Zu hoher Geräuschpegel Maulkorb für Middlesbrough-Fans

Middlesbrough kämpft gegen den Abstieg aus der Premier League. Die Boro-Fans müssen sich jedoch im Stadion bei der Unterstützung zurückhalten. Sie sind angeblich zu laut. "11 FREUNDE"-Autor Matthias Paskowsky sinniert über die kuriose Anweisung der Clubführung.


Die Anhänger des Middlesbrough FC sind hart im Nehmen. Schon ihr Spitzname ("Smoggies") deutet darauf hin, dass das chemieindustrielle Zentrum im englischen Nordosten sich bislang nicht als Luftkurort und Perle des Städtetourismus durchsetzen konnte. "Have you ever seen the sun?", wundern sich gegnerische Fans denn auch lauthals bei Spielen gegen die "Middlesbores", ein weiterer ungeliebter Spitzname. Das ist aber meist auch schon alles, was die Gegner an Energie aufbringen, wenn es gegen Boro geht. So sehr sich die "Smoggies" auch bemühen, ernst genommen und zumindest von Sunderland und Newcastle als respektabler Derbygegner akzeptiert zu werden, so wenig tragen diese Anstrengungen Früchte. Denn das Geld für die Anschaffung einer Vitrine konnte der Club bislang sparen. Noch nie hat Middlesbrough einen großen Titel gewinnen können; es sei denn, man ist nachsichtig und lässt den Ligapokal in dieser Bewertung gelten.

Vielleicht war es ein bisschen auch diese Frustration über das Nobody-Dasein, die Ende der sechziger Jahre in Middlesbrough eine der härtesten Hooligan-Gangs entstehen ließ, die Großbritannien zu bieten hatte. Während der Middlesbrough Football Club über die Jahre hinweg zwischen den ersten beiden Divisionen Fahrstuhl fuhr, spielte "The Frontline" in ihrer zweifelhaften Disziplin stets Champions League.

Den Konfrontationen mit anderen schlagkräftigen Freundeskreisen wie den "Newcastle Gremlins" oder den "Seaburn Casuals" aus Sunderland mangelte es keineswegs an echter Derby-Atmosphäre. Und so ist es keine Überraschung, dass Boro vor ein paar Jahren eine Spitzenposition der traurigeren Art bekleidete. Lee "Oathead" Owens, einer der sogenannten "Fans" und leidenschaftlicher "Frontline"-Aktivist, war die erste Person, der es für einen Zeitraum von drei Jahren und mit weltweiter Geltung richterlich verboten wurde, Fußballspiele zu besuchen.

Im Riverside Stadium von Middlesbrough wird er keinem gefehlt haben. In dieser Saison hat man dort eh ganz andere Sorgen. Es geht ums Überleben, Boro rangiert in der Premier League auf einem Abstiegsplatz. Trotz der maladen sportlichen Situation ist der Support von den Rängen nicht ausgeblieben oder erheblich leiser geworden. Gerade deshalb mutete der offene Brief der Sicherheitschefin Sue Watson an die Fans des Blocks 53A wie ein schlecht getimter Aprilscherz an.

In dem ging es zwar auch um das permanente Stehen im Block, was anderen Fans im reinen Sitzplatzstadion tatsächlich massiv auf die Nerven geht. Im letzten Absatz des Briefes tat Watson dann jedoch etwas, das für die Mitarbeiterin eines Fußballclubs höchst ungewöhnlich ist. Sie bat um Ruhe. Der konstante Lärm störe andere Fans, er mache sie gar verrückt, so die Sicherheitsbeauftragte.

Aber Watson hatte auch einen Vorschlag zur Güte parat. "Macht so viel Lärm, wie ihr wollt, wenn wir ein Tor erzielen." Mit dieser Passage muss bei den Adressaten der letzte Zweifel darüber gewichen sein, ob der Brief tatsächlich ernst zu nehmen ist. Denn Middlesbrough schießt keine Tore.

Nach 30 der 38 Saisonpartien hatte der Tabellenvorletzte gerade einmal 21 Punktspieltreffer vorzuweisen. Bester Ligaschütze ist der türkische Stürmer Tuncay Sanli mit fünf Toren. In der Premier League trifft keine Mannschaft seltener als Middlesbrough.

Statistisch gesehen hätten die Anhänger damit 0,7 Mal pro Match so richtig abfeiern können. Vor dem nächsten Spiel am Samstag bei den Bolton Wanderers hat Middlesbrough, für das der deutsche Verteidiger Robert Huth spielt, vier Punkte Rückstand auf den rettenden 17. Tabellenplatz.

Die um Ruhe bemühte Mrs. Watson hatte sicherlich das Beste im Sinn und sich unzweifelhaft große Mühe gegeben. Ihr Problem und das ihrer Kollegen ist jedoch das fehlende Verständnis für Fußball.

In der Fehlannahme, den zahlenden Gästen ein sicheres, sauberes und angenehm gepflegtes Unterhaltungsprogramm für jeden Geschmack und die ganze Familie anbieten zu müssen, hat sie offenbar die Veranstaltungshinweise eines Musicals abgeschrieben. Mit Fußball haben ihre Ideen jedoch genauso wenig zu tun, wie das, wofür die "Frontline" am Samstag aus dem Haus marschiert.



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