Real-Trainer Zidane Das Geheimnis der Umkleidekabine

Mit Zinédine Zidane hat Real Madrid vielleicht nicht den besten Trainer. Doch was dem einstigen Weltklassespieler zum Weltklassecoach fehlt, macht er durch eine andere Eigenschaft wett.

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Zinédine Zidane kann seine Mannschaft nicht richtig aufstellen, haben sie gesagt.

Zinédine Zidane kommuniziert zu wenig, haben sie gesagt.

Zinédine Zidane hat kein taktisches Konzept, ist naiv, verzockt sich, macht Fehler um Fehler, haben sie gesagt.

Und natürlich haben sie recht, die Zidane-Nörgler. Er hat ja auch manches falsch gemacht. Kritische Stimmen haben ihn schon seit der Amtseinführung 2016 begleitet. Doch vor allem in dieser Saison, in der man im Pokal - peinlich, peinlich - im Viertelfinale gegen einen Abstiegskandidaten rausflog und in der man in der Liga mit 17 (!) Punkten Rückstand auf den FC Barcelona nur Dritter wurde, waren sie stärker zu hören als je zuvor.

Es gibt genügend konkrete Beispiele für seine Fehler. Etwa, als er im Finale 2016 noch vor der 80. Minute dreimal gewechselt hatte, unter anderem den starken Toni Kroos vom Feld nahm, und sich am Ende bei Cristiano Ronaldo bedanken konnte, dass Real dennoch gewann. Oder wie sein Rotationsprinzip immer wieder Punkte kostete und talentierte Spieler wie Isco daran zweifeln ließ, ob sie den Rückhalt des Coaches genießen.

"Ich bin nicht der beste Coach"

In der Champions League zog Real in diesem Jahr auch deshalb ins Finale ein, weil Zidane manches Mal das Glück, manches Mal der Schiedsrichter und umso öfter die extreme Qualität seines Kaders zur Hilfe kam. Zidane sagt ja sogar selbst: "Ich bin nicht der beste Coach, ich bin taktisch nicht der Beste."

Und doch hat Zidane als Trainer von Real Madrid am Samstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) im Finale gegen den FC Liverpool die Chance, die Champions League zu gewinnen.

Zum dritten Mal. In Serie.

Zidane, 45 Jahre alt, war als Spieler Weltmeister, Europameister, ein Mann der Artistik, der Technik, der mit seinen Körpertäuschungen gegnerische Abwehrreihen durcheinanderwirbelte und mit tödlichen Pässen und Traumtoren den Weltfußball dominierte. Als Trainer kann er nun ein Kunststück schaffen, das vor ihm noch keinem gelang.

Sieben Finals - sieben Siege

"Was wir jetzt zu tun haben, ist zu gewinnen", sagt der stille Franzose vor dem Anpfiff in Kiew. Mit starken Sprüchen fällt Zidane nicht auf, das überlässt er anderen, etwa seinem Gegenüber Jürgen Klopp. Zidane sagt lieber unverfängliche Sätze wie: "Wir haben das selbe Begehren wie immer. Wir können etwas Historisches erreichen."

Zidane lebt für große Spiele. Wenn es um etwas geht, brachte er fast immer Bestleistung. Beispiele? Gern: Der Volleyschuss im Champions-League-Finale 2002, der Chip-Elfmeter im WM-Endspiel 2006, seine beiden Tore im WM-Finale 1998. Und auch als Trainer hat er - trotz der Fehler - ja eine beeindruckende, ihresgleichen suchende Serie vorzuweisen: Siebenmal stand er mit Real in einem Finale, zweimal in der Champions League, zweimal bei der Klub-WM, zweimal im Uefa Supercup und einmal im spanischen Supercup.

Siebenmal gewann Madrid.

Zwei Aspekte helfen, um Zidanes Trainerarbeit besser zu verstehen. Da ist zum einen seine Art als Spieler: Er war weniger "Feldherr oder machtvoller Anführer" sondern eher der "spielende Kumpel", wie das "Hamburger Abendblatt" einmal schrieb. Er war keiner, "der mit Worten, Gesten oder autoritären Auftritten eine Elf oder gar einen Klub zu lenken verstand" ("FAZ"). Noch mal das "Abendblatt" schrieb den schönen Satz: "Zidane wird lieber angespielt als angesprochen".

"Ich kenne die Umkleidekabine"

Und dann ist da andererseits die Trainer-Schule, durch die Zidane gegangen ist, mit dem Lehrmeister Carlo Ancelotti. Unter dem Italiener, dem selbst nachgesagt wird, eher auf die Wohlbefindlichkeit und Harmonie seiner Kader zu achten, als ihnen komplizierte Laufwege einzuhämmern, wurde Zidane Co-Trainer. Gemeinsam gewannen sie "La Décima", den lang ersehnten zehnten Königsklassen-Titel für Real. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich Zidane bei Ancelotti ein bisschen was abgeguckt hat.

"Ich habe mit talentierten Spielern mit großen Egos gearbeitet. Ich kenne die Umkleidekabine, und ich weiß sehr gut, wie Spieler denken", hat Zidane vor dem Finale gesagt - und diesen Unique Selling Point dann sogar noch ein zweites Mal betont: "Manche sagen, es ist nicht wichtig, ob die Umkleidekabine funktioniert. Aber ich sage Ihnen: Das ist es."

Bei dem Spieler Zidane sagten seine Mitspieler, dass er eine unglaubliche Ruhe ausstrahlt und in seiner Gegenwart alle sicherer spielen würden.

Vielleicht ist das auch beim Trainer Zidane so.

Vielleicht ist es so einfach.



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Moving Forward 26.05.2018
1. Herablassende Kommentare ist Zidane gewöhnt....
aber mit seinem Track Record und ruhigen, wertschätzenden Führungsstil hat er unabhängig von Journalistenmeinungen als Trainer mehr erreicht als die Coaches, die als "beste Trainer der Welt" bezeichnet werden. Hala Madrid y gracias ZZ!
ge1234 26.05.2018
2. Zidane...
.... kein Anführer? Zidane war das klassische Beispiel eines Spielmachers, wenn auch auf seine leise Art, wie jetzt auch als Trainer! Zidane hatte es nie nötig, lauthals zu dirigieren oder rum zu brüllen! Zidane war mit Abstand der beste, weil kompletteste Spieler ever! Und wer jetzt mit Messi oder Maradonna kommt, muss sich ernsthaft fragen lassen, ob er jemals das Spiel verstanden hat!
ichsagmal... 26.05.2018
3. ...dass Zidane der Größte ist
Letztlich ist es müßig, worin seine Qualität besteht. Er überstrahlte als Spieler den Weltfussball und tut es als Trainer weiterhin. Für den witzlosen Meisterschaftsbetrieb bekommt Zidane seine Spieler nicht mehr motiviert. Dafür haben alle schon zu viel gewonnen. Es geht nur noch um die CL. Das war bei den Bayern in den 1970ern auch so. Zidanes taktischen Qualitäten in Frage zu stellen, ist der einzige Ansatzpunkt, um was kluges und kritisches zu schreiben. Der Fachmann weiß aber, es war nicht das Spielsystem, das gegen Bayern den Ausschlag gab. Es war der „matchplan“ (den auch Kovac hatte): Bayern macht bei seinem Tausend-Pässe-Fuball 2 bis 5 Fehler im Spielaufbau. Wer sich die schnappt, gewinnt. Ganz einfach. Gegen Liverpool wird das nicht klappen. Die werden klüger spielen. Vielleicht wird ja heute die Taktik wichtig.
pr8kerl 26.05.2018
4. Großartig, aber es reicht jetzt mit Real
Wenn es darauf ankommt sind Zidane und seine Spieler da. Das ist große Psychologie, wie bei Team Deutschland im WM-Jahr 2014. Mir fehlt das bei meinem FC Bayern seit fünf Jahren. Heute trifft der große Psychologe Zidane gegen den großen Motivator Klopp. Und Klopp ist heute der absolute Triumph zu gönnen. Es langt jetzt mit Dauer-Real.
the_speaker 26.05.2018
5. Zidane kein guter Trainer?
ich gucke zugegebenermaßen kaum die spanische Liga oder die Copa del Rey, und klar ist Real in der CL nicht immer die Mannschaft, die am schönsten oder überzeugendsten Spielt. Allerdings wundere ich mich dann doch, warum zidane so oft in der Kiritik steht und als kein guter Trainer angesehen wird. Letztlich zählen im Sport und besonders im Fussball doch die Titel oder? Und Zidane ist als Cheftrainer-Neuling bei Real mehr als erfolgreich. Spanischer Meister und 7 Finals, 7 Siege. Wie ist nochmal Klopps Statistik? 5 Finals (3x Pokal, je 1x CL und EL), 1 Sieg, 4 Niederlagen. Und wenn nicht was ganz außergewöhnliches passiert, stehts heute Nacht 8:1 für Zidane. Also: Ich halte Zidane für einen sehr guten Trainer, denn er weiß, wie man Titel holt und das zählt. Und trotzdem drücke ich heute Abend den Reds die Daumen.
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