Rücktritt als DFB-Präsident Niersbach fällt weich

Mit seinem Rücktritt als DFB-Präsident hat Wolfgang Niersbach die Konsequenzen aus der WM-Affäre gezogen. In den Führungsgremien von Fifa und Uefa will er dennoch bleiben. Wie passt das zusammen?

Niersbach: Wie reagiert die Fifa-Ethikkommission?
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Niersbach: Wie reagiert die Fifa-Ethikkommission?

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Bei den Weltmeistern herrschte am Dienstag Betroffenheit. Als "menschlich sehr schade" bezeichnete Toni Kroos den Rücktritt von DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. "Er hat alles für den DFB und die Mannschaft getan", ergänzte Lukas Podolski.

Niersbach hatte am Montag seinen Rücktritt erklärt. Damit übernahm der 64-Jährige die politische Verantwortung für die Affäre im Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft 2006. Obwohl er Vizepräsident des Organisationskomitees war, habe er sich nichts vorzuwerfen, betonte Niersbach.

Vorerst übernehmen Reinhard Rauball und Rainer Koch die Geschäfte beim Deutschen Fußball-Bund. Bis spätestens zur Europameisterschaft im Sommer soll ein neuer Präsident gewählt werden, sagte Koch.

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Doch wie geht es für Wolfgang Niersbach weiter? Kann er trotz der Affäre und des Rücktritts Mitglied der Führungsgremien von Fifa und Uefa bleiben? Und was macht die Ethikkommission des Weltverbands? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was ändert sich für Niersbach?

Auch wenn seine Karriere beendet sein dürfte, ändert sich für Niersbach zumindest finanziell erst einmal nicht viel. Er muss zwar künftig auf die Aufwandentschädigung verzichten, die ihm als DFB-Präsident zustand. Diese beträgt rund 70.000 Euro. Auch seinen Dienstwagen dürfte Niersbach abgeben müssen.

Seine umstrittene Betriebsrente hingegen, die im unteren sechsstelligen Bereich liegen soll, wird er dagegen weiter beziehen. Dazu kommen die Aufwandsentschädigungen als Mitglied des Uefa- und des Fifa-Exekutivkomitees. Niersbach ist seit Mai 2013 Mitglied im Führungsgremium des europäischen Verbands, seit Mai dieses Jahres zählt er auch zu den Top-Vertretern des Weltverbands.

Mitglieder der Uefa-Exekutive erhalten jährlich rund 50.000 Euro. Deutlich höher ist die Aufwandsentschädigung bei der Fifa: Wie die britische Zeitung "Sunday Times" im vergangenen Jahr enthüllte, erhalten die Funktionäre im Schnitt 200.000 Dollar pro Jahr. Dazu kommen 700 Dollar Spesen pro Tag. Niersbach äußerte sich bislang nicht zu seinen Einkünften.

Warum bleibt er Mitglied der Fifa- und Uefa-Exekutive?

Es klingt paradox: Wie kann Niersbach den deutschen Fußball weiter in den internationalen Gremien vertreten, wenn er als DFB-Präsident zurückgetreten ist?

Wenn man die Paragraphen der Verbände betrachtet, ist das jedoch durchaus möglich. Denn obwohl Niersbach vom DFB nominiert wurde - und wie beim DFB übrigens seinen Intimfeind Theo Zwanziger ablöste -, ist seine Wahl unabhängig von seinem Posten beim deutschen Verband. Es handelt sich um eine persönliche Wahl für die gesamte Amtszeit.

Selbst wenn der DFB also fordern würde, dass Niersbach seine Mitgliedschaft in den Gremien niederlegt, müsste er dem nicht nachkommen. Ein solches Szenario gab es im vergangenen Jahr, als die DFB-Spitze Zwanzigers Rückzug aus der Fifa-Exekutive forderte. Der 70-Jährige weigerte sich und blieb bis Mai der deutsche Vertreter im Führungsgremium des Weltverbands.

Wie reagiert die Fifa-Ethikkommission?

Die einzige Instanz, die Niersbachs Mitgliedschaft in den Führungsgremien von Fifa und Uefa beenden könnte, ist die Ethikkommission des Weltverbands. Wenn diese ihn für alle Tätigkeiten im Weltfußball sperrt, wie sie es etwa bei Michel Platini und Joseph Blatter getan hat, dürfte Niersbach nicht mehr an den Sitzungen der Exekutivkomitees teilnehmen - und natürlich auch kein Geld mehr von Fifa und Uefa bekommen.

Bislang hält sich die Untersuchungskammer der Ethikkommission noch bedeckt. Es gebe kein formelles Verfahren, sagte ein Sprecher auf Anfrage, man beobachte die Entwicklungen in Deutschland aber aufmerksam.

Auf die Nachfrage, ob die Ethikkommission Kontakt mit der vom DFB beauftragten Kanzlei Freshfields oder der Staatsanwaltschaft Frankfurt habe, schreibt der Sprecher: "Aus taktischen Gründen halten wir uns derzeit zu Fragen bezüglich der laufenden Ermittlungen bedeckt."

Der Vorsitzende der rechtsprechenden Kammer der Ethikkommission, Hans-Joachim Eckert, wäre im Fall Niersbach wohl außen vor. Weil er Deutscher ist, würde er als befangen gelten. Stattdessen müsste sein Stellvertreter, der Australier Alan Sullivan, ein mögliches Urteil aussprechen.

Video: Niersbach - "Absolut sauber und gewissenhaft gearbeitet"

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calinda.b 10.11.2015
1. Natürlich bleibt er in der UEFA und FIFA
Die Beweisdokumente schreddern sich ja schliesslich nicht von selbst.
Karbonator 10.11.2015
2.
Es wurde gestern ja auch so kommuniziert (u.a. von Koch): Niersbach übernimmt die politische Verantwortung im Rahmen seines aktuellen Amtes beim DFB (und wohl auch im Rahmen seines damaligen Amtes). Er bleibt aber bei der Aussage, daß er persönlich nichts mit der Sache zu tun hatte - also nicht als Einzelperson daran beteiligt war. Insofern kann er meines Erachtens weiterhin in den anderen Verbänden aktiv bleiben - nicht nur rechtlich, sondern auch "moralisch", wenn man das mal so nennen will. Es wäre natürlich etwas anderes, wenn man Niersbach nachweisen würde, daß er aktiv an der Sache mitgearbeitet hat bzw. handfestes Wissen dazu hatte. Und das sieht momentan recht schwierig aus. Und was das Geld angeht: Der Mann ist seit gefühlten 50 Jahren dabei und hat sich vom Sportjournalisten bis zum Präsidenten hochgearbeitet. Daß das auch einigermaßen vergütet wird, finde ich nicht schlimm. Und daß er nach seiner Karriere weiterhin Geld bekommt... gerne.
bescheiden1 10.11.2015
3. Aber Sozialneid
Zitat von KarbonatorEs wurde gestern ja auch so kommuniziert (u.a. von Koch): Niersbach übernimmt die politische Verantwortung im Rahmen seines aktuellen Amtes beim DFB (und wohl auch im Rahmen seines damaligen Amtes). Er bleibt aber bei der Aussage, daß er persönlich nichts mit der Sache zu tun hatte - also nicht als Einzelperson daran beteiligt war. Insofern kann er meines Erachtens weiterhin in den anderen Verbänden aktiv bleiben - nicht nur rechtlich, sondern auch "moralisch", wenn man das mal so nennen will. Es wäre natürlich etwas anderes, wenn man Niersbach nachweisen würde, daß er aktiv an der Sache mitgearbeitet hat bzw. handfestes Wissen dazu hatte. Und das sieht momentan recht schwierig aus. Und was das Geld angeht: Der Mann ist seit gefühlten 50 Jahren dabei und hat sich vom Sportjournalisten bis zum Präsidenten hochgearbeitet. Daß das auch einigermaßen vergütet wird, finde ich nicht schlimm. Und daß er nach seiner Karriere weiterhin Geld bekommt... gerne.
verkauft sich in diesem unseren Lande besser und bringt mehr Klicks.
Mann mit Gedächtnis 10.11.2015
4. Seltsame Geschichte
Herrn Niersbach kenne ich natürlich nicht und nur über seine Präsenz in den Medien kann man sich über Menschen kein Urteil bilden. Mitarbeiter beim DFB beschreiben ihn aber als ausgesprochen integer und loben vor allem seine menschlichen Qualitäten. Diese stünden in einem Gegensatz zu seinem Vorgänger... Dass die ganze Geschichte - an der bestimmt einiges dran ist - jetzt so bei Niersbach hängen bleibt, kommt mit jedenfalls seltsam vor. Man wird den Eindruck nicht los, dass Theo Zwanziger in den letzten Wochen als Racheengel durch die Gegend schwebte. Man wüsste gerne warum.
GMNW 10.11.2015
5. Einfach nur skandalös!
Diese ungeheueren Bezüge und Ruhestandsbezüge und sonstige Wohltaten für die Funktionäre in der gesamten DFB/Bundesliga- Organisation werden sowohl über die Steuerprivilegien als "Eingetragener Verein" vom Steuerzahler mitfinanziert als auch über die GEZ-Zwangsgebühren für das öffentlich-rechtliche Fernsehen finanziert, die Unsummen für die "Übertragungsrechte" der Bundesliga bezahlen müssen! Das dabei auch die Hools durch völlig überzogenene Eintrittspreise, hochpreisige Fan-Artikel, überteuertes Bier aus Plastik und zweifelhafte Bratwurst auf Pappe in den Stadien gnadenlos abgezockt werden, rundet das traurige Bild ab! Es wird höchste Zeit für eine grundlegende Reform des öffentlich-rechtliches Fernsehens, dass sich zunehmend zum "Fußball-Sender" entwickelt!
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