Ibrahimovic vor Karriereende Letzte Chance für die Legende

Ein Spiel noch, dann könnte die Ibrahimovic-Ära in der schwedischen Nationalmannschaft vorüber sein. Der Superstar hört nach der EM auf - und will das vorzeitige Turnier-Aus verhindern. Ob das klappt?

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Nizza. An diese Stadt hat die "Legende" eigentlich ganz gute Erinnerungen. Bei ihrem letzten Auftritt schoss sie hier zwei Tore und siegte mit ihrem Ex-Verein Paris St. Germain souverän 3:0. Es war einer von vielen Triumphen bei ihrer Abschiedstournee durch Frankreich, an deren Ende der Meistertitel stand.

Nizza. In dieser wunderschön gelegenen Hafenstadt am Mittelmeer kann sie also am Abend zu Ende gehen, die Nationalmannschaftskarriere des "Gottes", der "Legende", kurz: die "Ära Zlatan Ibrahimovic" in Schwedens Auswahl. Der 34-Jährige hat angekündigt, nach der EM aufzuhören. "Mein letztes Spiel wird bei der EM sein. Und ich hoffe nicht, dass es morgen sein wird", sagte er am Dienstag.

Tatsächlich kann die Euro für Schweden bereits am Abend vorbei sein: Das Team braucht unbedingt einen Sieg gegen Belgien (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), um das Achtelfinale zu erreichen. Jedes andere Ergebnis würde das Aus bedeuten. Es ist Ibrahimovics letzte Chance, für einen weiteren legendären Auftritt im Nationalmannschaftstrikot zu sorgen - und sein Karriereende etwas hinauszuzögern.

"Werde sichtbar, Zlatan!"

Es ist kein Geheimnis, dass Schweden in den vergangenen Jahren einzig von den Großtaten des in Malmö geborenen Angreifers lebte. Hatte er in früheren Jahren noch einen Nebenspieler wie Celtic-Legende Henrik Larsson, ist er seit mehr als zehn Jahren auf sich allein gestellt. Wenn etwas geht, dann über ihn. Wenn er keinen guten Tag hat, dann reißt meist auch Schweden nichts.

Derzeit sieht es eher nicht nach einer Verlängerung der Karriere aus: "Es wird Zeit, dass du endlich sichtbar wirst, Zlatan", flehte die Stockholmer Zeitung "Svenska Dagbladet" und fasste damit die bisherige Turnierleistung des Stürmers treffend zusammen: Ibrahimovic ist weit entfernt vom Top-Niveau, das sieht er sogar selbst so: "Ich habe es bislang nicht geschafft, auf meinem besten Niveau zu spielen. Wir müssen uns steigern."

Wir müssen uns steigern, hat er gesagt. Diese Botschaft wird bei seinen Mitspielern angekommen sein. Denn obwohl Ibrahimovic auf dem Platz selten seine Teamkameraden anpöbelt, ist er nicht zufrieden mit den Leistungen seiner Nebenleute. "Es versteht sich von selbst, dass wir unseren großen Star besser bedienen müssen", gelobte Mittelfeldspieler Sebastian Larsson Besserung.

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Zlatan Ibrahimovic: Schwedens einziger Weltstar

Rausschmiss, Rücktritt, Zaubertore

Zlatan und die schwedische Nationalmannschaft, das ist eine besondere Beziehung. Es gab einen Rausschmiss, Rücktritte, Rücktritte von Rücktritten, spektakuläre Tore. In 115 Länderspielen traf er 62-mal, das ist schwedischer Rekord. Unvergessen sein Auftritt beim 4:2-Testspielsieg gegen England, als er nicht nur alle vier Treffer erzielte, sondern mit seinem Fallrückzieher aus 30 Metern für Aufsehen sorgte.

Sein Debüt feierte Ibrahimovic im Januar 2001 bei einem trostlosen 0:0 gegen die Färöer, das erste Tor erzielte er im Oktober desselben Jahres gegen Aserbaidschan. Er hatte den Angriff natürlich mit einem spektakulären Trick selbst eingeleitet.

Und dann die vielen Turniere: Bei der WM 2002 war er noch Reservist, bei der EM 2004 formte er gemeinsam mit Henrik Larsson ein spielstarkes Angriffsduo. Ibrahimovic sorgte zudem mit einem spektakulären eingesprungenen Hackentor gegen Italien für einen der schönsten Treffer des Turniers.

WM verpasst, Motivation verloren

2004 war im Viertelfinale gegen die Niederlande Schluss, zwei Jahre später, bei seiner zweiten WM in Deutschland, endete das Turnier für Schweden gegen den Gastgeber im Achtelfinale - vor allem, weil Ibrahimovic nach einer langen Saison ausgebrannt und angeschlagen war. Kein Zlatan in Top-Form, keine Party.

Zlatan haderte oft mit der Nationalmannschaft, manchmal eskalierte die Situation auch: Als der damals 25-Jährige 2006 wegen eines Besuchs in einem Göteborger Nachtklub von Nationaltrainer Lars Lagerbäck aus dem Teamhotel geworfen wurde, trat Ibrahimovic aus der Nationalmannschaft zurück, nahm das aber noch vor Jahresende wieder zurück.

Nach dem Vorrundenaus bei der EM 2008 verpasste Schweden die Qualifikation für die WM 2010. Ibrahimovic ging erneut die Motivation verloren, er machte wieder Pause. Im Sommer 2010 konnte ihn der neue Teamchef Erik Hamrén jedoch zur Rückkehr bewegen.

"Ein großer Verlust"

Bei der EM 2012 scheiterte das Team erneut vorzeitig in einer starken Vorrundengruppe. Bezeichnend: Obwohl Schweden Gruppenletzter wurde, schoss Ibrahimovic zwei Tore und wurde in die Mannschaft der EM gewählt.

Und nun wieder ein Alles-oder-Nichts-Spiel, so wie vor der WM 2014, als Schweden und Portugal in den Playoffs aufeinandertrafen und nicht Ibrahimovic, sondern Cristiano Ronaldo zum großen Held seines Landes wurde.

Viele Anhänger des spektakulären Stürmers hoffen auf die Verlängerung der "Zlatan-Ära". Vielleicht für ein, zwei Spiele. Oder drei, gar vier? Schwedens Trainer Hamrén wird den Superstar jedenfalls vermissen: "Das ist ein großer Verlust, Ibrahimovic ist einzigartig", sagte er nach der Rücktrittsankündigung: "Er ist auf dem gleichen Niveau wie Messi und Ronaldo."

Das wird Ibrahimovic nicht gefallen haben. Er ist natürlich besser als Messi und Ronaldo.

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