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Zeitlupen-Diskussion: Fandels Fabel-Forderungen

Von Jan Reschke

DFB-Schiedsrichter-Boss Herbert Fandel hat eine abenteuerliche Idee: Um die Unparteiischen bei Fehlentscheidungen zu schützen, soll die Zeitlupe abgeschafft werden. Falsche Pfiffe gäbe es trotzdem - nur bekäme sie der Zuschauer nicht mehr zu sehen.

Schiedsrichter-Chef Fandel: Zeitlupen verbieten, um die Schiedsrichter zu schützen Zur Großansicht
dpa

Schiedsrichter-Chef Fandel: Zeitlupen verbieten, um die Schiedsrichter zu schützen

Die kommende Bundesliga-Saison wird zwar erst in 18 Tagen angepfiffen, doch über Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern wird schon jetzt diskutiert. Diesmal sind es nicht Spieler, Trainer oder Manager, die wegen zu Unrecht gegebener Elfmeter, falscher Abseitsentscheidungen oder nicht geahndeter Fouls lamentieren, es ist der oberste Schiedsrichter im Land höchstselbst, Herbert Fandel.

Der hat eine abenteuerliche Idee: Um seine Untergebenen bei Fehlentscheidungen zu schützen, sollen TV-Bilder zensiert werden. Genauer: Die Zeitlupe soll abgeschafft werden. "Ich würde es begrüßen, die Zeitlupen ganz entfallen zu lassen", sagte der Leiter der DFB-Schiedsrichterkommission dem "Tagesspiegel". Sein Argument: "Die Zeitlupe zeigt nicht das, was viele Fernsehanstalten oder Moderatoren glauben. Sie zeigt nicht die Wahrheit." Warum? "Den Wiederholungen fehlt die dritte Dimension - die Tiefe ist nicht da."

Auf die Idee ist Fandel gekommen, nachdem der italienische TV-Sender Rai Pläne bekanntgab, künftig bei Szenen, denen strittige Schiedsrichterentscheidungen zugrunde liegen, weitgehend auf die Zeitlupe zu verzichten. Nur Tore und Fouls, die zu Roten Karten führen, sollen gezeigt, die Schiedsrichter dadurch geschützt werden. Das ist berufsgemäß auch oberstes Anliegen von Fandel, die Forderung aus seiner Sicht somit nachvollziehbar.

Was sie aber nicht weniger abenteuerlich werden lässt.

Denn Fehlentscheidungen können häufig nur mittels einer Zeitlupe aufgedeckt werden. Der Zuschauer vor dem Fernseher hat ein eingeschränktes Sichtfeld und kann in vielen Situationen nur erahnen, was auf dem Platz geschehen ist. Die TV-Anstalten helfen und klären das Geschehen nach strittigen Szenen verlangsamt auf. Dabei werden falsche Pfiffe von Unparteiischen ebenso offenbart wie korrekte Entscheidungen - von fehlender Wahrheit, eines von Fandels Argumenten, kann also keine Rede sein. Im Gegenteil, der Wahrheit kommt man auf diese Weise sogar näher.

Fehlentscheidungen nicht zu zeigen, kann nicht die Lösung sein

Die Kritik an der fehlenden Tiefe ist nach dem heutigen Stand der Technik nicht haltbar. Spielszenen werden mittlerweile häufig direkt in eine Computersimulation übertragen, mittels derer die Szene aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden kann. Das passiert so schnell, dass schon in der Halbzeit oder direkt nach dem Spiel die entsprechenden Bilder zur Verfügung stehen.

Zudem entwickelt sich die Technik laufend weiter. Sobald 3-D-Fernseher samt entsprechender Übertragungstechnik bei Fußballspielen zur Verfügung stehen, wäre das Argument ohnehin obsolet.

Doch der weit größere Kritikpunkt an den Forderungen Fandels ist die Zensur. Fehlentscheidungen zu kaschieren, indem man sie nicht zeigt, kann im Sinne der Pressefreiheit nicht die Lösung sein. Oder sollen künftig auch strittige Aussagen von Politikern nicht mehr gezeigt werden, um das Volk nicht in Unruhe zu versetzen? Ganz abgesehen davon, dass der Fan als zahlender TV-Kunde das Recht auf das bestmögliche Produkt hat und nicht mit einer Bild-Kastration abgespeist werden sollte.

"Schiedsrichterentscheidungen müssen diskutiert werden"

Dass ein Zeitlupenverbot wohl eher seinem persönlichen Wunschdenken entspricht, denn realistischer Option, weiß auch Fandel. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Zeitlupen hierzulande angeschafft werden. Das wird wohl kaum möglich sein." Ließe man die Zeitlupen weg, "würde das natürlich den Schiedsrichtern helfen und ihnen den Druck nehmen. Aber dann wird es für den Fan natürlich uninteressanter", so Fandel.

Auch bei TV-Anstalten findet die Idee keinen Anklang. "Das ist der völlig falsche Weg. Schiedsrichterentscheidungen gehören genauso wie Tore oder Torwartparaden zur Fußballkultur und müssen diskutiert werden", sagte ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz. Entscheidend sei dabei die Art und Weise der Analyse, so Gruschwitz: "Wir wollen keinen Schiedsrichter mit einer Zeitlupe vorführen, sondern dem Fan strittige Entscheidungen erklären."

Doch genau darin sieht Fandel das Problem: "Ein Fehler des Schiedsrichters geht manchmal drei Wochen durch die Gazetten, aber der Mittelstürmer, der den Ball aus drei Metern über die Latte knallt, ist am nächsten Tag oft schon wieder vergessen."

Das sollte er mal Arjen Robben nach dessen Fehlschuss im WM-Endspiel sagen.

Mit Material des sid

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Forum - Zeitlupen bei strittigen Entscheidungen abschaffen?
insgesamt 93 Beiträge
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1. Bullshit
ray4901 02.08.2010
Zitat von sysopEin italienischer TV-Sender will keine Zeitlupen mehr von strittigen Fußball-Situationen zeigen, Top-Schiedsrichter Herbert Fandel würde eine solche Entscheidung auch in Deutschland begrüßen. Was meinen Sie: Sollte man die Zeitlupen von umstrittenen Szenen zum Schutz der Schiedsrichter nicht zeigen?
Wollt ihr das TV abschaffen, die Bezahlsender insbesondere?? Vielleicht macht der DFB einen Deal, indem er, gegen Verzicht auf die Zeitlupe, den Stationen einige hundert Mio bezahlt statt kassiert. Schaffen wir lieber das Geld, die Parteien oder das Internet ab ;-)
2.
Christian W., 02.08.2010
Nein. Einfach nur nein. Welch Wunder, dass sowas vom Fandel kommt...
3. Das ist eine prima Idee
bierus 02.08.2010
nur leider inkonsequent. Ich finde, man sollte die Spiele am besten unter Ausschluß der Öffentlichkeit und ohne Fernsehen stattfinden lassen. Oder aber alternativ die Schiedsrichter abschaffen. Wenn wir nach Feierabend spielen, brauchen wir auch keinen. Na gut, wir spielen Kleinfeld und ohne Abseits... Übrigens, ich hab nen Festplattenrecorder mit Zeitlupenfunktion, will mir Herr Fandel diese auch verbieten?
4. Weltfremd
mgaul 02.08.2010
Einfach nur weltfremd. Zeitlupen im fernsehen abschaffen in einer Zeit, in der strittige Szenen von Zuschauern problemlos mitgeschnitten und wenig später auf Youtube gestellt werden. Selbst wenn man "Fehler nicht zeigen" für den richtigen Weg hält (was ich nicht tue), dann ist das immer noch ein erschreckend hirnrissiger Vorschlag. Ich bin noch immer dafür, den Chip im Ball einzuführen (der auch von fast allen Beteiligten gefordert wird) sowie einen begrenzten Videobeweis. Es ist auch im Fußball möglich, den Videobeweis so einzuführen, dass er das Spiel kaum stört, aber dafür krasse Fehlentscheidungen verhindern kann. Im Feldhockey wurde das z.B. bereits durchgeführt - die Teams dürfen Videobeweise einfordern, aber nur bei bestimmten wichtigen Entscheidungen und nur begrenzt (wenn sich herausstellt, dass die Beschwerde falsch war, dürfen sie keinen weiteren Beweis mehr einfordern). Fandel denkt da in die falsche Richtung. Schade, ich hatte mir erhofft, dass er frischen Wind in die etwas verstaubten oberen Etagen der Schiri-Hierarchie bringt.
5.
flodur, 02.08.2010
Völlig aus der Luft gegriffen scheint mir die Idee nicht, was aus der einen (Kamera)Perspektive eindeutig scheint, kann aus der anderen (Schiedsrichter)Perspektive unklar oder genau andersherum eindeutig sein. Zumal es ja auch oft erst nach mehrmaligen anschauen der Zeitlupe eine halbwegs eindeutige Meinung gibt, während der Schiedsrichter aber sofort aus seinem Blickwinkel entscheiden muss. Wenn dann sollte zusätzlich der Schiri mit einer Kamera ausgestattet werden die seinen Blickwinkel zeigt und bei Zweifeln diese in original Geschwindigkeit befragt werden.
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