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Wütende Fans: Hoffenheim in der Schallfalle

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Die Affäre um die Beschallung des Gästeblocks entwickelt sich für Hoffenheim zum Desaster: Fans schimpfen über Stasi-Methoden, es hagelt Anzeigen wegen Körperverletzung, die Vereinsführung agiert ungeschickt. Der bereits seit Jahren laufende Versuch einer Imagepolitur droht zu scheitern.

dapd

Es war ein ambitioniertes Projekt: Mit viel Geld sollte aus einem Kreisliga-Verein ein erfolgreicher Bundesligist gebastelt werden. Die TSG 1899 Hoffenheim unternahm seit ihrem Aufstieg in die erste Spielklasse vor drei Jahren viel, um gegen das Image vom überzüchteten Dorfclub anzukämpfen.

Jetzt stehen die Verantwortlichen vor den Trümmern ihrer Bemühungen. Nach dem unrühmlichen Einsatz einer Beschallungsanlage im eigenen Stadion erscheinen all die Mühen vergebens. Hoffenheim hat sich selbst zum Feindbild vieler Fans gemacht.

Darüber herrscht sogar unter Erzfeinden Einigkeit. In dem Internetforum eines Dortmunder Fanclubs schreibt ein Schalke-Fan: "Das sind doch Stasi-Methoden. Das können wir uns nicht gefallen lassen." Mit seiner Einschätzung trifft er auf Gleichgesinnte, die über "Meinungsraub" und von "Unterdrückung der Demokratie" schreiben. Borussen- und Schalke-Fans echauffieren sich unisono über den Einsatz einer Lautsprecheranlage - das muss man erst mal schaffen.

Doch die Fan-Wut trifft nicht nur den Fußballverein TSG 1899 Hoffenheim. Die Wut trifft vor allem eine Person: Dietmar Hopp. In den Augen vieler Fans ist der SAP-Gründer, der die TSG seit 1990 mit Investitionen von etwa 200 Millionen Euro in die Bundesliga führte, schon seit Jahren der böse Geist des Fußballs. Für sie ist Hopp einer, der nur mit Kalkül aber ohne Emotion König Fußball kauft, steuert und führt. Dafür wird er oft von zahlreichen Fans beschimpft, bepöbelt und bedroht.

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Hopp nimmt diese Angriffe persönlich. In Interviews monierte der 71-Jährige, wie sehr er sich von diesen Attacken getroffen fühle. Immer wieder stellte er heraus, dass er dem Fußball und der Region helfen wolle und den Gegenwind der Fans nicht verstehe. Gegen einen unbekannten Dortmunder Fan stellte er Anzeige, weil der Hopps Konterfei auf einem Plakat im Fadenkreuz eines Gewehrs dargestellt hatte.

Desaströses Krisenmanagement

Das alles sollte es in Zukunft eigentlich nicht mehr geben. 1899 Hoffenheim wollte sich mit Beginn dieser Saison neu aufstellen, eine sympathische Richtung einschlagen. Ohne Fankrieg, ohne Reaktionen auf Beleidigungen. Mit Holger Stanislawski, der ehemaligen Identitätsfigur des FC St. Pauli, wurde ein Trainer verpflichtet, der für Emotionen, Kult und Kultur sorgen sollte. Der Kader wurde nochmals verjüngt, mit der Devise, künftig auf zumeist aus der Region stammende Talente setzen zu wollen. Zuletzt wurde sogar ein ehemaliger SAP-Mitarbeiter eingestellt, der sich bei 1899 ausschließlich um eine verbesserte interne Kommunikation kümmern sollte. Dadurch versprach man sich, dass die landesweite Wahrnehmung der bei vielen Fans als "Retorten- oder Reagenzglas-Club" verunglimpften TSG verbessert wird.

Wo sich dieser Mitarbeiter allerdings befunden hat, als der Tröten-Skandal publik wurde, ist nicht bekannt. Das Krisenmanagement der TSG war in diesem Fall desaströs. Während der Club zunächst leugnete, irgendetwas mit dem versteckten Lautsprecher zu tun gehabt zu haben, musste er am Dienstag unter dem Druck der Öffentlichkeit zugeben, dass die Apparatur bei insgesamt fünf Bundesliga-Spielen im Stadion war.

Der Verein distanziert sich zwar von der Benutzung dieses Geräts, unklar ist aber nach wie vor, wie groß der Kreis der Mitwisser tatsächlich war. Die von der Polizei aufgenommenen Ermittlungen werden sich in diesem Fall wohl mehrere Wochen hinziehen. Nach Angaben eines Sprechers der Polizei Heidelberg gegenüber Kurpfalz Radio seien bis zum Mittwochmittag elf Anzeigen wegen angeblicher Körperverletzung eingegangen. Ein Gutachter prüfe nun, ob das zur Beschallung eingesetzte Gerät eine Körperverletzung verursachen kann.

"Der Mann hat halt irgendwo ein Gerechtigkeitsgefühl"

Während man bei Hoffenheim nach innen versucht, Klarheit zu erlangen, wird nach außen trotzdem fleißig kommuniziert. Und zwar nicht vom Pressesprecher oder einem sportlichen Verantwortlichen, sondern von Hopp, dem Vater des "Projekts Hoffenheim". Er gibt der regionalen Presse seine Einschätzungen. Dabei verurteilt er keinesfalls die Tat eines autonom handelnden Mitarbeiters, sondern beginnt, das Handeln der Person zu rechtfertigen. Im Kurpfalz Radio sagt er: "Man sollte ja nicht vergessen, dass das nur eine Reaktion auf eine jahrelange Aggression war. Und der Mann hat halt irgendwo ein Gerechtigkeitsgefühl. Dass er über das Ziel hinausgeschossen ist - okay."

In einem Interview mit der "Rhein Neckar Zeitung" ergänzte der Mäzen: "Wahrscheinlich wäre es das Klügste, diese schlimmen Beleidigungen zu ignorieren. Aber ich bin auch nur ein Mensch." Und: "Es tut weh, so beleidigt zu werden." Die abschließende Formulierung, bei der Hopp zwar zugibt, dass der Lautsprecher-Installateur "der TSG 1899 Hoffenheim einen Bärendienst erwiesen hat", birgt Brisanz. Sein Nachsatz lautet: "Aber wenn er seinen Arbeitsplatz verliert, wäre ich todunglücklich."

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