DFB-Affäre Niersbach in der Wagenburg

Wolfgang Niersbach hat sich als Modernisierer beim DFB präsentiert. Aber als die Affäre um die WM-Vergabe herauskam, ist der Verband in seine alten Muster zurückgefallen. Echte Erneuerung kann es mit dem 64-Jährigen nicht geben.

DFB-Boss Niersbach: Ein Mann aus dem Apparat
DPA

DFB-Boss Niersbach: Ein Mann aus dem Apparat

Ein Kommentar von


Um die aktuelle Situation beim Deutschen Fußball-Bund einzuordnen, muss man nur ein gutes Jahr zurückblicken. Im Dezember 2014 lud DFB-Boss Wolfgang Niersbach zur Jahresbilanz nach Frankfurt, die Veranstaltung war eine einzige Demonstration des Selbstbewusstseins eines Verbandes, der sich auf dem Höhepunkt wähnte. Ein Weltmeister-Verband. Der vor Kraft nicht laufen konnte.

Damals fielen Sätze wie: "Wir wollen die Kompetenz im Fußball sein, national und international", und Niersbach sprach davon, dass er dazu beitragen wolle, den Verband "zu einer Institution zu machen, die für absolute Glaubwürdigkeit und Integrität steht". Er meinte damit allerdings den Weltfußballverband Fifa.

Tatsächlich muss man sich fragen, wo sich beide Verbände derzeit in Sachen Glaubwürdigkeit und Integrität eigentlich noch unterscheiden.

Fotostrecke

13  Bilder
DFB-Präsident Niersbach: Der Netzwerker
Wie bei der Fifa versuchen im Zuge der Affäre um die Vergabe der WM 2006 ehemalige Weggefährten, sich gegenseitig mit alten Dokumenten, Gesprächsprotokollen und ihrem Herrschaftswissen fertigzumachen. Joseph Blatter versus Mohamed Bin Hammam erlebt mit Niersbach contra Theo Zwanziger eine niedrigschwellige lokale Neuauflage.

Und von dem vor Eigenstolz strotzenden Verband aus dem Dezember des Weltmeisterjahres ist spätestens seit der Steuer-Razzia der Frankfurter Staatsanwaltschaft am Dienstag nichts mehr übrig.

Hemdsärmelig, jovial - so wollte er wirken

Niersbach hat sich beim DFB seit seiner Wahl im Jahr 2012 gern als Modernisierer gegeben. Einer, der den Verband nach unternehmerischen Maßstäben auszurichten gedenkt. Einer, der in Zehn-Jahres-Plänen denkt, das Gegenbild eines klassischen Verbandsonkels. Hemdsärmelig, jovial - so wollte und so sollte er in der Öffentlichkeit rüberkommen.

Aber dann kamen die Recherchen des SPIEGEL zur WM-Vergabe 2006 und in ihrer Folge die Entblößung. Der Umgang mit den Enthüllungen zeigt, wie weit der Verband in Wirklichkeit von modernen Strukturen entfernt ist. Mittendrin der vermeintliche Neuerer Niersbach, er sieht sehr alt aus. Obwohl ihn die Staatsanwaltschaft mittlerweile als Beschuldigten führt, kann Niersbach nicht vom Amt lassen. Er hat sich eingeschlossen auf vertrautem Gelände, die Zentrale in der Otto-Fleck-Schneise: eine Wagenburg.

Fotostrecke

4  Bilder
WM-Vergabe 2006: Schwarze Kasse fürs Sommermärchen
Auch das Krisenmanagement des Verbands wirkt mitunter wie ein einziges Versteckspiel: Da wurde klassisch abgetaucht, stückchenweise preisgegeben, es herrschte Pseudo-Transparenz, ein Rückfall in die alten Kungelrunden. Die DFB-Spitze hat so reagiert, wie man es von einem schwerfälligen Altherrenverband erwarten würde. Genauso, wie man es von der Fifa unter Joseph Blatter kennt. Modern, offen, ehrlich, authentisch war da nichts mehr.

Und Niersbach? Der mag kein Apparatschik sein, aber er war und ist ein Mann aus dem Apparat. Es sind folgerichtig Fälle aus der Vergangenheit, die ihn so in die Bredouille gebracht haben. Niersbach ist und war ein Umbruchspräsident. Einer aus der alten Zeit, der einer aus der neuen Zeit sein wollte. Und die alten Fehler gemacht hat.

Beim DFB mag man vieles richtig gemacht haben, um den Verband zu einer mächtigen Institution im Weltfußball werden zu lassen. Aber es ist auch immer noch ein Verband, der sich in Abhängigkeiten verstrickt, wie er das stets getan hat. Früher hat man sich von Lichtgestalten durch die Manege führen lassen, heute von den Großsponsoren. Ohne Adidas, ohne Mercedes läuft beim DFB gar nichts. Das hat Niersbach nicht nur nicht verhindert, er hat es massiv gefördert. Das Selbstbewusstsein des DFB ist ein geliehenes. Wenn der Verband sich wirklich reformieren will, dann braucht er auch einen Vorsitzenden, der sich aus diesen Abhängigkeiten zu lösen versteht.

Der Präsident hat im Dezember des Vorjahres das Projekt "DFB 2024" skizziert. Eine Vision eines Verbandes, bei dem die Dinge wie selbstverständlich und reibungsfrei ineinander laufen, von der Nachwuchsförderung bis zur Nationalmannschaft, von der Trainerausbildung bis hin zur Organisation von Großveranstaltungen. Ein vorbildhafter Verband. Mit seinem Abgang würde Niersbach einen Schritt zur Umsetzung tun.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 59 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ichsagemal 04.11.2015
1.
..höre ich hier jemanden ganz laut betteln: Bitte klärt alles auf!
granathos 04.11.2015
2. oh weh!
du meine Güte, dass ist ja schon gemeingefährlich wie der spiegel immer mehr zum HatzBlätthen verkommt. Wer möchte dieser Tage in der Haut diesen "sehr alt aussehenden Apparatschik" stecken. Das die Steuerfahnudung los ist, beruht doch nur auf wahrscheinlich komplett unhaltbaren Behauptungen des Spiegel. Es ist so gruselig ansehen zu mssen, wie ein hamburger SchmierBlättle unsere Republi in Haft hält. Erst Köhler und Wulff und so weiter und so fort. Auch der arme Tebartz wollte nur einen guten Job machen. Es ist alles so grausam. Wer will denn für Deutschland künftig noch den Kopf hinhalten? Und all die Plasbers und wills werden jetzt wieder brav und feige ins SpiegelHorn blasen, wie üblich. So etwas nennt man dann .
ackergold 04.11.2015
3.
Was ist bitte "Eigenstolz" und wie kann ein Verband so etwas haben? Wenn es das Wort überhaupt gibt, dann bedeutet es vermutlich so etwas wie "Hochmut", aber dennoch können das nur natürliche Personen entwickeln. Verbände haben keinen Stolz.
gekreuzigt 04.11.2015
4. Schon die Einleitung des Artikels
macht den Feldzug deutlich, der hier geführt wird.
herzbube 04.11.2015
5. Heuchelei
Was soll die Heuchelei? Wer hat sich den wirklich gewundert, dass eine WM auch bezahlt sein möchte. Spätestens seit Katar wissen wir das doch alle. Entweder will man eine WM dann muss man das Spiel auch mitspielen oder eben nicht. Alles andere ist naive Heuchelei
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.