Millionenzahlung an die Fifa DFB-Kollegen kritisieren Präsident Niersbach

Wolfgang Niersbach gerät immer mehr unter Druck. Präsidiumskollegen fordern vom DFB-Chef eine schnelle Aufklärung der Millionenzahlung an die Fifa. Und es mehren sich die Zweifel an Niersbachs Version der Geschichte.

DFB-Präsident Niersbach: "Die Stimmung ist sicherlich nicht die allerbeste im Augenblick"
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DFB-Präsident Niersbach: "Die Stimmung ist sicherlich nicht die allerbeste im Augenblick"


Tagelang sprangen Weggefährten Wolfgang Niersbach in der Affäre um die WM-Vergabe 2006 zur Seite, nun wächst die Kritik am Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) - auch intern. "Die Stimmung ist sicherlich nicht die allerbeste im Augenblick", sagte DFB-Vizepräsident Eugen Gehlenborg der "Rheinischen Post".

Niersbachs Kollegen wollen von ihrem Verbandsboss wissen, was es mit der dubiosen Zahlung von 6,7 Millionen Euro des WM-Organisationskomitees an die Fifa im Jahr 2005 auf sich hat, die der SPIEGEL aufgedeckt hatte. Das Geld soll aus einer schwarzen Kasse stammen, die 2000 vom damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus befüllt worden war. Mutmaßlich sollen damit Fifa-Stimmen im Zuge der WM-Vergabe gekauft worden sein.

Niersbach, damals Mitglied des Organisationskomitees, hatte nach eigenen Angaben bereits im vergangenen Sommer interne Ermittlungen eingeleitet, um den Verbleib der 6,7-Millionen-Euro Zahlung zu klären. Darüber hatte er das DFB-Präsidium laut Hans-Ludwig Meyer, Präsident des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbands, aber nicht informiert. Niersbach hätte bereits vor einem halben Jahr "auf das Präsidium zugehen müssen", sagte Meyer dem "Flensburger Tageblatt".

Die Protagonisten der WM-Vergabe 2006
Franz Beckenbauer

Das Gesicht der deutschen Bewerbung. Ende 1996 wurde Beckenbauer vom DFB als WM-Botschafter gewonnen, von 1998 an war er Chef des deutschen Bewerbungskomitees. Beckenbauer reiste fortan um die Welt und warb um Stimmen für Deutschland. Doch das allein schien nicht zu reichen, wie man heute weiß. Zwar stimmten wahrscheinlich acht europäische Vertreter im 24-köpfigen Fifa-Exekutivkomitee, das die Fußball-Weltmeisterschaften vergibt, für Deutschland. Die Stimmen anderer Kontinente mussten aber offenbar anders eingesammelt werden als durch bloßes Händeschütteln – schließlich waren 13 Befürworter für den Zuschlag nötig.

Fedor Radmann

Der Strippenzieher im Hintergrund. Radmann war ein erfahrener Organisator von großen Sportveranstaltungen, angefangen bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Und er soll entscheidend daran beteiligt gewesen sein, kurz vor der WM-Vergabe die entscheidenden Stimmen für Deutschland einzusammeln. So kam Radmann eine bedeutende Rolle zu, als es um Geldflüsse auf Konten ging, die in direktem Zusammenhang mit wankelmütigen Mitgliedern des Fifa-Exekutivkomitees standen. Männern also, die bei der WM-Vergabe abstimmungsberechtigt waren.

Leo Kirch

Der Medien-Mogul makelte die TV-Rechte für die WM 2006. Daher hatte er großes Interesse, dass das Turnier in Deutschland stattfinden würde und nicht in Südafrika, dem härtesten Konkurrenten der DFB-Bewerbung. Denn Kirchs Mitarbeiter waren überzeugt davon, mit dem Weiterkauf der Rechte deutlich mehr Geld zu verdienen, wenn Deutschland den Zuschlag bekäme. Über Kirchs Anwälte und seinen Chefmanager Dieter Hahn wurden die Zahlungen an die Fifa-Funktionäre eingeleitet – nach vorheriger Absprache mit Fedor Radmann.

Günter Netzer

Beckenbauers alter Kumpel aus Nationalmannschaftzeiten war Anfang 2000 Direktor der Schweizer Agentur CWL, die Übertragungsrechte für Fußballspiele erwarb, an TV-Sender weiterverkaufte und zum Kirch-Imperium gehörte. CWL kaufte unter anderem die Rechte an Freundschaftsspielen zwischen dem Beckenbauer-Klub FC Bayern München und den Nationalmannschaften von Malta und Thailand – also Verbänden, deren Funktionäre Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees waren. Pro Spiel zahlte CWL 250.000 bis 300.000 Dollar. Es waren Partien, die für Sender zum damaligen Zeitpunkt eher uninteressant waren. Gezeigt wurden die Spiele dann im DSF – dem frei empfangbaren Sportsender von Kirch, der heute Sport1 heißt. Alle Verträge sind von Netzer unterschrieben und waren vorher mit Radmann abgesprochen. Die Geldflüsse wurden dann auch über CWL abgewickelt.

Worawi Makudi

Der Thailänder galt bei der Abstimmung 2000 als möglicher Königsmacher. Denn Makudi hatte sich im Vorfeld der Abstimmung auf keinen Kandidaten festgelegt – und alle Beteiligten erwarteten ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Deutschland und Südafrika. Als Generalsekretär des thailändischen Fußballverbandes war er erster Ansprechpartner für den Freundschaftsspiel-Deal mit der CWL für die Partie zwischen der Nationalelf Thailands und dem FC Bayern. Der Vertrag wurde erst nach dem Spiel abgeschlossen. Für wen Makudi in der geheimen Abstimmung votierte, hat er nie gesagt; Kenner gehen aber davon aus, dass er höchstwahrscheinlich für Deutschland stimmte.

Joseph Mifsud

Ein Freundschaftsspiel zwischen der Nationalmannschaft Maltas und dem FC Bayern? Für 250.000 Dollar? So viel hätte außer der CWL im Jahr 2000 wohl kaum ein TV-Rechtehändler bezahlt. Aber Mifsud, Präsident des maltesischen Fußballverbandes, war damals nicht gut auf Deutschland zu sprechen, weil er seinen Posten im Fifa-Exekutivkomitee an DFB-Vizepräsident Gerhard Mayer-Vorfelder abtreten sollte und wieder besänftigt werden musste. Das Geld sollte dann auch nicht auf das Verbandskonto fließen – sondern auf ein Treuhandkonto. TV-Rechtehändler sagten 2003 dem "Manager Magazin", so etwas sei ein "absolut unüblicher Vorgang".

Jack Warner

Sein Fall ist dem von Mifsud ähnlich. Warner favorisierte eigentlich Südafrika, galt aber als umstimmungsfähig. Er war 2000 Berater des Fußballverbandes von Trinidad und Tobago, über ihn wurde auch das Freundschaftsspiel zwischen der Nationalmannschaft und dem FC Bayern eingefädelt. Auch Warner wollte die 300.000 Dollar auf ein Treuhandkonto überwiesen bekommen haben. Weil das Spiel aber nie stattfand, ist laut Netzer trotz Vertrages auch kein Geld geflossen. Warners Firma JD International bekam 2001 übrigens die karibischen TV-Rechte für die WM 2002 und 2006. Der Gesamtpreis dafür waren vergleichsweise läppische 4,8 Millionen Schweizer Franken –der Rechteinhaber hieß Kirch.

Gerhard Schröder

Er war gerade mal einen Monat Bundeskanzler, da schmiedete Schröder im November 1998 mit DFB-Präsident Egidius Braun und dessen Vize Gerhard Mayer-Vorfelder das "Bündnis für Fußball". Schröder setzte sich fortan stark für die deutsche WM-Bewerbung ein. Er setzte Finanzminister Oskar Lafontaine im Kabinett so unter Druck, dass der als letzte Amtshandlung vor seinem unrühmlichen Abgang Anfang 1999 die von der Fifa geforderten Steuerbefreiungen und Erleichterungen absegnete. Unter seiner Leitung beschloss der Bundessicherheitsrat kurz vor der Wahl Pikantes: Deutschland lieferte 1200 Panzerfäuste an Saudi-Arabien. Dem saudischen Königshaus gehörte auch Abdullah al-Dabal an, der damals als Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees über die WM-Vergabe mit abstimmen durfte.

Joseph Blatter

1998 wurde Blatter erstmals zum Fifa-Präsidenten gewählt und warb offensiv für die Vergabe der WM 2006 an Südafrika. Die afrikanischen Stimmen dafür waren sicher, ebenso die aus Amerika, weil deren einflussreichsten Männer enge Verbindungen zu Blatter pflegten. Die vier Asiaten wurden in den Wochen vor der Wahl (wohl komplett) auf die deutsche Seite gezogen, Ozeanien wollte im letzten Wahlgang für Südafrika stimmen. Damit wäre es bei acht Deutschland-Stimmen der Europäer zu einer Pattsituation gekommen, 12:12. Und bei einem Unentschieden hätte das doppelte Stimmrecht des Präsidenten den Ausschlag gegeben, also die von Blatter für Südafrika. Doch es kam anders.

Charles Dempsey

Im dritten Wahlgang waren nur noch Deutschland und Südafrika übrig, da wurde Dempsey zum entscheidenden Mann im 24-köpfigen Fifa-Exekutivkomitee, das am 6. Juli 2000 über die WM-Vergabe abstimmte. Der ozeanische Kontinentalverband, dem der Neuseeländer angehörte, favorisierte klar Südafrika, Dempsey selbst wollte aber für Deutschland stimmen. Am Ende gab er keine Stimme ab, später sprach er nebulös von "nicht tolerierbaren Druck durch einflussreiche europäische Interessengruppen". Was er damit meinte, klärte Dempsey nie auf, er starb 2008. Gerüchte über eine Geldkofferübergabe am Tag der Wahl gibt es bis heute. Aufgrund von Dempseys Enthaltung stand es 12:11 für Deutschland – Beckenbauer, Radmann und Co. waren am Ziel.

Robert Louis-Dreyfus

Der Franzose, der 2009 mit 63 Jahren an Leukämie starb, war von 1993 bis 2001 CEO des Sportartikelherstellers Adidas. Nach Informationen des SPIEGEL hatte das deutsche Bewerbungskomitee für die WM 2006 eine schwarze Kasse eingerichtet, die Dreyfus heimlich mit 10,3 Millionen Schweizer Franken gefüllt hatte - damals 13 Millionen Mark.

Wolfgang Niersbach

Der heutige DFB-Präsident gehörte neben Beckenbauer, Radmann und Horst R. Schmidt zum Quartett der WM-Bewerbung und war seit 2001 geschäftsführender Vizepräsident (für Marketing) und Pressechef des deutschen Organisationskomitees für die WM 2006. Nach Informationen des SPIEGEL war er allem Anschein nach spätestens seit 2004 in die Vorgänge rund um die Schwarze Kasse eingeweiht. Der SPIEGEL berichtet, dass eine Notiz auf einem Geheimpapier vom 23. November 2014 die Handschrift Niersbachs tragen soll: "das vereinbarte Honorar für RLD". Die Initialen sollen für Robert Louis-Dreyfus stehen, in dem Geheimpapier soll es um die Rückzahlung der 13 Millionen Mark (6,7 Millionen Euro) durch das WM-OK gehen. Der DFB bestreitet vehement Unregelmäßigkeiten mit der Vergabe der WM 2006. "Mit aller Konsequenz hält der DFB deshalb noch mal ausdrücklich fest, dass dementsprechend weder der DFB-Präsident noch die anderen Mitglieder des Organisationskomitees in derartige Vorgänge involviert sein oder davon Kenntnis haben konnten."

Allerdings mehren sich die Zweifel an der Version, dass Niersbach tatsächlich schon vor Monaten eine Untersuchung beim DFB einleitete, und nicht doch erst seit er Kenntnis von den SPIEGEL-Enthüllungen hatte. Selbst der fünfköpfige DFB-Präsidialausschuss, dem neben Niersbach auch DFL-Präsident Reinhard Rauball, Generalsekretär Helmut Sandrock, Schatzmeister Reinhard Grindel und Vizepräsident Rainer Koch angehören und in dem in der Regel brisante Themen vorab besprochen werden, wusste offenbar nichts von einer Untersuchung seit Sommer. "Wir haben definitiv nichts erfahren", sagte ein namentlich nicht genanntes Mitglied des Präsidialausschusses der "Bild"-Zeitung.

Die Vorsitzenden der 21 DFB-Landesverbände fordern Niersbach in einem gemeinsamen Brief auf, für eine lückenlose Aufklärung zu sorgen. "Die erhobenen Anschuldigungen treffen uns alle schwer. Es muss eine schnelle und gründliche Untersuchung geben", so DFB-Vize Gehlenborg der "Rheinischen Post".

Beckenbauer droht weiterer Ärger durch die Fifa

Wie der SPIEGEL berichtet, soll Niersbach spätestens seit 2005 von der schwarzen Kasse und der 6,7-Millionen-Euro Zahlung gewusst haben, ebenso wie Franz Beckenbauer, damals Chef des Bewerbungskomitees. Und dem "Kaiser" droht weiterer Ärger. Die Fifa will am Mittwochnachmittag eine Liste veröffentlichen, auf der die Namen all derjenigen stehen, gegen die der Fußball-Weltverband derzeit ermittelt - unter anderem Beckenbauer. Es soll dabei um die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 nach Russland und 2022 nach Katar gehen. Auch diese Turniere stehen im Verdacht, gekauft worden zu sein.

ham/dpa

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Seite 1
xvxxx 21.10.2015
1. Si tacuisses
Tja, hätte er sich besser konsequent an die alte Anwaltsweisheit gehalten: "Alles leugnen , nichts zur Sache sagen"
Mieze Schindler 21.10.2015
2. Warum glaubt man Herrn Niersbach denn nur nicht?
Er erzählt doch sonst so schön, die Geschichten von Schneewittchen und den sieben Zwergen, von Hänsel und Gretel, vom Froschkönig und vieles andere mehr.
EinJemand 21.10.2015
3.
Wann aber kommt der Beweis, lieber Spiegel, für den Kauf der WM? Auf Seite 17 eurer Print-Ausgabe gebt ihr zu, diesen nicht zu haben, obwohl ihr in der Hausmitteilung derselbigen Ausgabe von "Gewissheit" sprecht. Hier ist ein logischer Widerspruch, wenn man journalistisch sauber arbeiten will.
sidatiol 21.10.2015
4. Zweifel sind Zweifel...
...und muessen aufgeklaert werden. Aber die "Empoerung" der lieben Kollegen darf man nicht ueberbewerten. D wittert doch jetzt manch einer profitables Stuehleruecken.
wackeldackel77 21.10.2015
5. Spiegel und Niersbach...
sind beide in der Pflicht! Der Spiegel soll endlich aufhören Mutmaßungen zu veröffentlichen und Beweise für seine Anschuldigungen vorlegen. Und wenn die Beweise vorliegen, dann muss Niersbach für öffentliche Aufklärung sorgen. Mutmaßungen sind in dieser Diskussion fehl am Platz, lieber Spiegel. Wenn ihr Beweise habt, dann legt sie vor. Mutmaßen kann man vieles. Ich könnte z.B. ja auch mutmaßen, dass ein falscher "Fufziger" der Informant ist. Ist schon komisch, dass ein Ex-DFB-Präsident und Ex-Schatzmeister des DFB, der ja auch in solche Dinge hätte involviert sein müssen, in keinem Artikel auftaucht. Stattdessen wird er sogar noch vom Spiegel in Schutz genommen, wenn Dritte behaupten, dass er der Maulwurf ist. Schon komisch. Also sorgt für Aufklärung und legt endlich Beweise vor für eure Mutmaßungen, denn dann weiß jeder was los ist und der DFB muss dann schonungslos aufklären.
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