Ehemaliger DFB-Präsident Niersbach gehört nicht mehr dazu

Es ist ein Schlag gegen die "Jetzt lass mal gut sein"-Stimmung des DFB: Wolfgang Niersbach, verstrickt in die Affäre um die WM-Vergabe 2006, soll für zwei Jahre gesperrt werden. Gut so.

Wolfgang Niersbach
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Wolfgang Niersbach

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Zwei Jahre Sperre fordert die Fifa-Ethikkommission für Wolfgang Niersbach. Sie haben ihn also doch nicht vergessen, den früheren DFB-Chef, der zwar zurückgetreten war, aber nur ein bisschen. Nicht aus dem Fifa-, nicht aus dem Uefa-Exekutivkomitee.

Weil er da sitzen bleiben wollte und für die Deutschen auch sitzen bleiben sollte, um sich noch nützlich zu machen. Mit seiner Erfahrung, wie es so läuft in diesen Gremien. Mit seinen Beziehungen, mit wem das dann schon läuft. Zwei Jahre Sperre - wenn es dazu kommt, wäre das ein deutliches Signal: Schluss mit der Kumpanei der alten Kumpel, Niersbach gehört nicht mehr zu den Guten im Fußball.

"Jetzt lass aber mal gut sein." Sagt man das nicht, wenn man genug hat von der Wahrheit in all ihren Fakten und Facetten? Wenn die Vergangenheit zu unbequem, zu unangenehm ist, als dass man noch länger darin herumstochern will? Wenn man sich den eigenen Sünden doch nun wirklich mit allen Ritualen der Aufklärung gestellt hat, mit einer Untersuchung für ein paar Millionen Euro und dem einen oder anderen Rausschmiss?

Wahr ist, was nützt, gut ist, wer nützt

Seit ein paar Wochen ist der Deutsche Fußball-Bund in einer "Jetzt lass mal gut sein"-Stimmung, und gemeint war: Jetzt muss aber alles wieder gut sein im deutschen Fußball. So gut wie vor den Enthüllungen über das deutsche WM-Sommermärchen, schwarze Kassen, ominöse Überweisungen, klebrige Versprechungen. Der DFB wollte unter seinem neuen Präsidenten Reinhard Grindel nach vorn schauen, und ganz weit vorn, da soll das nächste Sommermärchen kommen, die Europameisterschaft 2024 im eigenen Land.

Das ist es, was zählt, das nächste Sommer-Sonne-Superstimmungs-Happening, auch für die neue Führung unter Grindel. Alles andere - die Suche nach der Wahrheit, die Aufklärung der dunklen Vergangenheit - gilt offenbar nur noch als Girlande, Firlefanz.

Oder was sonst soll man davon halten, wenn Grindel vor ein paar Tagen behauptete, für ihn gebe es keinen Hinweis auf ein gekauftes Sommermärchen? Dabei hatte es im Bericht der Kanzlei Freshfields, den der DFB selbst in Auftrag gegeben hatte, nur so von Hinweisen gewimmelt.

Wahr ist, was nützt, gut ist, wer nützt, und da galt Wolfgang Niersbach, der im Zuge der Affäre mehrfach die Unwahrheit gesagt hatte, auch bei seinen Nachfolgern weiter als nützlich. Zu nützlich, um ihn der Wahrheit zu opfern.

DFB stärkte Niersbach den Rücken

Wie opportunistisch die neue Führung dabei vorging, zeigt schon die Personalie des früheren DFB-Vize-Generalsekretärs Stefan Hans. Der wurde fristlos gefeuert, weil er bereits im Juni 2015 auf die ominöse 6,7-Millionen-Zahlung des deutschen WM-Komitees gestoßen war, sie aber nicht an den zuständigen DFB-Präsiden Rainer Koch weitergemeldet hatte. Stattdessen sprach er darüber nur mit Niersbach, der aber auch gegenüber Koch dicht hielt.

Hans musste als Sündenbock gehen. Für Niersbach, der immerhin auch gegen Fifa-Statuten verstoßen hatte, sah der DFB aber weiter eine Verwendung vor: Er stärkte ihm für seine Ämter in Fifa und Uefa sogar noch den Rücken. Lobte seine wertvolle Arbeit in den Gremien. Betonte, dass die Ämter direkt an Niersbach geknüpft seien und der DFB ihn daher nicht zurückziehen könnte.

Tatsächlich hatte der Verband gar nicht vor, ihn mit seinen speziellen Erfahrungen aus dem deutschen Rennen um die Euro 2024 zurückzuziehen. Das Spiel muss weitergehen, der Ball rollen, für Funktionäre, Sponsoren, die Liga, die Fans. Sie alle wollen schönen Sport. Und sonst eben die Illusion von schönem Sport.

Der DFB würde es jetzt wirklich mal gern gut sein lassen. Ist es aber nicht. Und wenigstens bei der Fifa-Ethikkommission scheint es für Niersbach und damit auch für den DFB jetzt nicht mehr gut zu gehen. Kein gnädiges Vergessen, nützliches Vergeben. Gut so.

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
yvowald@freenet.de 20.05.2016
1. DFB-Reform unerläßlich
Dann sollte der DFB auch die "Lichtgestalt" Franz Beckenbauer vom Sockel nehmen und in die Ecke stellen. Er wußte alles und spielte bzw. spielt noch immer den Saubermann. Es hilft nichts, eine Reform des DFB an Haupt und Gliedern ist auch dort unerläßlich.
quark2@mailinator.com 20.05.2016
2.
Versteh ich nicht. Entweder er ist schuldig, oder nicht. Wenn er schuldig ist, reichen 2 Jahre Sperre nicht, sondern dann sollte er für immer gesperrt sein. Wenn er unschuldig ist, sollte man ihn nicht sperren, nur weil er schon länger dabei ist. Aus meiner Sicht ist Rechtssicherheit ein recht hohes Gut unserer Gesellschaft - also erst Anklage und Verteidigung, dann Urteil und danach Strafe. Alles andere ist Willkür, insbesondere eine Verurteilung nach Augenschein weil es politisch gerade paßt.
palef 20.05.2016
3. ...abwarten...
..das ist nicht das letzte Wort!!...
quark2@mailinator.com 20.05.2016
4.
Zitat von yvowald@freenet.deDann sollte der DFB auch die "Lichtgestalt" Franz Beckenbauer vom Sockel nehmen und in die Ecke stellen. Er wußte alles und spielte bzw. spielt noch immer den Saubermann. Es hilft nichts, eine Reform des DFB an Haupt und Gliedern ist auch dort unerläßlich.
Schon mal gemerkt, daß man von dem Mann schon seit Jahren nichts mehr hört ? Im Hintergrund ziehen die alle weiter ihre Fäden, aber im Rampenlicht steht Herr B. schon lange nur noch, um Vorwürfe zurückzuweisen. Ich glaube, das ist wie mit dem Abgasskandal - wenn man wirklich alle Beteiligten schuldig sprechen will, dann erweist sich am Ende, daß der ganze Profifußball von Grund auf verseucht ist und zwar vermutlich eben nicht nur in Bezug auf die WM-Vergabe. Wenn man also zu hart auf bestimmte Leute Druck ausübt, könnten die ja mal aus dem Nähkästchen plaudern ...
Unterschied 20.05.2016
5. Bundesliga
Bundesliga-Fußball ist ein reines Geschäft; ein Unternehmen. Das Unternehmen braucht Kunden; das sind die Deppen-Fans. Es geht um die Marge. Und Beckenbauer ist fett im Geschäft!
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