DFB-Präsident Niersbach: Der Wegducker

Von Rafael Buschmann

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DFB-Präsident Niersbach (2012): Prägende Debatten verpasst

Wolfgang Niersbach scheut das Rampenlicht. Seit seinem Antritt vor einem Jahr agiert der DFB-Präsident lieber im Hintergrund. Doch das Amt verlangt mehr. Statt Profil zu zeigen, schweigt der 62-Jährige zu vielen kritischen Themen.

Düsseldorf, ein Nachmittag Anfang der vergangenen Woche: Auf dem Podium des Sportbusinesskongresses sitzt DFB-Manager Oliver Bierhoff und spricht über die WM 2014, seine mögliche Vertragsverlängerung und die Qualität der deutschen Nationalmannschaft. Es ist ein durchaus launiges Gespräch. Aber ein informationsarmes.

In der ersten Reihe auf der Zuschauertribüne hat auch Wolfgang Niersbach seinen Spaß. Der DFB-Präsident lacht viel während des Bierhoff-Vortrags und macht Späße mit seiner Entourage. Dem 62-Jährigen gefallen solche unverfänglichen, oberflächlichen PR-Termine. Das wundert nicht: Sie passen schließlich irgendwie auch ganz gut zu seinem Wirken als DFB-Präsident.

Seit genau einem Jahr ist Wolfgang Niersbach nun im Amt. Die Frage war schon vor der Wahl: Wofür steht der Mann eigentlich? Die Antwort bleibt bislang ungeklärt.

Der ehemalige Nachrichtenredakteur, der jahrelang die Medienarbeit des DFB gesteuert hatte, bevor er in einem putschähnlichen Verfahren im vergangenen Winter den zum Alleinherrscher mutierten Theo Zwanziger von der Spitze des Verbandes bugsierte, scheint vor allem die Sonnenseiten seines Amtes zu genießen. Die problematischen Momente hingegen umfährt er weiträumig.

Viele verpasste Gelegenheiten, Profil zu zeigen

Weder als Generalsekretär, der an der direkten Seite von Zwanziger arbeitete, noch nun als Präsident des größten nationalen Fußballverbandes der Welt wagt er sich mit Lösungsansätzen oder konstruktiven Gedanken an Themen, die die gesellschaftliche Debatte bestimmen.

Das prägende Thema des vergangenen Jahres, die Sicherheitsdebatte im deutschen Fußball, umdribbelte Niersbach so gekonnt wie es seine früheren Idole der brasilianischen Nationalmannschaften der sechziger Jahre taten. Als DFB-Präsident hat er den aktiven Fanbewegungen bis heute kaum einmal die Chance zum konstruktiven Dialog geboten, sich geschweige denn für die aus Verbandssicht unrühmlich beendeten Pyrotechnik-Gespräche entschuldigt. Eine dezidierte Haltung zu Bengalos ist gleichwohl seit einem Auftritt im "Aktuellen Sportstudio" öffentlich: "Bengalische Feuer sind sinnlos", sagte Niersbach und plädierte für eine "Null-Toleranz-Politik in dieser Richtung".

Weggeduckt hat sich Niersbach, als der ehemalige DFB-Schiedsrichter-Obmann Manfred Amerell verstarb. An dieser Stelle hätte er die Größe besitzen und Amerells Ruf zumindest wieder einigermaßen herstellen können. Als damaliger Generalsekretär war Niersbach dem Präsidenten Zwanziger während der öffentlichen Schlammschlacht 2010 zur Seite gesprungen. Doch die damals durch Zwanziger viel zu einseitig vorgetragen Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen junge Nachwuchsschiedsrichter werden DFB-intern mittlerweile mit weit mehr als lediglich einem Kopfschütteln bewertet.

Zur Kritik an der WM-Vergabe 2022 an Katar äußerte er sich dagegen konkret - und nannte die Entscheidung in einem Interview mit der "Faz" "falsch". Die wichtigste Veranstaltung, die es im Fußball gibt, brauche "einen idealen Standort". Zu den Vorwürfen über eine zu große Nähe des Uefa-Chefs Michel Platini - ein Niersbach-Freund - zu der einflussreichen Qatar Sport Investments, für die Platinis Sohn als Europachef arbeitet, äußerte er sich nicht konkrekt. Immerhin brachte Niersbach seine Verwunderung darüber zum Ausdruck, dass sein Freund Platini "als Sportler und Funktionär damals für Katar gestimmt hat".

"Wolfgang Niersbach macht seinen Job sehr gut"

"Grundsätzlich sehe ich es nicht als meine Aufgabe an, auf jedes Pferd zu springen, das gerade gesattelt wird", sagt Wolfgang Niersbach SPIEGEL ONLINE. Bei wichtigen Themen wie der sportpolitischen Diskussion um die inhaftierte Politikerin Julija Timoschenko am Rande der EM in der Ukraine, Gewalt oder Rassismus habe er "persönlich klar Position bezogen", so der DFB-Präsident. Beim Thema Sicherheit sieht er seine Aufgabe lediglich bei der "Weichenstellung - die operative Umsetzung von Maßnahmen liegt dann zu großen Teilen bei den Vereinen." Ein solches Thema sei nicht "aus der Verbandszentrale zu lösen".

"Niersbach ist ein Strippenzieher, ein fleißiger Netzwerker im Hintergrund. Für die Professionalisierung des Verbandes ist er sehr wichtig. Er wird noch einiges auf den Weg bringen", sagte ein DFB-Delegierter im Rahmen des Länderspiels in Paris. Rainer Koch, Präsident des Süddeutschen und des Bayerischen Fußballverbandes, lobte im "Kicker": "Wolfgang Niersbach macht seinen Job sehr gut. Er setzt sich mit den Problemen der Regional- und Landesverbände auseinander und zeichnete unter anderem dafür verantwortlich, dass deren hohe Investitionen in IT-Systeme vom DFB erstattet worden sind."

Vielleicht wird dies tatsächlich am Ende das Niersbach-Verdienst sein: Die Einführung von technischer und organisatorischer Professionalität beim DFB und seinen wasserkopf-ähnlichen Landesverbandsstrukturen. Es wäre eine wichtige Modernisierung. Was allerdings in dieser Zeit mit den derzeitigen Zukunftsthemen wie dem Kampf gegen Rassismus, Homophobie, Gewalt im Fußball, Matchfixing, Doping oder Korruption geschieht, kann beim DFB derzeit niemand plausibel beantworten. Bislang waren das alles die Präsidententhemen, seit einem Jahr liegen sie brach.

Niersbach würde das nicht so sehen, er kann es nicht so sehen, denn er selbst sieht sich als "absoluten Teamplayer", die großen Entscheidungen würden im DFB-Präsidium "gemeinsam" getroffen. Er wirkt mit dieser pluralistischen Haltung wie der Gegenentwurf zu seinem Vorgänger Zwanziger. Aber es ist auch eine sehr kommode Haltung. Sie verteilt nicht nur die Entscheidungen auf viele Schultern, sondern auch das Risiko.

So war es auch bezeichnend, dass Niersbach, kurz nachdem Bierhoff in Düsseldorf das einzige heikle Thema angeschnitten hatte - seine eigene Vertragsverlängerung sowie die von Bundestrainer Joachim Löw - den Saal verließ. Durch den Hinterausgang.

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Ja-Sager und Schweiger
F9Race 01.03.2013
Wolfgang Niersbach hat den Job, gerade weil er so ist, wie er ist. Leider ist er kein Einzelfall. Nur zwei Sorten von Menschen kommen noch "nach oben" in unserer Gesellschaft: Solche, die sehr rücksichtslos sind, aber gleichzeitig bestens vernetzt mit welchen, die schon "oben" sind. Und solche, die ihnen nicht weh tun oder gefährlich werden können. Das ist Machtpolitik. Wer zu früh aus der Deckung kommt und nicht als Freund identifiziert wird, verschwindet. Einen kritischeren, mutigeren Menschen hätte die Fußball-Lobby nicht zugelassen. Hier passiert, was nach Politik und Wirtschaft die ganze Gesellschaft erfasst. Gerade in Unternehmen erlebt man immer öfter, dass einige wenige Spielregeln vorgeben, sich selbst aber kein bisschen daran gebunden fühlen --- warum auch? Sie brauchen diese Spielregeln ja nicht. Und sie glauben, dass sie ihre überzogenen Saläre irgendeiner Art von Überlegenheit und eigener Leistung verdanken. Neben und unter sich dulden sie allenfalls Menschen, die ihnen noch nützlich sein können, entweder weil sie ebenfalls gut vernetzt sind, oder weil sie eben brav alle ihnen übertragenen "operativen" (sprich: aus Sicht der "Elite" niederen) Aufgaben erfüllen. Zur zweiten Gruppe darf man Herrn Niersbach zählen. Neu ist das aber nicht. Und schlecht übrigens auch nicht, damit mich hier nur ja niemand falsch versteht! Er ist ein Saubermann im Fußballfilz, und das verdient Respekt. Nur darf man eben nicht erwarten, dass jemand, der bisher eher durch Vorsicht und Zurückhaltung aufgefallen ist, plötzlich ausgerechnet diejenigen provoziert, die ihn so weit kommen haben lassen.
2. Klar doch
privatier2 01.03.2013
Niersbach hat mehr als genug damit zu tun den FC Bayern München an der Bundesligaspitze zu halten!!!
3. Gott sei Dank
Andreas Rolfes 01.03.2013
Zitat von sysopWolfgang Niersbach scheut das Rampenlicht. Seit seinem Antritt vor einem Jahr agiert der DFB-Präsidenten lieber im Hintergrund. Doch das Amt verlangt mehr. Statt Profil zu zeigen, schweigt der 62-Jährige zu vielen kritischen Themen. Wolfgang Niersbach: Ein Jahr DFB-Präsident - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/wolfgang-niersbach-ein-jahr-dfb-praesident-a-886310.html)
Ich bin sehr froh, daß Niersbach nicht so eine Politik-Zelebrierungs-Schiene wie sein Vorgänger Dr.Z fährt. Der Mann soll sich um den deutschen Fußball kümmern, nicht um irgendwelche Polit-Verbrecher in ukrainischen Gefängnissen, die Wunschliste von Homosexuellen oder sonstige zeitgeistige Polit-Anbiederung.
4. sehr gut
hinzkunz001 01.03.2013
was Niersbach macht, und der Artikel ist ueberfluessig. es ist nicht die aufgabe des DFB presidenten profil zu zeigen, das haben MV und Zwanziger schon gemacht und das war eher schaedlich fuer den DFB. Zu Pyros hat er sich geaeussert und gesagt das das unnoetig ist, ausserdem ist das sache der DFL und nicht des DFB. Auch zur vergabe der WM an Katar hat er sich geaeussert, einen streit anfangen nuetzt nichts denn die spiele werden katar nicht weggenommen. Und warum soll er mit Platini in streit treten, bisher hat Platini es eigentlich gut gemacht, fairplay und die Euro in ganz Europa zu spielen zum Jubilaeum finde ich gut. Warum haette er etwas zum Tode von Amarell sagen sollen, dazu wurde doch genug gesagt. das der DFB president politisch ist und sich zu allem aeussern muss hat sich erst mit den profil suechtigen MV und Zwanziger eingeschlichen, soetwas will ich nicht mehr sehen. Vondaher mach weiter so Niersbach...
5. Niersbach hat meine Sympathie...
donadoni 01.03.2013
Zitat von hinzkunz001was Niersbach macht, und der Artikel ist ueberfluessig. es ist nicht die aufgabe des DFB presidenten profil zu zeigen, das haben MV und Zwanziger schon gemacht und das war eher schaedlich fuer den DFB. Zu Pyros hat er sich geaeussert und gesagt das das unnoetig ist, ausserdem ist das sache der DFL und nicht des DFB. Auch zur vergabe der WM an Katar hat er sich geaeussert, einen streit anfangen nuetzt nichts denn die spiele werden katar nicht weggenommen. Und warum soll er mit Platini in streit treten, bisher hat Platini es eigentlich gut gemacht, fairplay und die Euro in ganz Europa zu spielen zum Jubilaeum finde ich gut. Warum haette er etwas zum Tode von Amarell sagen sollen, dazu wurde doch genug gesagt. das der DFB president politisch ist und sich zu allem aeussern muss hat sich erst mit den profil suechtigen MV und Zwanziger eingeschlichen, soetwas will ich nicht mehr sehen. Vondaher mach weiter so Niersbach...
...allein schon, weil er im Sommer 2012 allen, Politikern und sonstigen Gschaftlhubern, eine Absage erteilt hat, als diese die EM Polen und Ukraine wegnehmen wollten und erneut als deutsche Veranstaltungsweltmeister auftreten wollten. Niersbach hat konsequent von Anfang an das abgelehnt. Und wie wir heute wissen, haben die Ukraine und Polen organisatorisch eine perfekte EM veranstaltet ohne deutsche Besserwisserei. Ansonsten schließe ich mich in vollem Umfang dem zitierten Beitrag an. Niersbach ist kein allgegenwärtiger hässlich-deutscher Funktionär, von dem die Sportwelt satt ist. Herr Niersbach, machen Sie weiter so in der wohltuend zurückhaltenden Art!
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