WM-Vergabe 2006 Niersbachs Erklärung zur 6,7-Millionen-Euro-Zahlung

"Es gab keine schwarzen Kassen." Wolfgang Niersbach bleibt dabei: Bei der WM-Vergabe 2006 sei alles mit rechten Dingen zugegangen. An vieles kann sich der DFB-Präsident allerdings nicht erinnern.

REUTERS

Wolfgang Niersbach, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), hat sich zu der dubiosen Zahlung des WM-Organisationskomitees an die Fifa im Jahr 2005 in Höhe von 6,7 Millionen Euro geäußert. "Wir haben die WM mit lauteren Mitteln bekommen. Die WM war nicht gekauft, das Sommermärchen bleibt ein Sommermärchen", sagte der 64-Jährige bei einer kurzfristig vom DFB anberaumten Pressekonferenz in Frankfurt am Main.

Mit der Millionen-Zahlung, über die der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, habe sich der Deutsche Fußball-Bund 2002 einen Zuschuss für die Organisation der Weltmeisterschaft 2006 gesichert, um später vom Weltverband umgerechnet 170 Millionen Euro erhalten zu können. Die Überweisung stehe aber nicht im Zusammenhang mit der Vergabe der WM an Deutschland, versicherte Niersbach und sagte: "Es hat keine schwarzen Kassen gegeben."

Die dubiose Zahlung ist laut Niersbach so zustande gekommen: Zunächst habe Franz Beckenbauer, Chef des deutschen Organisationskomitees, das Geld aus privaten Mitteln vorstrecken wollen, da dem Gremium die finanziellen Mittel fehlten. Von dem Plan sei Beckenbauer aber abgeraten worden. Daher sei der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus eingesprungen und habe das Geld zur Verfügung gestellt. 2005 habe das Organisationskomitee dieses Geld über den Umweg eines Fifa-Kontos an den Franzosen dann zurückgezahlt.

Die Protagonisten der WM-Vergabe 2006
Franz Beckenbauer

Das Gesicht der deutschen Bewerbung. Ende 1996 wurde Beckenbauer vom DFB als WM-Botschafter gewonnen, von 1998 an war er Chef des deutschen Bewerbungskomitees. Beckenbauer reiste fortan um die Welt und warb um Stimmen für Deutschland. Doch das allein schien nicht zu reichen, wie man heute weiß. Zwar stimmten wahrscheinlich acht europäische Vertreter im 24-köpfigen Fifa-Exekutivkomitee, das die Fußball-Weltmeisterschaften vergibt, für Deutschland. Die Stimmen anderer Kontinente mussten aber offenbar anders eingesammelt werden als durch bloßes Händeschütteln – schließlich waren 13 Befürworter für den Zuschlag nötig.

Fedor Radmann

Der Strippenzieher im Hintergrund. Radmann war ein erfahrener Organisator von großen Sportveranstaltungen, angefangen bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Und er soll entscheidend daran beteiligt gewesen sein, kurz vor der WM-Vergabe die entscheidenden Stimmen für Deutschland einzusammeln. So kam Radmann eine bedeutende Rolle zu, als es um Geldflüsse auf Konten ging, die in direktem Zusammenhang mit wankelmütigen Mitgliedern des Fifa-Exekutivkomitees standen. Männern also, die bei der WM-Vergabe abstimmungsberechtigt waren.

Leo Kirch

Der Medien-Mogul makelte die TV-Rechte für die WM 2006. Daher hatte er großes Interesse, dass das Turnier in Deutschland stattfinden würde und nicht in Südafrika, dem härtesten Konkurrenten der DFB-Bewerbung. Denn Kirchs Mitarbeiter waren überzeugt davon, mit dem Weiterkauf der Rechte deutlich mehr Geld zu verdienen, wenn Deutschland den Zuschlag bekäme. Über Kirchs Anwälte und seinen Chefmanager Dieter Hahn wurden die Zahlungen an die Fifa-Funktionäre eingeleitet – nach vorheriger Absprache mit Fedor Radmann.

Günter Netzer

Beckenbauers alter Kumpel aus Nationalmannschaftzeiten war Anfang 2000 Direktor der Schweizer Agentur CWL, die Übertragungsrechte für Fußballspiele erwarb, an TV-Sender weiterverkaufte und zum Kirch-Imperium gehörte. CWL kaufte unter anderem die Rechte an Freundschaftsspielen zwischen dem Beckenbauer-Klub FC Bayern München und den Nationalmannschaften von Malta und Thailand – also Verbänden, deren Funktionäre Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees waren. Pro Spiel zahlte CWL 250.000 bis 300.000 Dollar. Es waren Partien, die für Sender zum damaligen Zeitpunkt eher uninteressant waren. Gezeigt wurden die Spiele dann im DSF – dem frei empfangbaren Sportsender von Kirch, der heute Sport1 heißt. Alle Verträge sind von Netzer unterschrieben und waren vorher mit Radmann abgesprochen. Die Geldflüsse wurden dann auch über CWL abgewickelt.

Worawi Makudi

Der Thailänder galt bei der Abstimmung 2000 als möglicher Königsmacher. Denn Makudi hatte sich im Vorfeld der Abstimmung auf keinen Kandidaten festgelegt – und alle Beteiligten erwarteten ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Deutschland und Südafrika. Als Generalsekretär des thailändischen Fußballverbandes war er erster Ansprechpartner für den Freundschaftsspiel-Deal mit der CWL für die Partie zwischen der Nationalelf Thailands und dem FC Bayern. Der Vertrag wurde erst nach dem Spiel abgeschlossen. Für wen Makudi in der geheimen Abstimmung votierte, hat er nie gesagt; Kenner gehen aber davon aus, dass er höchstwahrscheinlich für Deutschland stimmte.

Joseph Mifsud

Ein Freundschaftsspiel zwischen der Nationalmannschaft Maltas und dem FC Bayern? Für 250.000 Dollar? So viel hätte außer der CWL im Jahr 2000 wohl kaum ein TV-Rechtehändler bezahlt. Aber Mifsud, Präsident des maltesischen Fußballverbandes, war damals nicht gut auf Deutschland zu sprechen, weil er seinen Posten im Fifa-Exekutivkomitee an DFB-Vizepräsident Gerhard Mayer-Vorfelder abtreten sollte und wieder besänftigt werden musste. Das Geld sollte dann auch nicht auf das Verbandskonto fließen – sondern auf ein Treuhandkonto. TV-Rechtehändler sagten 2003 dem "Manager Magazin", so etwas sei ein "absolut unüblicher Vorgang".

Jack Warner

Sein Fall ist dem von Mifsud ähnlich. Warner favorisierte eigentlich Südafrika, galt aber als umstimmungsfähig. Er war 2000 Berater des Fußballverbandes von Trinidad und Tobago, über ihn wurde auch das Freundschaftsspiel zwischen der Nationalmannschaft und dem FC Bayern eingefädelt. Auch Warner wollte die 300.000 Dollar auf ein Treuhandkonto überwiesen bekommen haben. Weil das Spiel aber nie stattfand, ist laut Netzer trotz Vertrages auch kein Geld geflossen. Warners Firma JD International bekam 2001 übrigens die karibischen TV-Rechte für die WM 2002 und 2006. Der Gesamtpreis dafür waren vergleichsweise läppische 4,8 Millionen Schweizer Franken –der Rechteinhaber hieß Kirch.

Gerhard Schröder

Er war gerade mal einen Monat Bundeskanzler, da schmiedete Schröder im November 1998 mit DFB-Präsident Egidius Braun und dessen Vize Gerhard Mayer-Vorfelder das "Bündnis für Fußball". Schröder setzte sich fortan stark für die deutsche WM-Bewerbung ein. Er setzte Finanzminister Oskar Lafontaine im Kabinett so unter Druck, dass der als letzte Amtshandlung vor seinem unrühmlichen Abgang Anfang 1999 die von der Fifa geforderten Steuerbefreiungen und Erleichterungen absegnete. Unter seiner Leitung beschloss der Bundessicherheitsrat kurz vor der Wahl Pikantes: Deutschland lieferte 1200 Panzerfäuste an Saudi-Arabien. Dem saudischen Königshaus gehörte auch Abdullah al-Dabal an, der damals als Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees über die WM-Vergabe mit abstimmen durfte.

Joseph Blatter

1998 wurde Blatter erstmals zum Fifa-Präsidenten gewählt und warb offensiv für die Vergabe der WM 2006 an Südafrika. Die afrikanischen Stimmen dafür waren sicher, ebenso die aus Amerika, weil deren einflussreichsten Männer enge Verbindungen zu Blatter pflegten. Die vier Asiaten wurden in den Wochen vor der Wahl (wohl komplett) auf die deutsche Seite gezogen, Ozeanien wollte im letzten Wahlgang für Südafrika stimmen. Damit wäre es bei acht Deutschland-Stimmen der Europäer zu einer Pattsituation gekommen, 12:12. Und bei einem Unentschieden hätte das doppelte Stimmrecht des Präsidenten den Ausschlag gegeben, also die von Blatter für Südafrika. Doch es kam anders.

Charles Dempsey

Im dritten Wahlgang waren nur noch Deutschland und Südafrika übrig, da wurde Dempsey zum entscheidenden Mann im 24-köpfigen Fifa-Exekutivkomitee, das am 6. Juli 2000 über die WM-Vergabe abstimmte. Der ozeanische Kontinentalverband, dem der Neuseeländer angehörte, favorisierte klar Südafrika, Dempsey selbst wollte aber für Deutschland stimmen. Am Ende gab er keine Stimme ab, später sprach er nebulös von "nicht tolerierbaren Druck durch einflussreiche europäische Interessengruppen". Was er damit meinte, klärte Dempsey nie auf, er starb 2008. Gerüchte über eine Geldkofferübergabe am Tag der Wahl gibt es bis heute. Aufgrund von Dempseys Enthaltung stand es 12:11 für Deutschland – Beckenbauer, Radmann und Co. waren am Ziel.

Robert Louis-Dreyfus

Der Franzose, der 2009 mit 63 Jahren an Leukämie starb, war von 1993 bis 2001 CEO des Sportartikelherstellers Adidas. Nach Informationen des SPIEGEL hatte das deutsche Bewerbungskomitee für die WM 2006 eine schwarze Kasse eingerichtet, die Dreyfus heimlich mit 10,3 Millionen Schweizer Franken gefüllt hatte - damals 13 Millionen Mark.

Wolfgang Niersbach

Der heutige DFB-Präsident gehörte neben Beckenbauer, Radmann und Horst R. Schmidt zum Quartett der WM-Bewerbung und war seit 2001 geschäftsführender Vizepräsident (für Marketing) und Pressechef des deutschen Organisationskomitees für die WM 2006. Nach Informationen des SPIEGEL war er allem Anschein nach spätestens seit 2004 in die Vorgänge rund um die Schwarze Kasse eingeweiht. Der SPIEGEL berichtet, dass eine Notiz auf einem Geheimpapier vom 23. November 2014 die Handschrift Niersbachs tragen soll: "das vereinbarte Honorar für RLD". Die Initialen sollen für Robert Louis-Dreyfus stehen, in dem Geheimpapier soll es um die Rückzahlung der 13 Millionen Mark (6,7 Millionen Euro) durch das WM-OK gehen. Der DFB bestreitet vehement Unregelmäßigkeiten mit der Vergabe der WM 2006. "Mit aller Konsequenz hält der DFB deshalb noch mal ausdrücklich fest, dass dementsprechend weder der DFB-Präsident noch die anderen Mitglieder des Organisationskomitees in derartige Vorgänge involviert sein oder davon Kenntnis haben konnten."

Auf Nachfragen wich Niersbach häufig aus. Etwa nach der, warum die Fifa erst 6,7 Millionen Euro bekommen wollte, um im Gegenzug 170 Millionen Euro zu bezahlen. Warum das Organisationskomitee nicht einfach einen Kredit aufgenommen habe, konnte der DFB-Präsident ebenfalls nicht erklären.

"Da bin ich überfragt", sagte Niersbach ein ums andere Mal. Und er betonte mehrfach, das sei lediglich seine Sicht der Dinge. Und er könne noch keine "restlose Aufklärung" liefern. "Es ergeben sich Fragezeichen, die sehe ich auch", sagte Niersbach.

Der DFB-Präsident räumte zwar ein: "Ich habe schon mitbekommen, dass da irgendetwas war, was mit Robert Louis Dreyfus zu tun hatte." Er könne auch nicht ausschließen, "dass da eine handschriftliche Notiz auf irgendeinem Vorgang war". Der SPIEGEL hatte nämlich von einem Vermerk berichtet, auf den Niersbach "Honorar für RLD" (mutmaßlich Robert Louis-Dreyfus) geschrieben haben soll. "Aber ich kann mich daran nicht erinnern", beteuerte Niersbach.

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach

luk/ham/dpa/sid



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insgesamt 299 Beiträge
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Seite 1
powerranger 22.10.2015
1. 6,7 Mio. EUR
ist nun wirklich nicht so viel. Lasst die Kirche im Dorf.
eimer-gelbwurst 22.10.2015
2. na
dann bin ich beruhigt
olicrom 22.10.2015
3. Karnickelzüchterverein
Die wollen mir also erzählen, dass bei solchen Projekten wie Fußball-Weltmeisterschaften schon mal Privatpersonen für Vorschüsse einspringen müssen, um an spätere Fördersummen zu kommen? Beckenbauer will privat Millionensummen vorstrecken, macht es dann doch nicht, dafür tuts dann der liebe Chef von adidas? Also wenn das über den örtlichen Hasenzuchtverein auf der Lokalseite steht, lach ich misch schon kaputt. Aber wir reden hier über den DFB. Die FIFA. Eien Fußball-WM. Es geht um Milliarden. Hallo?
WwdW 22.10.2015
4. Puh. Schön dass die Buchhaltung funktioniert
Tja. Die Buchhaltung scheint ja sehr transparent zu sein ...
twister13 22.10.2015
5. Ah ja
Dem DFB fehlten also die Mittel. Dem DFB! Nicht irgendeinem Karnickelzüchterverband aus Posemuckl, sondern dem Deutschen Fussball Bund. Der im Geld schwimmt. Und keine Bank wäre bereit gewesen dem armen, armen DFB ein wenig auszuhelfen. Da muss ein Dreyfus ankomnen. Also ich habe dieses Jahr auch das Christkind gesehen, bin mit dem Weihnachtsmann und den Rentieren durch den Himmel geflogen und Elvis lebt.
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