Champions-League-Klub St. Petersburg Ehrensache am Atlantik 

Zenit Sankt Petersburg zählt zu den Überraschungsteams der Champions-League-Vorrunde. Die Russen wollen nun über Benfica Lissabon ins Viertelfinale - vor allem für den Trainer eine Frage der Ehre.

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Man kann nicht behaupten, dass der russische Fußball zuletzt große Schlagzeilen gemacht hat. In zwei Jahren steht die WM im Land an, die Nationalmannschaft hat sich immerhin für die EM in diesem Sommer qualifiziert. Dennoch: Die russischen Vereine sind längst nicht mehr der Kaviar in Europa. Es gibt nur noch wenige Stars, die gut genug sind, um von europäischen Topvereinen umworben zu werden. Die Zeiten, als reiche Oligarchen die Profis mit märchenhaften Gagen lockten, gehen auch vorbei.

In der russischen Liga haben sie zuletzt darum gestritten, ob wieder Bier im Stadion ausgeschenkt werden darf. Das zumindest hat als Meldung Eingang in die internationalen Nachrichtenagenturen gefunden.

In den vergangenen 20 Jahren hat es nur einmal ein russisches Team ins Viertelfinale der Champions League geschafft. Das war ZSKA Moskau, und das ist auch schon sechs Jahre her.

Es könnte allerdings sein, dass ein Verein diesen Negativtrend in diesem Jahr beendet.

Schon in der Vorsaison Benfica zweimal besiegt

Zenit Sankt Petersburg, der russische Meister, hat eine erstaunliche Gruppenphase absolviert, der Klub hat die ersten fünf Gruppenspiele alle für sich entschieden und sich souverän fürs Achtelfinale qualifiziert. Und dort wartet mit Benfica Lissabon (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ein durchaus schlagbarer Gegner, den Zenit zudem bereits in der Vorsaison in der Gruppenphase zweimal besiegte.

Ohnehin ist es kein normales Spiel: Die weite Reise von Sankt Petersburg an den Atlantik nach Lissabon wird für den Trainer von Zenit zur Ehrensache. André Villas-Boas ist selbst Portugiese, er ist in Porto geboren, er hat den FC Porto trainiert, die Rivalität zu Benfica Lissabon ist ihm also in die Wiege gelegt.

Villas-Boas ist seit zwei Jahren Trainer in Russland. Er war mal so etwas wie das europäische Trainer-Wunderkind, nachdem er als gerade 32-Jähriger mit dem FC Porto 2011 die Liga ungeschlagen mit sagenhaften 21 Punkten Vorsprung auf Benfica abgeschlossen und so nebenbei mit dem Team auch die Europa League und den heimischen Pokal gewonnen hatte. Danach wechselte er mit den höchsten Erwartungen ausgestattet zum FC Chelsea - und wurde dort bereits nach acht Monaten wegen kompletter Erfolglosigkeit entlassen.

Villas-Boas befindet sich in der Rehabilitation

Zenit Sankt Petersburg ist eine Art Reha-Station für den Portugiesen. Und zudem eine sehr gut entlohnte Gelegenheit, zu beweisen, dass das Chelsea-Desaster eine Ausnahme in seiner Trainerkarriere gewesen ist. Eine Strategie, die bisher durchaus erfolgreich war: Villas-Boas wurde mit Zenit in seiner ersten Saison gleich Meister und seine Champions-League-Bilanz in dieser Spielzeit kann sich ebenfalls sehen lassen - zugestanden in einer Vorrunden-Gruppe, die mit dem schwächelnden FC Valencia, Olympique Lyon und dem belgischen Überraschungsteam aus Gent nicht übermäßig prominent besetzt war.

Also eigentlich alles bestens für Villas-Boas und sein Team. Wenn da nur nicht die aktuelle Ligasaison wäre. Zenit liegt nach 18 Spieltagen nur auf Platz fünf, unter anderem hinter den drei Moskauer Traditionsklubs ZSKA, Lokomotive und Spartak. Für die Ansprüche des Vereins ist das geradezu entwürdigend. Am letzten Spieltag vor der dreimonatigen Winterpause Anfang Dezember mühte sich Zenit zu einem 1:1 daheim gegen den Tabellen-Dreizehnten FK Ufa. Seitdem pausiert der Ligabetrieb. Zenit kommt ohne jede Spielpraxis in die Champions League.

Villas-Boas hat seine Erklärung für die maue Bilanz in der Liga längst gefunden. In der Champions League kann er all seine internationalen Topspieler vom Brasilianer Hulk über den Belgier Aksel Witsel und den Portugiesen Danny bis hin zum argentinischen Vizeweltmeister Ezequiel Garay einsetzen.

Ausländerklausel schränkt Zenit ein

Daheim jedoch bremst ihn ein Beschluss der russischen Regierung: Seit dem Sommer dürfen die Vereine nur sechs ausländische Profis gleichzeitig aufstellen, um den russischen Spielern rechtzeitig zur WM die Chance zu geben, sich zu profilieren. Zenit hat aber neun Ausländer im Kader, die normalerweise alle zum Stamm gehören.

Skurrilerweise ist diese Regelung, die Zenit aus Sicht von Villas-Boas in der Liga benachteiligt, vor allem auf Drängen des russischen Sportministers Witali Mutko zustande gekommen. Und der ist nicht nur ebenso wie Premier Dmitri Medwedew bekennender Zenit-Fan. Mutko war sogar mehrere Jahre lang Präsident des Klubs.

Wenn es am Abend in Lissabon um den Einzug in die Runde der besten Acht geht, dann zählt diese Ausrede jedenfalls nicht mehr. Villas-Boas kann annähernd seine beste Mannschaft aufbieten. Das Team hat zwar lange kein Pflichtspiel absolviert, kommt aber dementsprechend ausgeruht auf den Rasen. Benfica bringt zudem die Hypothek mit, am Wochenende das Spitzenspiel gegen den FC Porto verloren zu haben.

Als Villas-Boas als Trainer des FC Porto 2011 bei Benfica vorspielte, gewann sein Team 2:1. Den Siegtreffer erzielte damals Hulk. Aus Sicht von Zenit schreit das nach einer Wiederholung.

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insgesamt 4 Beiträge
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klugwisser 16.02.2016
1. Tottenham?
Hat der Autor den Aufenthalt von Villas-Boas bei den Hotspur aus Versehen oder mit Absicht vergessen? Die erste Saison dort war nicht verkehrt, die zweite hingegen, trotz einer großen Transfer-Offensive, unter aller Kanone. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein junger Trainer bei einem (zu) großen Club Fehler macht. Passiert immer wieder. Aber bei Tottenham ging es scheinbar weiter mit Fehlern. Und bei Zenit, zumindest national, sieht es ebenfalls eher schlecht aus...Meister letzte Saison, nun muss man sogar Bammel um eine intern. Teilnahme haben. Zugegeben, ich weiß nicht, ob Zenit von Verletzungen geplagt ist. Wenn V-B nun wieder scheitert, ist er mMn erstmal weg vom internationalen Fenster. Evtl. würde ich ihm anraten, freiwillig einen Club kleinerer Größenordnung zu übernehmen, am besten in einer Liga, die er schon kennt, also in Portugal oder England.
DerOsten 16.02.2016
2. WM in Russland
Spätestens nach der EM wird das Trommelfeuer losgehen um den Russen die WM zu entziehen bzw. zu boykottieren.
DerOsten 16.02.2016
3. WM in Russland
Spätestens nach der EM wird das Trommelfeuer losgehen um den Russen die WM zu entziehen bzw. zu boykottieren.
evg8596 16.02.2016
4.
Der Premier heißt Dmitri Medwedew
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