt wird". Auch das Stadion sei betroffen und damit auch die Zugangskontrollen.

Klärungsbedarf besteht auch im Zusammenhang mit Sponsorenkarten. Wie der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, haben Ticketbroker Karten von Sponsoren sowie kleinen Teilnehmerländern aufgekauft, um diese dann – teilweise gekoppelt an Reiseangebote – für ein vielfaches weiterzuverkaufen. Möglich wird diese Lücke, weil jene Karten nicht personalisiert, sondern lediglich nummeriert sind. Bis zum 15. Mai sollten Sponsoren und Verbände eigentlich die Inhaber der Karten an die Fifa geschickt haben. Dies scheint nicht der Fall zu sein, auch wenn der Weltverband in einer Pressemitteilung heute erneut die Dinge zu beschönigen versucht: "Bei  Tickets aus größeren Kontingenten der verantwortliche Besteller, also der Landesverband oder der Sponsor. Der wiederum besitzt die Verpflichtung, Listen mit den konkreten Namen zu führen und dem OK zur Verfügung zu stellen", erklärte OK-Vizepräsident Horst R. Schmidt. 

Soweit die Theorie, in der Praxis sieht die Lage derzeit offenbar anders aus: "Die Personalisierung der Tickets zeigt sich als sehr problematisch. Es müsste noch einmal der Druck auf die Fifa-Partner erhöht werden, damit die Fifa geforderte Daten bekommt", heißt es in dem Protokoll.



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Kei, 02.06.2005
1. fehlt nur noch eine speichelprobe zur ticketbestellung!
---Zitat von sysop--- Komplizierte Lotterie, strenge Datenkontrolle, wenig Flexibilität: Die Sicherheitsvorkehrungen bei der Vergabe der Tickets zur Fußball-WM 2006 bescherten den Verantwortlichen weniger Anfragen als erwartet. Und das bei knappem Kontingent. Wird die restriktive Verteilungspolitik zum Eigentor? Oder sind die Reglementierungen angesichts einer anspruchsvolleren Sicherheitslage gerechtfertigt? Werden Sie sich noch um Tickets bemühen? ---Zitatende--- eigentlich wollte ich mir karten bestellen, doch ist es mir kaum möglich, schon ein jahr im voraus zu planen, ob ich dann auch wirklich hingehen kann - vor allem mit den leuten meiner wahl! fragwürdig ist auch, warum privatpersonen intimste daten preisgeben müssen, sponsoren und verbände jedoch großzügige kontingente an tickets erhalten! meine befürchtung ist ja, dass letztlich einige stühle leer bleiben werden, da sich das ok bei der planung wohl verkünstelt hat! was mich aber an der vergabepraxis am meisten angekotzt hat, war das statement von beckenbauer, er müsse sich ja selbst auch noch um karten kümmern, da er noch keine hat! ich hoffe ihm bleiben die kaviarhäppchen in der vip-lounge gehörig im halse stecken!
fischera, 05.08.2005
2. Lotterie ja, Daten nein
Das Lotterie-System hat sich bereits in Wimbledon bewährt. Das ganze Datenabgefrage finde ich persönlich jedoch teilweise etwas lächerlich. EinigeDaten abzufragen, kann nützlich sein, z. B. um gegen Hooligans, aber auch Terroristen vorzugehen, aber soviele... Ich werde auf alle Fälle nicht hingehen, auch wenn ich zu der Zeit vielleicht wieder in Deutschland bin, habe ich keine Lust durch ein solches Verfahren u. U. an Tickets zu gelangen. Dann geh ich lieber zu anderen Großveranstaltungen.
eierman, 05.08.2005
3. Hooligans oder Terorristen?
---Zitat von fischera--- Das Lotterie-System hat sich bereits in Wimbledon bewährt. Das ganze Datenabgefrage finde ich persönlich jedoch teilweise etwas lächerlich. EinigeDaten abzufragen, kann nützlich sein, z. B. um gegen Hooligans, aber auch Terroristen vorzugehen, aber soviele... ---Zitatende--- Moin, dazu kann ich nur sagen "Jetzt haben sie euch!" (die Terorristen). Wenn ein Selbmordattentäter aktiv wird, dann ist ihm doch schei... egal, ob sein Name vorher bekannt war. Aber über Eins wird sich jeder Terorroist freuen, wir haben Angst und wir werden unser Leben in nächster Zeit unangenehm gestallten müssen. Wir werden in einem totalitären Staat leben müssen. Das ist eigentlich schon der größte Effekt von diesen vielen Anschlägen. Die Hooligans bekommt man damit natürlich absolut in den Griff. Aber um diese beiden Gruppen für die viel zu hohen Preise verantwortlich zu machen, ist, so glaube ich, ein ganz schlechter Zug. Sollen die doch zugeben, dass sie Geldverdienen wollenin dem sie das Volk abzocken. Gewinnoptimierung nennt man das. Gruß Frank
Jochen Binikowski 08.08.2005
4.
---Zitat von Kei--- was mich aber an der vergabepraxis am meisten angekotzt hat, war das statement von beckenbauer, er müsse sich ja selbst auch noch um karten kümmern, da er noch keine hat! ich hoffe ihm bleiben die kaviarhäppchen in der vip-lounge gehörig im halse stecken! ---Zitatende--- Das ist pure Majestätsbeleidigung. Der Kaiser hat soviele wichtige Werbetermine bei Postbank & Co., da kann sich auch ein Fußballgott schon mal verbal verdribbeln. Deshalb schlage ich den Franz zum Tor des Monats vor. Wie auch immer, ich habe eine Karte für den 15.6. in Hamburg und freue mich tierisch darauf. Macht auch nix, wenn dann die Saudis gegen Jamaika spielen. Nur gut, dass ich mit Flaggen handele, da habe ich immer das passende dabei... Und dann kommt ja noch eine Verlosung und bei den diversen Gewinnspielen der Sponsoren werde ich auch mitmachen. Wäre ja eine echte Schande, wenn Plätze leer blieben. Bei diesen Aktivismus muss ich nur darauf achten, dass es kein Problem mit meiner Frau gibt. Im Juni 06 haben wir Silberhochzeit und da bin ich mir nicht 100% sicher, ob sie Verständnis zeigt, wenn sie vor dem Stadion auf mich bis zum Spielende und anschliessenden Umtrunk mit den Jamaika-Fans warten müsste...
Jacky Thrilla, 22.10.2005
5.
---Zitat von Jochen Binikowski--- (..) und da bin ich mir nicht 100% sicher, ob sie Verständnis zeigt, wenn sie vor dem Stadion auf mich bis zum Spielende und anschliessenden *Umtrunk* mit den Jamaika-Fans warten müsste... ---Zitatende--- Umtrunk ist gut, vor allem bei den Jamaika Fans...;oP Die kiffen doch viel lieber, oder?? Grütze JT P.S.: Ich kuck mir die Spiele im Biergarten, oder aufm Balkon zusammen mit Freunden an, hat mehrere Vorteile: 1. Auf jeden Fall gute Stimmung (außer die Unsrigen spielen grottig, aber dann hat man ja noch die Schadenfreude) 2. Ich erspare mir diese Datenerfassungsschei..e, und muss mich nicht wie ein Verbrecher fühlen, nur weil ich ein Spiel sehen möchte 3. Ich spare mir ne Menge Geld für die Karten, kann mir dafür z.B. ein schickes Trikot kaufen 4. Unterstütze ich diese Kommerzspiele so wenig wie möglich Das Kartenverkaufssystem ist wirklich das Letzte, entweder ich bestellte mir Karten für ein Spiel, bei dem ich bis heute nicht weiß, wer gegen wen spielt (was ja besonders gut für die Stimmung in den Stadien ist, wenn französische, marrokkanische, englische, argentinische und deutsche Fans im Stadion sitzen und Mexiko gegen Saudi-Arabien gucken sollen...richtig töfte vom OK!) und ansonsten 50% der Tickets an irgendwelche Konzerne gehen, die damit ihren Reibach machen, und irgendwelche Leuts in die Stadien stopfen, die vielleicht viel lieber gerade beim Frisör hocken würden....oder so... Da wird die Stimmung im Biergarten vor der Großleinwand um Einiges besser sein, aber 100 Pro! Unterm Strich kann man nur sagen: Prima, liebes OK, das Verfahren ist wirklich pfanni und sowas von Deutsch...!!!
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