Wolfsburg-Krise: Armselige Bilanz

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Nichts stimmt beim VfL Wolfsburg. Das Ensemble aus erfahrenen Profis taumelt Richtung Tabellenende, jedes Auswärtsspiel wird zur Pleite. Trainer Magath wechselt die Aufstellung wild durcheinander - ohne Effekt.

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Der VfL Wolfsburg hat vor dem Nordderby bei Werder Bremen ein Trainingslager im niedersächsischen Barsinghausen bezogen. Die Spieler sollten einmal auf andere Gedanken kommen. Das war Felix Magaths Idee, der Coach hatte am Vorabend des Spiels sogar einen Kegelabend organisiert.

Im Spiel wirkten die Wolfsburger Verteidiger dann wie Kegel, die von der Werder-Offensive abgeräumt wurden.

Die 1:4-Pleite der Wolfsburger im Weserstadion war der neueste Tiefschlag in der an Tiefschlägen nicht armen Saison des VfL. Das Team hat jetzt aus 16 Spielen 17 Punkte geholt, im Pokal ist der Club in der ersten Runde beim Viertligisten RB Leipzig ausgeschieden. Auswärts in der Liga hat man sogar nur vier Zähler eingesammelt - nach dem ersten Spieltag, als Wolfsburg 3:0 in Köln gewann, war der VfL auf fremden Plätzen nur noch Punktelieferant. Das ist eine ernüchternde, man kann auch sagen armselige Bilanz. Gemessen an den Ansprüchen, die Verein, Trainer und der Großkonzern Volkswagen anlegen, sowieso.

Magath redet seine eigene Arbeit schlecht

Der Wolfsburger Trainer macht es seinen Kritikern derzeit überaus einfach. Magath-Bashing ist zu einer der leichtesten Übungen, fast schon zu Folklore geworden, der Trainer liefert bereitwillig die Vorlagen dazu. Der 58-Jährige hat nach dem Bremen-Spiel das gesagt, was er immer sagt: Dass der Kader nicht bundesligatauglich sei, dass man auswärts katastrophal auftrete, dass es Spieler beim VfL gebe, denen die Qualität abgehe. Selten hat ein Coach seine eigene Arbeit so konsequent schlechtgeredet. Seine mantrahaften Wiederholungen über das fehlende Niveau im Kader gehören mittlerweile zum allwöchentlichen Grundrauschen eines Bundesliga-Nachmittags. Ein Kader, den er zu großen Teilen selbst zusammengestellt hat.

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Ein Kader zudem, der vor prominenten Namen so strotzt: Christian Träsch ist beim VfB Stuttgart zum Nationalspieler aufgestiegen. Bundestrainer Joachim Löw wird nicht müde, ihn immer wieder in den DFB-Kader zu berufen. Bei Wolfsburg spielt er eine Saison ohne Esprit, ohne Leidenschaft, er fällt überhaupt nicht auf. Dann gibt es da noch einen Alexander Hleb, einst einer der größten Mittelfeld-Hoffnungen Europas, den ehemaligen Nationalelf-Recken Thomas Hitzlsperger, Srdjan Lakic, einen Bundesliga-Torjäger außer Dienst, Hasan Salihamidzic, den alten Kämpfer des FC Bayern. Ein Patrick Ochs gehörte zu den Schlüsselspielern bei Eintracht Frankfurt. Seit er bei Wolfsburg spielt, ist er nur noch ein Mitläufer.

Eigentlich ein Personal, mit dem man die Bundesliga aufmischen könnte. Eine Truppe von Routiniers, die sich dem Jugendwahn der Bundesliga verweigert und den jungen Kerls noch einmal zeigt, was ein erfahrener Bundesliga-Profi so auf dem Kasten hat. Angeführt von dem alten Kämpen Magath, der die Profis bei der Ehre packt und zu Höchstleistungen anstachelt. Vielleicht war es tatsächlich einmal so gedacht.

Ein Team ohne Struktur, ohne Leben

Aber nichts passt zusammen in dieser Mannschaft. Die verbliebenen Spieler aus dem Magath-Meisterjahr von 2009, Marcel Schäfer und Diego Benaglio, sind zu Ex-Leistungsträgern mutiert. Schäfer bot in Bremen eine erschreckend schwache Vorstellung. Wer in Erinnerung hat, wie dieser Schäfer noch vor drei Jahren die Außenlinie abgegrast hat, mag nicht glauben, dass dies noch derselbe Spieler sein soll.

Der VfL Wolfsburg 2011 ist ein Team ohne Struktur, ohne Gesicht, ohne Leben, zusammengestellt von einem Coach, der immer rastloser die wöchentlichen Aufstellungen ändert, der zuweilen fast desinteressiert wirkt. Was will dieser Trainer überhaupt? Diese Frage zu beantworten, fällt von Woche zu Woche schwerer. In Wolfsburg, wo an sich unternehmerische Vernunft herrschen sollte, weil der größte Autokonzern Europas die Geschicke des Vereins mitbestimmt, ist die Irrationalität längst Alltag geworden. Magath verpflichtete den alternden Abwehr-Rüpel Sotirios Kyrgiakos. Wenige Wochen später warf er ihn wieder aus dem Kader. Der Grieche sitzt seitdem auf der Tribüne. Dort, wo schon der frühere Nationalstürmer Patrick Helmes darauf wartet, den Verein endlich verlassen zu dürfen.

Kennt jemand noch den Namen Mateusz Klich? Weiß jemand, wo der Spieler Hrvoje Cale abgeblieben ist? Beide wurden von Magath im Sommer nach Wolfsburg geholt. Warum? Man weiß es nicht. Cale hat es immerhin auf 26 Bundesliga-Minuten geschafft.

Noch eine Partie, dann kommt die Winterpause. Und Magath darf endlich wieder das tun, was er am liebsten macht: Er kann neue Spieler kaufen, er kann alte abgeben. Die Angeln zu zwei Profis vom tschechischen Champions-League-Teilnehmer Viktoria Pilsen sind bereits ausgeworfen. Andere werden unter Garantie folgen. Kaufen ist bei Magath zum Selbstzweck geworden. Vielleicht ist ja einer dabei, der sich durchsetzt, der den großen Durchbruch schafft. Wenn nicht, ist es auch egal. Volkswagen bezahlt.

"Ich spüre und glaube, dass es vorwärts geht", hat Magath diese Woche gesagt. Nach dem Bremen-Spiel weiß man, dass es keinen Deut nach vorne gegangen ist. Der Trainer hat sein Team in der Vorwoche dazu verdonnert, an der Betriebsversammlung von Volkswagen teilzunehmen. Die Spieler wurden von den VW-Arbeitern ausgebuht.

Die Spieler des VfL Wolfsburg tragen in dieser Saison Trikots des Sponsors VW. "Up" ist darauf zu lesen. Es sollte besser "Down" heißen.

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insgesamt 27 Beiträge
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1. Abgewirtschaftet
Stelzi 11.12.2011
Das System Magath hat abgewirtschaftet. Kein wunder liebäugelt er mit einem Job im Ausland - mittlerweile würde Magath in der Bundesliga keinen Job mehr kriegen. Wer würde sich schon einen Trainermanager ins Haus holen, dessen Philosophie drin besteht, Spieler zu kaufen wie wenn Paris Hilton in Paris shoppen geht? Und dann auf diesem Haufen Alteisen hocken zu bleiben, wenn man Magath entlassen muss. Die Frage ist doch nur, wie wahnsinnig VW ist um ihm noch mehr Geld hin zu schmeissen bevor man ihn abserviert.
2.
besenkammerkind 11.12.2011
Zitat von sysopNichts stimmt beim VfL Wolfsburg. Das Ensemble aus erfahrenen Profis taumelt Richtung Tabellenende, jedes Auswärtsspiel wird zur Pleite.*Trainer Magath wechselt die Aufstellung wild durcheinander - ohne Effekt. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,802972,00.html
Von seinen eigenen Trainern hat Magath, wie im Dezember-11Freunde-Interview zu lesen ist, gelernt, ein distanziertes Verhältnis zu Spielern und Fans einzunehmen. Der Gesundheit wegen, seine Trainer waren diesbezüglich Antivorbilder und nahmen sich vieles zu sehr zu Herzen, was denen dann auch wörtlich aufs Herz ging. Nur - kann das Umkehr-Extrem gesund sein? Während sich seit Klinsmanns Nationalmannschafts-Umstrukturierung, dem Enke-Selbstmord sowie durch eine Handvoll Burnout- und Depressions-Outings im Fußballbusiness fast überall ein ganzheitlicheres Denken etabliert hat, und viele Mannschaften Psychologen beschäftigen, scheint bei Magath nichts davon angekommen zu sein, dass Sportler = Menschen sind, die nicht nur einen zu drillenden Körper, sondern auch Geist, Psyche und Emotionen besitzen, die miteinander wechselwirken und sie daher nur als Einheit nachhaltig funktionieren (oder eben nicht). Das scheint Magath - mit je mehr Macht ihn seine Vereine ausstatten - immer weniger zu interessieren. Hat die Mannschaft ein mieses Spiel gemacht? Dann gibts eben Straftraining, das wird ihr schon Beine machen. Bringt ein als Schlüsselspieler zum Verein gelotster Spieler, der wegen Spielerüberschuss auf der Bank schmort, als Einwechsler keine Leistung? Ein paar Einsätze in der Reserve werden ihn schon zum Umdenken bringen. Sinkt die Motivation der gefühlten 30 Spieler, einen von nur 11 Startplätzen zu ergattern? Dann werden eben 10 abgegeben und 15 neue dazu gekauft! Ist die Team-Moral völlig im Arsch? Dann ab mit der Truppe zur VW-Mitgliederversammlung, von VW-Arbeitern ausbuhen lassen. Welche tiefsitzenden Komplexe hat dieser Mensch??? Was ist in dessen Kindheit schief gelaufen, wofür andere büßen müssen? Welche Defizite werden da kompensiert? Was würde er ohne eine Mannschaft tun, die er quälen kann? Sich zum LIDL-Vorstand wählen lassen? Bei den letzten Stationen konnte man zu seiner Rettung noch sagen: der Erfolg gibt ihm recht. Aber wie unflexibel der Mann ist und welche krassen zwischen-menschlichen Defizite er aufweist, und wie hilflos er ohne sein Allheilmittel Angst, Strafe und Disziplin ist, zeigte eine simple Reporterfrage nach dem 1-4 bei Bremen: "wieso haben sie verloren?" "Äh, wir, äh, haben, äh, verloren, weil äh wir, äh, zu wenig, äh, Tore .... äh, geschossen, äh, haben, äh. " Man sieht, da wurden im Nanosekundentakt komplexe Spiel-Abläufe und menschliche Verhaltensweisen messerscharf analysiert. Sichereres Terrain konnte Magath nach der 2. Frage wieder betreten: "wie soll es jetzt weitergehen" "(völlig stotter- und äh,frei:) nächste Woche werden wir uns anders präsentieren" Ein Schelm, wer dabei an Straftraining und weitere Kaderverbannungen denkt. Danke fürs Offenlegen, lieber ZDF-Reporter. Magath, wann sortierst Du Dich selbst mal aus dem Geschäft und beginnst, in DIR mal aufzuräumen? Es ist nicht mehr feierlich...
3. Irrationalität
trumpeteer 11.12.2011
Der VfL Wolfsburg 2011 ist ein Team ohne Struktur, ohne Gesicht, ohne Leben, zusammengestellt von einem Coach, der immer rastloser die wöchentlichen Aufstellungen ändert, der zuweilen fast desinteressiert wirkt. Was will dieser Trainer überhaupt? Diese Frage zu beantworten, fällt von Woche zu Woche schwerer. In Wolfsburg, wo an sich unternehmerische Vernunft herrschen sollte, weil der größte Autokonzern Europas die Geschicke des Vereins mitbestimmt, ist die Irrationalität längst Alltag geworden. Angest. des größten Autokonzerns Europas+Trainer+Geschäftsführer=burn-out Ist es möglich, daß hier einer knapp am Limit seiner Belastbarkeit angekommen ist ?!?
4. Gerechte Strafe
Antidarwinist 11.12.2011
---Zitat--- Die Spieler des VfL Wolfsburg tragen in dieser Saison Trikots des Sponsors VW. "Up" ist darauf zu lesen. Es sollte besser "Down" heißen. ---Zitatende--- Wenn man das niederdeutsche Wort "up" so ausspricht wie das Wort "ab", weil man meint, man dürfte hier Deutsch für Englisch verkaufen, obwohl man "Volkswagen" heißt, ist es ja kein Wunder, wenn es "ab"-wärts geht.
5. Herr Magath: Sind Fußballer auch Mitmenschen?
Lochblech.19 11.12.2011
Zitat von sysopNichts stimmt beim VfL Wolfsburg. Das Ensemble aus erfahrenen Profis taumelt Richtung Tabellenende, jedes Auswärtsspiel wird zur Pleite.*Trainer Magath wechselt die Aufstellung wild durcheinander - ohne Effekt. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,802972,00.html
Herr Magath, steht zur Zeit neben sich, vermag so nicht mehr den Job eines Trainers zu erfüllen. Die Vereinsspitze handelt unverantwortlich, wenn sie ihn weiter nach belieben mit den Vereinsspieler umgehen läßt.
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