Zuschauer stirbt bei Dortmund-Sieg Ein Stadion trauert

Der Fußball wurde zur Nebensache: Ein Todesfall im Stadion hat den 2:0-Sieg von Dortmund gegen Mainz überschattet. Die Fans reagierten erst mit Schweigen, dann sangen sie.

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Aus Dortmund berichtet


Ja, auch das Fußballspiel zwischen Borussia Dortmund und Mainz 05 hatte einen Gewinner, der in die Statistiken eingehen wird. 2:0 endete das Duell zwischen dem BVB und dem Überraschungsteam dieser Saison. Viel bewegender waren an diesem emotionalen Abend aber die 80.000 Menschen im Westfalenstadion, die großes Mitgefühl angesichts eines sehr traurigen Ereignisses zeigten.

Während des Spiels war ein 80-jähriger Mann an einem Herzinfarkt gestorben, alle Reanimationsversuche waren erfolglos gewesen. Als rund eine Stunde gespielt war, hatte sich die Nachricht im ganzen Stadion verbreitet. Die Leute auf der Südtribüne stellten ihren Support ein, der Block mit den Mainzer Fans schloss sich an, und bald schwieg das gesamte Publikum. Gute Aktionen wurden nur noch mit freundlichem Applaus honoriert.

"Das nötigt mir unfassbaren Respekt ab. Es zeigt, wie tief verwurzelt Begriffe wie Ehre und Respekt vor anderen vorhanden sind und innerhalb kürzester Zeit zum Ausdruck gebracht werden können", erklärte der Dortmunder Präsident Reinhard Rauball etwas pathetisch.

"You'll never walk alone"

Das Publikum fand eine überaus pietätvolle Form, das bedrückende Schweigen zu brechen: Die Südtribüne kam auf die großartige Idee, "You'll never walk alone" zu singen. Das war besser als jeder Pass von Henrich Mchitarjan und auch klüger als all die wunderbaren Laufwege des herausragenden Marco Reus, der lange vor dem tragischen Vorfall zum 1:0 getroffen hatte. Denn dieser Song ist ein Klassiker des gemeinschaftlichen Mitgefühls.

"Das war auf jeden Fall eine sehr gute Reaktion", sagte BVB-Kapitän Mats Hummels nach der Partie. Die 80.000 Fans im Stadion hatten sich so doch noch ein ebenso außergewöhnliches wie intensives Gemeinschaftserlebnis verschafft und mussten nicht schweigend bis zum Schlusspfiff ausharren. Die Anhänger im Gästeblock sangen ergriffen mit. "Die Solidarität der Fangruppen war beeindruckend", fand der Mainzer Trainer Martin Schmidt. Sein Dortmunder Kollege Thomas Tuchel berichtete, dass er "lange überhaupt nicht wusste, was los ist".

Alle wussten Bescheid, nur die Spieler nicht

Es sind schon öfter Menschen in Fußballstadien gestorben, aber noch nie hat sich eine solche Tragödie derart auf das Spiel ausgewirkt. Es entwickelte sich eine Dynamik, die sozialen Netzwerke glühten. Wer keinen Zugang zu Informationen hatte, wurde von einem Nachbarn auf den aktuellsten Stand gebracht - und bald wusste jeder Bescheid. Nur die Spieler fragten sich immer noch ahnungslos, was eigentlich los ist. Selbst die Unparteiischen waren nicht informiert. "Der Schiedsrichter hat mich gefragt, was los ist", erzählte Marco Reus, der wie die Mitspieler erst nach dem Schlusspfiff begriff, was vorgefallen war.

Aber natürlich hatte die ungewöhnliche Atmosphäre in der letzten halben Stunde, die Tuchel als "beklemmend" empfunden hatte, den sportlichen Wettkampf verändert. Zwar hatten die Dortmunder weitere Torchancen, und Shinji Kagawa traf auch noch zum 2:0. Aber "diese Lethargie hat sich irgendwann über das Spiel gelegt", sagte Schmidt, der Mühe hatte, weiter zu coachen. "Innerhalb von Minuten war es ganz still, es war dann komisch, wenn man da reinbrüllt", sagte der Trainer.

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Bundesligaspiel gegen Mainz: Dortmund siegt und trauert
Insofern waren alle erleichtert, als die Partie irgendwann zu Ende war. Und nachdem dann endlich auch die Spieler Bescheid wussten, stand die Dortmunder Mannschaft tief bewegt vor der singenden Südtribüne. Einige hatten Tränen in den Augen. "Das hat uns sehr beeindruckt, das hat man gesehen", sagte Hummels.

Am Ende freuten die Dortmunder sich natürlich trotzdem über den verdienten Sieg und die starke Leistung, zumal ein zweiter Mann, der ebenfalls einen Infarkt erlitten hatte, gerettet und ins Krankenhaus gebracht werden konnte. "Es ist herausragend, was die Mannschaft heute gespielt hat", sagte Tuchel.

Denkwürdiger war aber zweifellos die Reaktion des Publikums auf die traurige Nachricht vom Tod eines Fußballfans.



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insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
Attila2009 13.03.2016
1.
Da wird Fußball in der Tat zur Nebensache. Mein Mitgefühl mit dem die Angehörigen ! Das dürfte auch für die Spieler und Trainer ein sehr schweres Spiel gewesen sein.Einerseits sich für die Aufgabe motivieren, andererseits unter diesen Umständen !
ich-geb-auf 13.03.2016
2. Vollster Respekt
an die Fans von Mainz und Dortmund!!!! ein Bayernfan
no_reservations 13.03.2016
3.
an diesem Tage und in der heutigen Zeit und Stimmung in Teilen des Landes ein derartiges Zeichen von Mitgefühl... Chapeau!!!
kaischek 13.03.2016
4. Respekt!
Respekt für die Dortmunder Fans. Und für die Mainzer gleich mit.
hauptstadt41 14.03.2016
5. Respekt
Es gibt auch Momente da muss man auch Fußballfans Respekt zollen. Damit zeigen die Menschen das Fußballfansein nicht nur aus Schreien, Saufen und Kloppen besteht sondern auch Mitgefühl vorhanden ist.
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