Ultras in Deutschland Unter Beschuss

Ultras drohen dem DFB mit "Krieg", der Verband wirft mit Kollektivstrafen und Stadionverboten um sich: Der Konflikt zwischen Fußballfans und Funktionären ist eskaliert. Was steckt dahinter?

Ultras des 1. FC Nürnberg
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Ultras des 1. FC Nürnberg

Von Eike Hagen Hoppmann


Als Fans von Dynamo Dresden am vorletzten Spieltag der vergangenen Saison im Militärlook durch Karlsruhe zogen und anschließend ein großes Spruchband "Krieg dem DFB" vor den Gästeblock hängten, war die Empörung groß.

DFB-Präsident Reinhard Grindel geißelte den Ausdruck als "geschichtslos", Vizepräsident Rainer Koch sprach von einer "neuen Qualität". Für Innenminister Thomas de Maiziere gehörten randalierende Fußballfans "hinter Schloss und Riegel".

Ein Teil der Kritik war durchaus berechtigt. Vor und während des Spiels verletzte ein Teil der Anhänger Ordner und Polizisten. Deshalb hatten sie auch selbst einen Anteil daran, dass die Aktion anschließend scharf kritisiert wurde.

Im Kern ging es aber um etwas anderes: Die Dynamo-Fans wollten auf ein Problem aufmerksam machen, das in der Öffentlichkeit nur unzureichend diskutiert wird: der tiefe Graben zwischen Fußballfans und Verbänden, an dessen Spitze der DFB steht.

Wie ist die aktuelle Situation?

Der Konflikt ist nicht neu. Ultras und DFB sind sich schon seit Jahren feindschaftlich verbunden. Aktive Fans beklagen, dass auf ihre Belange keine Rücksicht genommen wird und fürchten, aus dem Stadion verdrängt zu werden. Der DFB stört sich wiederum an der Verwendung von Pyrotechnik oder Ausschreitungen vor oder innerhalb des Stadions und sanktioniert es.

Die Situation hat sich in den vergangenen Monaten verschärft. Die DFB-Strafen werden härter, der Frust der Fanszenen größer. Kommunikation untereinander findet nicht mehr oder kaum noch statt.

Fans von Rot-Weiß Erfurt
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Fans von Rot-Weiß Erfurt

Um auf das Problem aufmerksam zu machen, entschieden sich die Dynamo-Fans in Karlsruhe für die "größtmögliche Provokation", wie sie anschließend in einer Stellungnahme erklärten. Bereits im April (also noch vor den Vorfällen in Karlsruhe) sagte DFL-Boss Christian Seifert, das Verhalten einiger Fans sei "asozial" und "verachtenswert". Und weiter: "In Wahrheit sind diese Personen die Totengräber der Fankultur, um die es ihnen angeblich geht."

DFB-Präsident Grindel forderte nach dem Spiel zwischen Dortmund und Leipzig, bei dem BVB-Fans Gästeanhänger attackierten, einen "Aufstand der Anständigen", auch Politiker wie Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius setzen auf "maximale Abschreckung", wie der dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) sagte. Hannovers Klubchef Martin Kind sagte in der "Bild-Zeitung" sogar offen, dass er die Ultras am liebsten loswerden würde. "Wir werden versuchen, sie auszugrenzen", sagte er. Klarer kann man Ablehnung nicht kommunizieren.

Was sind die Streitthemen?

Im Mittelpunkt der Fan-Kritik steht die Sportgerichtsbarkeit des DFB. Das Sportgericht darf Sanktionen als Reaktion auf Fehlverhalten von Fans aussprechen, ist aber kein normales Gericht. Das Strafmaß reicht von Geldstrafen bis hin zu Geisterspielen.

Nach welchen Kriterien die Strafen festgelegt werden, ist für Fans nicht transparent nachvollziehbar - und höchst umstritten. Von Verfehlungen Einzelner sind oft Tausende betroffen, wenn vom DFB ganze Fanblöcke gesperrt werden.

Immer häufiger werden vom Sportgericht sogenannte Kollektivstrafen ausgesprochen, unter denen viele Fans zu leiden haben, nicht nur die Verursacher. Allein in der vergangenen Saison wurden zwölf Vereine vom DFB mit Kollektivstrafen ohne Bewährung belegt, die über Geldstrafen hinausgingen.

DFB-Strafen in der vergangenen Saison

Verein Strafe
Borussia Dortmund Gesperrte Südtribüne bei einem Spiel
Dynamo Dresden Gesperrter K-Block bei einem Spiel
1. FC Nürnberg Zuschauerteilausschluss bei einem Heimspiel
Eintracht Frankfurt Zuschauerteilausschluss bei mehreren Spielen
1. FC Magdeburg Gesperrter Block U bei zwei Spielen
Hansa Rostock Ein Geisterspiel
Eintracht Braunschweig Zuschauerteilausschluss bei einem Heimspiel
VfL Osnabrück Zuschauerteilausschluss bei einem Heimspiel
Karlsruher SC Ein Geisterspiel. Ausnahme: Gästefans und wenige Sitzplätze
1. FC Saarbrücken Zuschauerteilausschluss, personalisierte Tickets und Fahnenverbot bei zwei Spielen
1860 München Ein Geisterspiel
Energie Cottbus Ein Geisterspiel

Quelle: Faszination Fankurve

Häufig sind die Strafen sogar wirkungslos. Das zeigte sich zuletzt bei der Partie Braunschweig gegen Heidenheim: Der DFB hatte die Eintracht mit einem Zuschauerteilausschluss für die Vorkommnisse beim Relegationsspiel gegen Wolfsburg bestraft, als während des Spiels ein Böller geworfen wurde (was von der führenden Ultragruppierung anschließend scharf kritisiert wurde) und Fans nach dem Abpfiff auf den Platz stürmten. Mithilfe der Heidenheimer Fans gelangten etwa 80 Ultras dennoch ins Stadion. Beide Fangruppen standen während des ganzen Spiels in unmittelbarer Nähe zueinander, ohne dass es zu Ausschreitungen kam.

Doch Kollektivstrafen sind nur eine Ebene der Sanktionsmöglichkeiten. Der DFB kann außerdem bundesweite Stadionverbote aussprechen. Fans, die mit einem solchen Verbot belegt sind, dürfen in einem bestimmten Zeitraum (häufig zwei Jahre) keine Fußballspiele mehr besuchen.

Ende September 2016 waren bundesweit 1600 Stadionverbote wirksam. In Braunschweig ist mittlerweile fast die gesamte Ultraszene ausgesperrt. Der versuchte Blocksturm beim Derby in Hannover führte allein zu 178 Stadionverboten, insgesamt haben in dieser Saison mehr als 200 Eintracht-Fans ein Stadionverbot.

Der DFB beruft sich auf ein Urteil des Bundesgerichtshofs aus dem Jahr 2009. Die Richter urteilten, dass der Ausspruch eines bundesweiten Stadionverbots vom Hausrecht des Veranstalters gedeckt ist, wenn ein "sachlicher Grund" besteht. Das sei aber nur der Fall, wenn aufgrund objektiver Tatsachen und nicht nur aufgrund subjektiver Befürchtungen die Gefahr künftiger Störungen bestehe.

Fangruppen kritisieren, dass Stadionverbote häufig willkürlich ausgesprochen werden und ohne ein rechtskräftiges Urteil eines Gerichts. Der DFB entgegnet, dass es sich bei Stadionverboten um keine Sanktion, sondern um eine Gefahrenabwehrmaßnahme handele. Deshalb gelte keine Unschuldsvermutung und es genüge die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens oder eine Ingewahrsamnahme für den Ausspruch eines Stadionverbots.

Ist es nur ein Konflikt zwischen Ultras und DFB?

Nein. Auch andere Fans sind schlecht auf den DFB zu sprechen. Wenn beispielsweise die ganze Dortmunder Südtribüne für ein Spiel geschlossen oder das Kontingent für Auswärtskarten reduziert wird, bringt der Verband nicht nur Ultras gegen sich auf. Beim Auftritt von Helene Fischer in der Halbzeitpause des Pokalfinals oder während der "Eröffnungsshow" vor dem Zweitligaauftakt zwischen Bochum und St. Pauli pfiffen viele Fans im Stadion - nicht nur Ultras.

Protest der Bochum-Fans
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Protest der Bochum-Fans

Die Ablehnung richtet sich nicht nur gegen den DFB, sondern auch gegen andere Verbände, beispielsweise die DFL. Die Liga ist für die Anstoßzeiten verantwortlich, die für die Fans im Stadion in den vergangenen Jahren immer unfreundlicher geworden sind. Die Bundesliga spielt in der kommenden Saison am Sonntagabend um 18 Uhr sowie montags um 20.30 Uhr. In der zweiten Liga wird schon länger montags gespielt, in englischen Wochen wird sogar schon um 17.30 Uhr angepfiffen.

Auch hier gilt: Das betrifft alle Fans, nicht nur Ultras. Auch für Familien ist es schwer bis unmöglich, an einem Montag oder Sonntagabend zum Auswärtsspiel durch die Republik zu reisen.

Aber auch zwischen Fans und ihren Vereinen ist es zuletzt zu immer größeren Spannungen gekommen. Die Klubs stehen gewissermaßen zwischen den Fronten. Sie werden vom DFB zur Kasse gebeten und stehen unter Druck, Fehlverhalten der Fans selbst zu sanktionieren.

Deshalb reagieren sie selbst mit Strafen gegenüber Ultragruppen. Bestimmte Privilegien wurden entzogen, wie etwa eine Auswärtsdauerkarte, Fahnen und Zaunfahnen verboten. In der vergangenen Saison stellten etwa die Ultras aus Mönchengladbach, Nürnberg und Leverkusen die Stimmung bei Heimspielen nach Streit mit den eigenen Vereinen ein - oder blieben den Spielen gleich ganz fern. Viele Ultras sind inzwischen dazu übergegangen, alle Privilegien freiwillig abzugeben, um sich nicht erpressbar zu machen.

So hat sich mittlerweile ein Konflikt an mehreren Fronten entwickelt, in dem eine Sache immer unwahrscheinlicher scheint: eine Lösung.

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insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
gnarze 11.08.2017
1. Ultras werden sich noch wundern,
wenn die Zentralvermarktung fällt.
Cascara LF 11.08.2017
2. Was Ultras...
...mich echten (!) Fußballfans zu tun haben bleibt mir wohl ein Rätsel. Diese Haudrauf-und-Randale-Brüder braucht kein Mensch - auch kein Fußballclub. Stadionverbot für Jahre für bekannte und bekennende, gewalttätige Ultras - Europaweit und egal welche Liga.
rubikon2016 11.08.2017
3. Und sowohl DFB als auch DFL
haben im Auftrage seiner Mitglieder offensichtlich nur eins im Sinn: Die Einnahmen noch mehr und noch mehr zu steigern, damit noch mehr Profis und Berater noch mehr abschöpfen können. Fernsehgelder für unzumutbare Anstoßzeiten, Merchandising mit abartigen Preisen und Tagestickets außerhalb jeglichem Bezug zu den Einkommen von Otto-Normal-Fan mit Familie. Der Fußball, mit dem wir groß geworden sind, stirbt gerade oder ist bereits tot.
Epsola 11.08.2017
4.
Letztlich ist das ein Konflikt zwischen zwei Parteien die jeweils auf ihre Art die Fußballkultur zerstören. Der Patient ist schon längst tot.
hmueller0 11.08.2017
5. Zwei Probleme, oder drei
Erstes Problem: Wenn es Fans oder wie immer sie sich nennen möchten, nicht an die Regeln zB im Station halten, müssen sie halt draussen bleiben. Wie bei jeder anderen Veranstaltung auch. Ob es jetzt aktive Fans sind, zu einer Vereinigung gehören oder privat - völlig egal. Ob man dann kollektiv eine ganze Gruppe bestraft ist zwar immer so eine Sache - aber man kann ja auch nicht ernsthaft jeder Einzelperson hinterher laufen, wenn die ganze Gruppe wiederholt negativ auffällt. Das nennt man dann wohl Prävention oder auch aus Erfahrung gelernt (sollte man auch mal auf andere Bereich ausweiten) Zweites Problem: DFB und sonstige Verbände, die für sich das alleinige Vermarktungsrecht und den gesamten Sport beantspruchen. Mit welchem Recht? Hat der DFB Fußball erfunden? Glaube ich nicht. Übernimmt er alle Kosten für den "Betrieb" - glaube ich auch nicht. Also den ganzen Laden auf ein sinnvolles und erträgliches Maß zusammenstutzen. Da wäre auch der Staat gefragt, zB was Fördergelder für den Sport oder Übertragungsrechte angeht. 3. Problem: Zugegeben - Fussball interessiert mich nicht sonderlich - ist aber ab und zu ganz nett. Ich sehe aber nicht ein, dass für eine letztlich Privatveranstaltung (dh zwischen Veranstalter/Station, Spielern und Zuschauern, die das sehen wollen) immer die Allgemeinheit zahlen darf. Und da der DFB gerne alles bestimmt, sollte man ihn doch evtl. auch die Rechnung schicken? Sonst eben den Veranstaltern. Könnten sich einige Vereine vermutlich nicht mehr leisten, zu spielen, wenn die Fans Kravall machen - aber evtl. würde ja genau das eine Lösung bewirken, weil man sich dann überlegen könnte, wem man in der Fan-Gemeinde das Feld überlässt - den Kravallmachern oder den Sportinteressierten.
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