Zum Tod von Hans Schäfer "Schäfer, nach innen geflankt"

Hans Schäfer eroberte den Ball vor dem 3:2-Siegtreffer im WM-Finale 1954. Nun ist "De Knoll" im Alter von 90 Jahren gestorben. In Herbert Zimmermanns berühmter Radioreportage lebt er aber weiter.


Als Hans Schäfer im Juli 1954 nach Köln zurückkehrte, in seine Heimat, wurde ihm endgültig bewusst, was sie angerichtet hatten im Wankdorf-Stadion in Bern. Alle waren auf den Beinen. Dem Stürmer vom 1. FC Köln und seinem Kollegen Paul Mebus, den neuen Fußballweltmeistern, wurde ein triumphaler Empfang bereitet.

"So viele Menschen waren in unserer Stadt nur 1912 auf den Beinen, als der Zeppelin kam", erzählte ihm später ein Opa aus der Nachbarschaft. Nun trauern Köln und der gesamte Fußball um einen der besten Linksaußen der deutschen Fußballgeschichte, im Alter von 90 Jahren ist Schäfer in seiner Heimatstadt gestorben.

Schäfer, neben Fritz Walter und Werner Liebrich der überragende deutsche Spieler im Turnier, war eine Schlüsselfigur. "De Knoll", wie er in Köln genannt wurde, hatte im Finale die entscheidende Szene eingeleitet. "Schäfer, nach innen geflankt", berichtete Herbert Zimmermann an jenem 4. Juli 1954 in Bern und brüllte dann: "Kopfball! Abgewehrt! Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen!" Rahn schoss.

Und dieser 3:2-Siegtreffer gegen die Ungarn machte auch den Flankengeber Schäfer zum Fußballweltmeister. Zu einem der gefeierten Helden beim "Wunder von Bern".

"Ich weiß nicht, was unser Sieg mit Heldentum zu tun hat"

Wobei Schäfer derlei Vokabeln unpassend fand. "Das ist für mich kein Wunder. Es war einfach eine großartige Leistung einer großartigen Mannschaft, die dabei auch viel Glück gehabt hat", sagte er 2004 der "Zeit", inmitten der Feierlichkeiten zum 50. Jubiläum. "Ich distanziere mich übrigens auch von dem Begriff Helden. Ich weiß nicht, was unser Sieg mit Heldentum zu tun hat. Helden sind für mich Jungs, die an die Front gehen, kämpfen und sich eventuell auch noch erschießen lassen müssen, um das Vaterland zu retten."

"De Knoll", das ist in Köln so was wie ein Kompliment und heißt "Dickkopf". Schäfers Charakter also war genauso giftig und griffig wie seine Spielweise beim WM-Turnier 1954, die der Bundestrainer ihm verordnet hatte. "Ohne die völlig neue, von Herberger immer wieder geforderte Einstellung zum Spiel hätte ich in Genf den Sprung gegen den jugoslawischen Stopperriesen nicht einmal gewagt", schrieb Schäfer 1963 in seiner Autobiografie "Die Schäfer-BALLade". Dieser "harte Rempler", wusste er, brachte das wichtige Führungstor im WM-Viertelfinale.

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Hans Schäfer: Ein Held, der keiner sein wollte

Und auch im Finale agierte Schäfer im entscheidenden Moment, bevor Rahn schoss, nicht wie ein Waisenknabe. "Als ich dem Ungarn Boszik wie eine Lokomotive nachrollte und diesen blendenden Außenläufer mit einem Preßschlag vom Ball trennte, hätte mancher deutsche Schiedsrichter gepfiffen", schrieb er später. "Am Ende sicherte uns auch meine Härte den Erfolg."

Begonnen hatte die Karriere von Johann Schäfer, der am 19. Oktober 1927 in Köln-Zollstock geboren wurde, 1937 bei der DJK Rheinland (später umbenannt in Rot-Weiß Zollstock). 1947 ging der Friseurgehilfe, der danach im Kaufhof Parfüm verkaufte, für ein Jahr zum VfR Volksmarsen bei Kassel, um einer damals in der britischen Besatzungszone geltenden Wechselsperre zu entgehen.

1948 schloss er sich dann dem just gegründeten 1. FC Köln an, mit dem er nach dem Aufstieg in die Oberliga West (1949) große Erfolge feierte. Die Höhepunkte im Verein waren die Deutschen Meisterschaften 1962 und 1964. 1963 wurde er, inzwischen im Mittelfeld die Bälle verteilend, zum Fußballer des Jahres gewählt.

"Nie habe ich irgendein Buch über den Sieg in Bern gelesen"

In der Nationalmannschaft debütierte er gemeinsam mit Horst Eckel: 1952 gegen die Schweiz, als er beim 5:1-Sieg zwei Tore schoss. Insgesamt kam er, da er nach 1958 eine Pause einlegte, auf 39 Länderspiele. Er war der erste deutsche Fußballer, der an drei WM-Turnieren teilnahm, die 0:1-Niederlage im WM-Viertelfinale 1962 gegen Jugoslawien war sein letztes Länderspiel.

Schäfer blieb nach seiner Karriere im geliebten Kölner Westen, war Tankstellenbesitzer und arbeitete als Generalvertreter. Er blieb auch beim Fußball, war regelmäßig beim 1. FC Köln. Aber er lebte in der Gegenwart und nicht in der Vergangenheit.

"Nie habe ich irgendein Buch über den Sieg in Bern gelesen", sagte er 2002, als er in die Hall of Fame des deutschen Fußballs aufgenommen wurde, nach den beiden Walter-Brüdern, Uwe Seeler, Franz Beckenbauer, Wolfgang Overath, Günter Netzer und Berti Vogts. Aber als sein in Bronze gegossener linker Fuß, Schuhgröße 42, enthüllt wurde, war der Sturkopf dann doch sichtlich gerührt.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
dr.eldontyrell 07.11.2017
1. Mach et joot, Knoll ;(
Mach et joot, Knoll ;(
coyote38 07.11.2017
2. "6 Minuten noch zu spielen ...
... im Wankdorfstadion in Bern. Keiner wankt. Der Regen prasselt unaufhörlich hernieder ... und Bozsik ... immer wieder Bozsik, der rechte Läufer der Ungarn. Er hat den Ball ... VERLOREN diesmal ... gegen Schäfer ... Schäfer nach innen geflankt ... Kopfball ... abgewehrt. Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen ... Rahn schießt ..." ---- Unvergessen. Danke. Möge er in Frieden ruhen.
jdlaw 07.11.2017
3. Ein großartiger Mensch.
Um Hans Schäfer noch als Fußballer zu erleben, bin ich zu jung. Aber ich kenne sein Spiel aus alten Aufzeichnungen. Und ich kenne Hans Schäfer aus mehreren persönlichen Begegnungen im Kölner Stadion, wo er stets treuer Gast des FC war. Einen Menschen mit dieser Ausstrahlung, Sympathie und Bescheidenheit sucht man im heutigen Fußballgeschäft leider vergebens. Umso größer ist die Lücke, die der Tod eines solch Großen reißt. Und die sportliche Miesere des Clubs gerät angesichts dessen ganz in den Hintergrund. Alles Gute, Hans, wo immer du auch jetzt bist!
habakuk60 07.11.2017
4. Für mich,
der damals als Bub die Bilder der Spieler gesammelt hat, einer der sympathischsten Spieler. Man hat im Gegensatz zu anderen nie wieder was von ihm gehört, kein Interview, keine Stellungnahme, keinen Kommentar, nichts. Leider. In einem hatte er recht: Es war sicherlich eine tolle Mannschaft, aber sie hatten gegen die Ungarn, die klar die bessere Mannschaft waren, auch viel, viel Glück. Es sei ihnen von Herzen gegönnt. Fritz Walter konnte ich einmal persönlich treffen, es war ein Jahr nach der WM. Auch von ihm ging diese stille Bescheidenheit aus, die man an den Spielern so schätzte. Als "Helden" verstanden sie sich nie.
andre_gottschling 07.11.2017
5. De Knoll
O-Ton: "Das heißt im Rheinland so viel wie "sturer Bock" Falsch! "De Knoll" kommt von Knolle und hatte immer einen Bezug auf Hans seine etwas große Nase!
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