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Zoff bei Amateurclub: Die traurigen DFB-Pokalhelden

Von Markus Bergmann

Geldgier oder Geizhälse? Diese Frage beschäftigt die Hamburger Amateurfußballszene. Dort hat der Landesligist Eimsbütteler TV die erste Runde des DFB-Pokals erreicht - nur keine Mannschaft mehr. Die Pokal-Helden traten nach einem Streit um Geld geschlossen aus dem Club aus.

Ehemaliges ETV-Team: "Lassen uns nicht erpressen" Zur Großansicht
Thomas Rokos

Ehemaliges ETV-Team: "Lassen uns nicht erpressen"

Kollektive Kündigung als letzter Ausweg: Eigentlich ist es der große Traum jedes Amateurfußballers. Ein Duell mit den Profis, TV-Übertragung und Rekordkulisse inklusive. Die sechstklassigen Fußballer des Eimsbütteler Turnverbands (ETV) haben sich diesen Traum erst erkämpft und dann selbst zerstört. Fünf Wochen vor ihrem Spiel gegen den Zweitligisten Greuther Fürth trat die Mannschaft geschlossen aus dem Hamburger Stadtteilverein aus. Grund war ein Streit um die Aufteilung der circa 110.000 Euro DFB-Pokal-Fernsehgelder.

"Wir haben nicht auf gleicher Augenhöhe verhandelt, es klang eher nach: Ihr könnt sehen, wo ihr bleibt", blickt der 28-jährige Trainer Dennis Mitteregger auf die Verhandlungen mit dem Vorstand des 12.000 Mitglieder starken Großvereins zurück. Der Lehramtsstudent, der ebenfalls gekündigt hat, wollte eine einmalige Prämie und monatliche Zahlungen von etwa 80 Euro für die Mannschaft durchsetzen. Was sich im Zusammenhang mit dem DFB-Pokal nach lächerlichen Beträgen anhört, ist nicht wenig für die jungen Kicker, die größtenteils seit der B-Jugend zusammen und bislang quasi zum Nulltarif spielen: Einige von ihnen sind arbeitslos oder absolvieren gerade ihre Ausbildung.

Normalerweise kickt der ETV in der Landesliga Hammonia vor hundert Zuschauern. Als die Rot-Weißen im Verbandspokal einen Favoriten nach dem anderen besiegten, kamen schon mehr Zuschauer. Am 1. Juni war die Pokalsensation perfekt: Im Außenseiterfinale gegen den Landesligigsten Vorwärts-Wacker Billstedt köpfte der angehende Industriemechaniker Luciano Filipe Dias das Tor zum 1:0-Sieg. Als den Eimsbüttelern statt Bayern München nur Greuther Fürth zugelost wurde, ging leises Stöhnen durch die Spielerreihen.

Klagen der Kicker

Nun folgte der große Knall, weil in drei langen Wochen nach dem Hamburger Pokalsieg keine Einigung über die Verteilung der Prämien erzielt werden konnte. Dreimal traf sich der Vereinsvorstand in dieser Zeit mit der Fußball-Abteilungsleitung, doch die Fronten blieben verhärtet. Am Mittwoch gaben alle Spieler und Trainer Mitteregger ihre Austrittserklärung beim Verein ab.

"Es ist schade, dass die Mannschaft, die Großes geleistet hat, sich jetzt selbst um die Belohnung bringt", sagt der Vereinsvorsitzende Frank Fechner, der turbulente Verhältnisse schon als Geschäftsführer des FC St. Pauli zwischen 2003 und 2005 kennengelernt hat. Mancher Kritiker warf ihm damals vor, das ohnehin schon reichlich vorhandene Chaos beim Kiezclub eher vergrößert zu haben. Beim traditionsbewussten Breitensportverein ETV gilt er als der fußballfreundlichste Vorsitzende seit Jahrzehnten. Mehr als das unterbreitete 50:50-Angebot sei aber auch im Aufsichtsrat des Vereins nicht durchzusetzen gewesen, so Fechner, man dürfe und wolle sich schließlich "nicht erpressen lassen".

Der Verein wollte die Hälfte der Fernsehgelder in einen neuen Kunstrasenplatz stecken, die andere Hälfte in die Fußballabteilung. Fechner sagte SPIEGEL ONLINE: "Es gab einen von den Fußballern ausgearbeiteten Verteilungsmodus, der vorsah, 22.000 Euro an Prämien direkt an die Mannschaft auszuschütten und 33.000 Euro für einen Mannschaftsetat für die kommende Saison vorzusehen. Doch auch das war dem Trainer und der Mannschaft zu wenig. Dadurch sind die Gespräche gescheitert."

Bei den Pokalhelden herrschte allerdings Misstrauen, wie viel tatsächlich bei ihnen ankommt, wenn die Mittel erst einmal auf einem Festgeldkonto gelandet sind. Denn die Fußballabteilung ist mit 51 Mannschaften groß. In Gesprächen mit Spielern wird schnell klar, dass sich viel Frust aufgestaut hat. Wieso musste die Mannschaft im Winter neben anderen Teams auf einem Drittel des Platzes trainieren? Warum unterstützte sie niemand auf der Suche nach Sponsoren, um den schmalen Etat aufzubessern? Nie habe der Gesamtverein sich um die Fußballer gekümmert, klagen die Kicker, erst nach den erreichten Erfolgen und Geldern erinnere man sich auf einmal an sie.

"Wir haben nie Ansprüche gestellt, die wir nicht auch eingespielt hätten", sagt Trainer Mitteregger und verweist auf den "gar nicht einzuschätzenden Imagegewinn", den der Pokalsieg dem Club eingebracht habe. Fußballerisch liegen die glanzvollen "Eimsbütteler Tage", von denen Rhetorik-Professor Walter Jens sprach, tatsächlich sehr weit zurück. 1942 spielte der Turnverein letztmals um die deutsche Meisterschaft mit, seit Jahrzehnten steht der Breitensport im Vordergrund. Der "alte Turnergeist", der noch so geringe Zahlungen an Sportler ablehnt, ist noch weit verbreitet. Fechner verweist auf die Bundesliga-Wasserballerinnen des Vereins, die ihre Reisen selbst finanzierten.

"Wenn von uns nebenbei noch verlangt wird, von der Landesliga in die Oberliga aufzusteigen, geht das nicht zum Nulltarif", hält Mitteregger dagegen. Sein Team spielt zu großen Teilen seit der B-Jugend zusammen, verlockende Angebote höherklassiger Clubs an einzelne Spieler blieben nicht aus. Der Pokalsieg war vielleicht auch die letzte Chance, die Mannschaft zusammenzuhalten.

Das hat sich nun erledigt: In kürzester Zeit müssen die Pokalsieger neue Vereine finden, während der ETV Spieler sucht, die gegen Greuther Fürth antreten. Am Donnerstag blieb die Mannschaft der eigenen Pokalsiegerehrung durch den Hamburger Fußball-Verband fern. Sie versammelte sich lieber am Platz, um ihre Zukunft zu besprechen. Die Entgegennahme eines Schecks über 5000 Euro vom lokalen Pokalsponsor Lotto Hamburg übernahm Vereinschef Fechner. Lotto-Hamburg-Chef Siegfried Spies rief zu einem letzten Versöhnungsversuch auf: "Das tut mir in der Seele weh. Wenn es irgendwie hilft, sich noch einmal zusammenzusetzen, gebe ich gerne Essen und Getränke aus."

Doch dafür dürfte es zu spät sein. Die Sache scheint endgültig gegessen zu sein.

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insgesamt 38 Beiträge
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1. DFB-Pokalhelden
warlock2 24.06.2011
Traurig aber wahr, Geld verdirbt den Charakter! Man sollte nur um die Ehre spielen.
2. Vorstand kommt besser weg
movfaltin 24.06.2011
Zitat von sysopGeldgier oder Geizhälse? Diese Frage beschäftigt die Hamburger Amateurfußballszene. Dort hat der Landesligist Eimsbütteler TV die erste Runde*des DFB-Pokals erreicht - nur keine*Mannschaft mehr. Die Pokal-Helden traten nach einem Streit um Geld geschlossen aus dem Club aus. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,770341,00.html
Jedenfalls sieht das Verhalten der Fußballer nicht nach Idealismus und intrinsischer Motivation aus. Solche Spieler wie im Bericht beschrieben könnten auch mir gestohlen bleiben. Geiz kann ich beim besten Willen nicht erkennen. Es wäre schlicht dumm und deppert, alles an Spieler auszuschütten, die beim nächsten Angebot sowieso weg sind, statt in nachhaltige Vereinsentwicklung. Es scheint ja nicht so, dass der Vorstand das Geld in die eigene Tasche wirtschaftet, sondern einen neuen Platz bauen will (was genau dann auf Verständnis treffen sollte, wenn sich die Kicker beschweren, sie hätten mit einem Drittelplatz beim Training auskommen müssen). Wenn es den Kickern und dem Trainer wirklich ums Fußballspielen gegangen wäre, hätten sie zu ihrem Verein gestanden anstatt derart größenwahnsinnig zu agieren und zu torpedieren. Hört sich stark nach gierigen Möchtegerns an, schon gar nicht nach Helden. So lese ich es zumindest aus dem Bericht.
3. wieso sollten sie?
thetan 24.06.2011
Zitat von warlock2Traurig aber wahr, Geld verdirbt den Charakter! Man sollte nur um die Ehre spielen.
Und zusehen, wie die lieben Vorstandsbonzen das Geld versickern lassen? Dafür haben sie ja dann die "Ehre"? Arbeitet Frank Fechner eigentlich auch ehrenamtlich für den ETV und zahlt seine Dienstfahrten privat?
4. Man sieht, dass alle sich auf das Geld stürzen,
adama. 24.06.2011
Zitat von warlock2Traurig aber wahr, Geld verdirbt den Charakter! Man sollte nur um die Ehre spielen.
Man sieht, dass alle sich auf das Geld stürzen, das die Fußballer verdient haben. Was haben die anderen Abteilungen zu dem Erfolg beigetragen? Was der Vorstand, außer Appellen an die Ehre der Spieler. An die Ehre appellieren nur diejenigen, die das Geld und den Ruhm selber einstecken wollen. War noch nie so, dass die Preisgelder oder Einnahmen der Abteilung in allen Abteilungen verteilt worden sind. Habe als Mannschafts- und Einzelsportler schon oft Preise gewonnen, Sachpreise zumeist, aber nie wäre jemand auf die Idee gekommen dass ich den Preis mit den anderen zu teilen hätte. Hörte aber, in der DDR und im 3.Reich war sowas üblich.
5. Landesliga
Koana 24.06.2011
... ich kenne die Struktur im Norden nicht, in Bayern sind Landesligateams spielstark und trainieren i.d.R. 3 mal die Woche - oder öfter. Die Spieler in diesen Teams machen eine intensive Saisonvorbereitung und müssen selbst für eine gute Grundlagenausdauer sorgen! Klar, an erster Stelle steht voll und ganz das Vergnügen und der Idealismus, doch gute Spieler bekommen sogar in niedrigeren Ligen schon Prämien und teilweise Fixgagen. Die hier angesprochenen jungen Männer haben dem Verein 110.000 Euro in die Kasse gespielt, das konnten sie wohl kaum mit durchschnittlichen Leistungen erbringen. Eine Prämie von 1000 Euro und eine Fixgage von 80 Euro für die kommende Saison wäre da in meinen Augen selbstverständlich. Bleiben dem Verein immer noch ca.60.000 Euro (wenn man von einem Kader von 20 - 22 Spielern ausgeht). Wär ich Vorstand von dem Verein hätt ich 40.000 zur Verteilung an die Mannschaft freigegeben, wobei ich den Vorschlag dazu gemacht hätte, das wohlhabende Spieler den wirtschaftlich schwächer gestellten eventuell Ihre Prämien abtreten - oder einen Teil davon. Den Jungs Gier vorzuwerfen ist in meinen Augen lächerlich - ich kann die Enttäuschung verstehen und spielen können die im Hamburger Raum sicher in vielen anderen Mannschaften, die sie gerne nehmen werden und wohl mehr als 80,-- Euro bieten. Der Vorstand vergisst völlig, dass dieser Erfolg nun einzig den Jungs gebührt, sie sind es die dem Verein 110.000 Euro schenken - und nix zurück bekommen. (50:50 für Platz und 30 Teams, ohne Regelung ist praktisch nichts!) Na ja typisch Funktionärsgehabe - die arbeiten alle "ehrenamtlich" und lassen sich oft die wahnwitzigsten Unkosten vom Verein erstatten - plus Spendenquittung. Viel Glück den Spielern im neuen Verein....
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