Wutreden: Sauereien und leere Flaschen

Von Jörg Schallenberg

Sie ist eine der großen Wutreden unserer Zeit. Uli Hoeneß' Ausraster auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern, bei der er Fans und Mitglieder bepöbelte, reiht sich ein in die Tiraden von Völler bis Trapattoni. SPIEGEL ONLINE erinnert an die schönsten Pöbeleien.

"Das ist eine populistische Scheiße", wetterte Uli Hoeneß auf der Jahreshauptversammlung - und redete sich dann richtig in Rage. "Es kann nicht sein, dass wir uns jahrelang den Arsch aufreißen und dann so kritisiert werden", brüllte der Manager den Mitgliedern entgegen, von denen er zum Teil wütend ausgepfiffen wurde.

Anlass für die folgende Brandrede des bekannt wortgewaltigen Hoeneß war der Wortbeitrag eines Fans namens Ralf Seeliger, der sich beklagte, wie wenig die Anhänger vom Club ernst genommen würden, dass es zu viele Logen gebe, wie schlecht die Stimmung in der fast immer ausverkauften Allianz Arena sei - und laut "Süddeutscher Zeitung" das schöne Zitat vorbrachte, dass "man mit Champagnergläsern keine La Ola machen kann". Beim volkstümlicheren Lokalrivalen TSV 1860 sei die Atmosphäre, so Seeliger, viel besser.

Daraufhin war Hoeneß nicht mehr zu bremsen, so oft ihn der Bayern-Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge auch flehentlich von der Seite anschaute - denn der hatte zuvor das Bild einträchtiger Harmonie beim Rekordmeister beschworen. Doch das war dem Manager völlig egal.

"Scheißstimmung? Da seid ihr doch dafür verantwortlich, nicht wir", hielt er den Fans im Saal entgegen, bezichtigte sie einer romantischen Verklärung der Vergangenheit im zugigen Olympiastadion, kanzelte nebenbei den TSV 1860 als finanziell allenfalls Regionalliga-tauglich ab.

Für einigen Unmut abseits der Fankurve dürfte auch eine andere Bemerkung sorgen. "Was glaubt ihr eigentlich, was wir das ganze Jahr über machen, damit wir euch für sieben Euro in die Südkurve gehen lassen können?", hielt Hoeneß den Anhängern vor, "Was glaubt ihr eigentlich, wer euch alles finanziert? Das sind die Leute aus den Logen, denen wir die Gelder aus der Tasche ziehen." Die Logenbesitzer, die bis zu 240.000 Euro pro Saison für ihre Kabinen zahlen, werden das interessiert zur Kenntnis genommen haben.

Fest steht, dass sich Hoeneß mit seiner an Wahrheiten reichen Brandrede weit nach oben in die Rangliste der legendären Wutausbrüche katapultiert hat. In Führung liegt wohl nach wie vor der frühere Bayern-Coach Giovanni Trapattoni, der am 10. März 1998 seine Mannschaft öffentlich zusammenfaltete. "Was erlauben Strunz?", giftete er Nationalspieler Thomas Strunz an und befand, "drei oder vier Spieler, die waren schwach wie eine Flasche leer".

Um Flaschen und Gläser drehte es sich auch bei Rudi Völler, der als Teamchef nach einem mauen Spiel der Nationalmannschaft auf Island TV-Frager Waldemar Hartmann attackierte. "Du sitzt hier auf deinem Stuhl und hast drei Weizenbier getrunken und bist schön locker", pflaumte Völler den Moderator an und erklärte, dass er "diesen Scheißdreck nicht mehr hören" wolle. Gemeint war die Berichterstattung der Medien, die "das Allerletzte" sei.

Mit Wut zum Werbevertrag

Franz Beckenbauer ätzte im März 2001 nach einer 0:3-Niederlage des FC Bayern in der Champions League bei Olympique Lyon über seine Mannschaft: "Das ist eine Uwe-Seeler-Traditionself, das war reiner Altherren-Fußball. Wir haben Fußball wie vor 30 Jahren gespielt." Beim Festbankett nach dem Spiel redete sich der Bayern-Präsident heiß und befand: "So darf in Zukunft nicht gespielt werden, sonst könnt ihr euch einen anderen Beruf suchen. Wenn einer Nachhilfe braucht, stehe ich zur Verfügung."

Das saß - und zeigte Wirkung: Zwei Monate später gewannen die Bayern die Champions League im Finale gegen den FC Valencia. Auch die anderen Wutreden hatten übrigens durchweg angenehme Folgen: Trapattonis Flaschen schafften 1998 immerhin den Einzug in die Champions League und erreichten ein Jahr später das Finale. Ohne Trapattoni allerdings, der Ottmar Hitzfeld weichen musste.

Sportreporter Hartmann ergatterte einen gut dotierten Vertrag als Werbefigur für Weizenbier - obwohl er Völler spontan entgegnet hatte: "Also, in Island gibt es kein Weizenbier, ich bin auch kein Weizenbiertrinker."

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Forum - Hat Hoeneß recht mit seiner Fan-Schelte?
insgesamt 205 Beiträge
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1.
Mike_D 14.11.2007
Zitat von sysopBayern-Manager Uli Hoeneß hat die eigenen Fans angegriffen, ihnen Realitätsverlust und romantische Verklärung der Vergangenheit vorgeworfen. Hat Hoeneß recht - oder werden die Anhänger tatsächlich von den reichen Clubs zu wenig respektiert?
Der Wutausbruch kam ja zustande, weil ein Fan die schlechte Stimmung im Stadion ansprach. Darauf hat Uli einen seiner berühmt berüchtigten Wutausbrüche bekommen und dem Fan erklärt, für die Stimmung im Stadion ist nicht der Verein sondern die Fans zuständig, womit er ja Recht hat. Einzig, der rüde Ton ist ihm vorzuwerfen.
2.
Brettschneider 14.11.2007
Zitat von sysopBayern-Manager Uli Hoeneß hat die eigenen Fans angegriffen, ihnen Realitätsverlust und romantische Verklärung der Vergangenheit vorgeworfen. Hat Hoeneß recht - oder werden die Anhänger tatsächlich von den reichen Clubs zu wenig respektiert?
Ohne die "7-Euro-Fans" käme auch das Logen-Publikum nicht so zahlreich in die Stadien. Die VIPs betrachten Stimmung als im Preis inbegriffen. Sonst könnten sie gleich in Schwabing bei ihren Schampus- und Häppchen-Events bleiben. Also sollte sich Hoeneß mit abwertenden Kommentaren gegen die auf den billigen Plätzen zurückhalten.
3.
Devilfrog 14.11.2007
Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen ;) Ernsthaft, ich bin kein großer Hoeneßfan aber das soziale Engagement des FCB kann man auf keinen Fall in Frage stellen und hier wird mit Sicherheit viel getan, damit der Eintrittspreis von 7€ gehalten werden kann. Und wenn ich dann was höre von wegen "es wurde die Dauer der Fangesänge gemessen" frage ich mich schon, wer eigentlich für die Stimmung sorgen sollte wenn nicht die Fans selber. Einzig ankreiden kann man mal wieder Hoeneß die etwas patzige Art der Antwort.
4.
nickname 14.11.2007
Zitat von sysopBayern-Manager Uli Hoeneß hat die eigenen Fans angegriffen, ihnen Realitätsverlust und romantische Verklärung der Vergangenheit vorgeworfen. Hat Hoeneß recht - oder werden die Anhänger tatsächlich von den reichen Clubs zu wenig respektiert?
Natürlich hat Hoeneß Recht: Fußball ist längst keine "11 Freunde sollt ihr sein"-Nummer mehr. Und für die Stimmung sind die Fans verantwortlich, wer denn sonst? Fehlende Stimmung hat nix mit VIP-Logen zu tun, schließlich machen diese Plätze nur etwa (grob geschätzte) 15-20% des Gesamtvolumens von 69.000 Plätzen aus, wenn überhaupt. Ich war in der vergangenen Woche beim Spiel gegen die Bolton Wanderers. Die knapp 4.000 englischen Fans haben teilweise mehr Alarm gemacht als die kompletten Bayern-Fans. Die Leute (natürlich außer denen in den Kurven hinter den Toren) sind teilweise sogar zu faul, um aufzustehen, wenn es heißt "Steht auf ...". Unter Fans stelle ich mir was anderes vor. Dass es auch in München ganz anders sein kann, habe ich beim letzten Spiel gegen Real gesehen und gehört (Wir erinnern uns: 2:1, 1:0 durch Roy M. in der 11. Sekunde - YES!! ;-) ) Da habe ich wirklich gedacht, jetzt fliegt das Dach weg. Also, es geht doch! Nicht meckern - machen. mfg nickname
5. Es jedermanne Recht getan...
tomandcherry 14.11.2007
Zitat von DevilfrogDie Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen ;) Ernsthaft, ich bin kein großer Hoeneßfan aber das soziale Engagement des FCB kann man auf keinen Fall in Frage stellen und hier wird mit Sicherheit viel getan, damit der Eintrittspreis von 7€ gehalten werden kann.
...ist eine Kunst, die keiner kann. Dafür, dass der FCB ein "Fußballclub für alle", also einerseits für die sog. "Häppchen(fr)esser" in den teuren Business-Seats und andererseits für den "echten Fan", der fünf Tage die Woche für 8,50 €/Std. an der Werkbank steht sein möchte, läuft's doch - noch - erstaunlich gut. 7 (i.W.: sieben) Euronen kostet heutzutage in München ein Kinobesuch am Wochenende oder am Feiertag. Also hält der Verein immer noch ein Kartenkontingent im sog. "low budget" Bereich vor. Das ist im positiven bemerkenswert. Ja, Devilfrog, da musste ich mich auch schon ganz schön wundern. Ob sowas noch mit "echtem Fantum" zu tun hat? Wahrscheinlich war es der - spitzfindige - Vergleich, bei Spielen des "geliebten" Stadtnachbarn und Arena-Untermieters, dem von FCB-Fans so gern als "Verein mit den vier Zahlen" geschmähten TSV 1860, wäre mehr Stimmung als beim FCB. Das ist natürlich Majestätsbeleidigung.
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