WM-Generalprobe Confed Cup: Hitze, Chaos und die wiedererstarkte Seleção

Aus Rio de Janeiro berichtet

Landesweite Massenproteste, hochklassiger Fußball, organisatorische Probleme: Der Confed Cup war eine turbulente Generalprobe für die WM 2014 - mit einem verdienten Turniersieger.

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Es sei ein "Ding der Unmöglichkeit" für eine europäische Fußballmannschaft, die Weltmeisterschaft in Brasilien im kommenden Jahr zu gewinnen. Mit diesen Worten hatte sich DFB-Teammanager Oliver Bierhoff vor einigen Monaten wenige Freunde unter den deutschen Fans gemacht. Doch das Finale des Confederations Cups, bei dem Gastgeber Brasilien Spanien mit drei Toren abfertigte, bestärkt Bierhoffs Aussage. Noch nie hat ein europäisches Land ein großes Turnier auf einem amerikanischen Kontinent gewinnen können. Und das ist kein Zufall.

Wer während der WM-Generalprobe die Italiener beim 4:3 gegen Japan in Recife und die Spanier im Halbfinale in Fortaleza gesehen hat, weiß, was bei der WM für extreme Bedingungen auf die Spieler zukommen können. Spiele in Recife, Salvador da Bahia, Natal oder Fortaleza werden bei über 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit stattfinden. Die Amazonas-Metropole Manaus, in der die Luftfeuchtigkeit fast hundert Prozent beträgt, ist ein noch schwierigerer Austragungsort. Der WM-Auslosung kommt deshalb eine große Bedeutung zu.

Sportlich ist mit dem Gastgeber zu rechnen

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Confed Cup: Brasilien ist zurück
Die klimatischen Bedingungen werden den südamerikanischen Teams in die Karten spielen. Aber nicht nur deswegen ist Brasilien nun Favorit auf den Weltmeistertitel. Noch vor wenigen Wochen hatte das ganze Land an den Fähigkeiten ihrer Seleção gezweifelt, doch die Skepsis ist nach den überzeugenden Auftritten beim Confed Cup verflogen. Brasilien hat eine kompakte Defensive, in der selbst Bayern-Star Dante momentan keinen Platz findet, leichtfüßige Offensivspieler um Top-Star Neymar und einige kaltschnäuzige Vollstrecker wie Fluminense-Stürmer Fred.

Eine entscheidende Rolle spielt auch Trainer Luiz Felipe Scolari, der der Mannschaft ein diszipliniertes taktisches Konzept verordnet hat, sie mit seiner gelassenen Art und natürlichen Autorität zusammenhält und den Teamgeist über persönliche Eitelkeiten stellt. Als die Verantwortlichen der Seleção den Bayern-Stars Dante und Luiz Gustavo untersagten, das DFB-Pokalfinale gegen den VfB Stuttgart zu spielen, damit sie pünktlich zwei Wochen vor dem Confed-Cup-Start in Brasilien seien, verzichteten die Spieler gerne.

Luiz Gustavo sagte sogar schon nach dem Auftaktspiel, dass der Confed Cup für ihn einen höheren Stellenwert als der Champions-League-Triumph habe, und für Dante war nicht etwa das Finale von Wembley, sondern der Vorrundensieg gegen Italien in seiner Heimatstadt Salvador da Bahia der "schönste Tag seines Lebens".

Proteste könnten 2014 wieder aufflammen

Fußballerisch ist also wieder mit Brasilien zu rechnen und auch wenn Millionen Brasilianer gegen die sportlichen Großveranstaltungen auf die Straße gehen, ist die Identifikation mit der Seleção nach dem erfolgreichen Confed Cup so groß wie lange nicht mehr. Die Auswirkungen der Proteste auf die politische Lage im Land und die WM kann jedoch in Brasilien noch niemand absehen. Viele erwarten nun, da der Confed Cup vorüber ist und ausländische Spieler, Fans und Journalisten das Land wieder verlassen, ein deutliches Abebben der Bewegung - auch wenn der Papstbesuch Ende Juli noch einmal für weltweite mediale Aufmerksamkeit sorgen wird.

Falls die brasilianische Regierung jedoch in den kommenden Monaten keine politischen Antworten auf die Probleme findet, dürften die Proteste während der WM wieder aufflammen, vielleicht sogar noch heftiger als in diesem Jahr.

Organisatorische Mängel

Auch organisatorisch haben die Verantwortlichen noch viel Arbeit vor sich. Die Stadien hielten der Belastungsprobe Confed Cup stand, dennoch mussten die Besucher mit viel Chaos kämpfen. Die vielen freiwilligen Helfer waren zwar stets freundlich, doch trieben sie Fans und Journalisten mit irreführenden Aussagen manches Mal in den Wahnsinn.

Das Innenleben der Stadien gleicht in den meisten Spielorten noch immer dem großer Baustellen. Auch auf den Flughäfen und Busbahnhöfen dominiert der Baulärm. Die städtische Infrastruktur war den Besucherzahlen vielerorts nicht gewachsen. In vielen Orten dauerte die Anreise von der Innenstadt zum Stadion am Spieltag bis zu zwei Stunden - trotz eigens eingerichteter städtischer Feiertage. Selten waren bei Spielbeginn alle Fans auf ihren Plätzen.

Angespannte Sicherheitslage in einigen Städten

Die Sicherheitslage ist in einigen brasilianischen Städten trotz aller Befriedungsversuche der Regierung noch immer sehr angespannt. In Salvador da Bahia, einer der rausten Städte des Landes, berichteten einige Fans von Überfällen. "Ich bat einen Typen, ein Foto von mir zu machen. Er gab mir nach dem Foto die Kamera jedoch nicht zurück, sondern holte stattdessen eine Knarre aus seiner Jacke und nahm mir mein ganzes Geld ab", sagte ein Spanier SPIEGEL ONLINE.

Die Organisatoren sind ein Jahr vor dem Turnier jedoch gelassen. Fifa-Präsident Joseph Blatter, Brasiliens Sportminister Aldo Rebelo und der Boss des brasilianischen Fußballverbands, José Maria Marin, freuen sich über Umfragen, nach denen trotz der Proteste noch immer 71 Prozent der Brasilianer für die Ausrichtung der WM seien. Ob es wirklich als Erfolg angesehen werden kann, dass in einem der fußballverrücktesten Länder der Welt fast ein Drittel der Bevölkerung gegen eine Weltmeisterschaft vor der eigenen Haustür ist, darf allerdings bezweifelt werden.

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insgesamt 26 Beiträge
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1.
obi wan 01.07.2013
Wie schon im anderen Thread: Sportlich nicht überbewerten. Das war reiner Sommerfussball (wie die auch alle ConfedCups davor). Nicht zufällig fallen da teilweise viele Tore, weil viele Spieler nunmal nicht 100% geben, um sich nicht zu verletzen oder sich zu verheizen gleich am Anfang der langen WM-Saison (die ja schon begonnen hat mit den Clubvorbereitungen). Das wird nächstes Jahr -schwieriges südamerikanisches Wetter hin oder her -eine ganz andere Hausnummer vom Einsatz der Mannschaften. Außerdem ist das mittlerweile auch nur bedingt ein Vorteil für die Südamerikaner selber, schließlich spielen die meisten Spieler mittlerweile lange Jahre in Europa - also müssen sie sich fast genauso erst wieder akklimatisieren...
2. Spanien
RedEric 01.07.2013
Das Spanien nicht so stark wie in den letzten Jahren ist, war eigentlich klar. Ob man daran die Stärke der Brasilaner ableiten kann, wage ich zu bezweifeln.
3.
Jörgi1980 01.07.2013
Vielleicht war es für Spanien auch mal ganz gut, vom hohen Ross runter geholt zu werden ein Jahr vor der WM. Außerdem wissen sie jetzt, worauf sie sich nächstes Jahr einstellen können. Auf ein Brasilien, dass unerschrocken nach vorn maschiert, mit hervorragenden Individualisten, die jeden Fehler bestrafen. Jetzt haben sie ja ein Jahr Zeit sich eine Taktik zu überlegen, wie man die Brasilianer knackt, vielleicht mit konsequenter Defensive?
4. BRD wird Titel holen
ökölogefan 01.07.2013
Deutschland ist eine Tourniermannschaft!!!! Die Jungs werden den Titel holen.
5.
blurps11 01.07.2013
Zitat von Jörgi1980Vielleicht war es für Spanien auch mal ganz gut, vom hohen Ross runter geholt zu werden ein Jahr vor der WM. Außerdem wissen sie jetzt, worauf sie sich nächstes Jahr einstellen können. Auf ein Brasilien, dass unerschrocken nach vorn maschiert, mit hervorragenden Individualisten, die jeden Fehler bestrafen. Jetzt haben sie ja ein Jahr Zeit sich eine Taktik zu überlegen, wie man die Brasilianer knackt, vielleicht mit konsequenter Defensive?
Das System der letzten Jahre war doch extrem defensivstark, auch starken Gegnern gelang sehr häufig nicht mal ein einziges Tor. Die Grundlage dafür bildete allerdings das Pressing und das haben die Spanier in Brasilien wohl aufgrund der klimatischen Bedingungen und alternder ( Xavi ), sowie fehlender ( Xabi Alonso ) Schlüsselspieler nicht mehr in der früheren Perfektion umsetzen können. Gerade im Finale haben sie sich in der ersten Halbzeit kaum bewegt und sahen deswegen gegen die extrem laufstarken und aggressiven Brasilianer natürlich keinen Stich. Da gab es deutliche Unterschiede beim körperlichen Zustand der Mannschaften. An einen grundlegenden Systemwechsel bei den Spaniern glaube ich auch schon deshalb nicht, weil sie mit genau ihrem aus den letzten Jahren gewohnten Fussball gerade die U21-EM auf absolut überzeugende Weise gewonnen haben. Eine Blutauffrischung in der A-Nationalmannschaft mit einigen jungen Spielern wird es dagegen sicherlich geben müssen.
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