Zuschauerwut über Vuvuzelas: Fernsehmacher verzweifeln am "Stadion-Tinnitus"

Von Hendrik Baumann

Frust beim Fernsehereignis des Jahres: Die Vuvuzela-Tröten verleiden vielen Zuschauern den Fußball, Fans klagen über "Tinnitus im Stadion" statt WM-Stimmung - jetzt wollen ARD und ZDF mit der globalen Produktionsfirma reden. Doch die weiß auch nicht, wie sie die Krachmacher verstummen lassen soll.

Tuten und Blasen: Die TV-Sender sehen Handlungsbedarf in Sachen Vuvuzela Zur Großansicht
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Tuten und Blasen: Die TV-Sender sehen Handlungsbedarf in Sachen Vuvuzela

Auch der Weltfußballer hat schon genug.

Dauernd dieses Dröhnen im Stadion, so laut und penetrant, als wäre die Arena voller Bienen - für Lionel Messi sind die Vuvuzela-Tröten ein Ärgernis. "Es ist unmöglich sich mitzuteilen, wenn man wie taub ist", sagte der argentinische Star nach dem 1:0-Auftaktsieg seines Teams gegen Nigeria. Kapitän Javier Mascherano drückte es so aus: "Fußball ist auch Kommunikation. Und bei diesem Krach der Vuvuzela ist es schwer, mit deinem Mitspieler zu sprechen."

Die Spieler sind nicht allein mit ihrer Kritik. Vor allem auch die Fans an den Fernsehern und Leinwänden sind genervt. Das alles überlagernde Geräusch im Stadion erschwert nicht nur den Job der Spieler, sondern macht auch den erhofften Zuschaugenuss zur akustischen Tortur. Mit 120 Dezibel lärmt die Vuvuzela stärker als eine Kettensäge. Zu viel für manches Ohr.

Im Internet formiert sich Protest, es gibt die ersten Anti-Vuvuzela-Gruppen, und auch auf der SPIEGEL-ONLINE-Facebookseite bricht sich der Unmut Bahn. "Nach 20 Minuten ausgeschaltet wegen des Tons", berichtet ein Leser, ein anderer klagt über "Tinitus, Kopfschmerzen!" Die Wut ist groß: "Durch diese Drecksdinger kommt überhaupt keine Stimmung aus dem Stadion rüber!" - "Da wird jede Stimmung und sämtliche Emotion auf den Rängen gekillt. 90 Minuten lang nur öööööööö." Nur wenige halten dagegen: "Anderes Land, andere Sitten. Lebt damit oder macht die Glotze aus."

Letzterer Tipp ist den übertragenden Fernsehanstalten natürlich nicht so recht.

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Vuvuzelas: Eine Tröte spaltet die Welt

ARD und ZDF können sich vor erbosten Mails und Anrufen der Zuschauer kaum retten. Sie wissen um den Fan-Frust.

"Glücklich kann damit niemand sein", sagt Manfred Straka, Sportredaktionschef des SWR, der bei der WM in der ARD federführend ist. Bertram Bittel, Teamchef der ARD in Südafrika, berichtet gar von verwirrten Zuschauern: "Anfangs haben uns viele Leute angerufen und gefragt, ob wir da einen Störton haben."

"Die müssen sich was einfallen lassen"

Wäre das monotone Dröhnen der Vuvuzelas tatsächlich ein technischer Defekt, könnten ARD und ZDF das Problem wohl recht zügig beheben. Doch so müssen die übertragenden Sender nach Wegen suchen, wie die Lärmbelästigung für die Zuschauer reduziert werden kann.

Ein Problem: Die Sendeanstalten haben keinen Einfluss auf die Signale der Außenmikrofone, über die das Geräusch so dominant eingefangen wird. Die Tonspur wird wie die Bilder von der Fernsehproduktionsfirma HBS im Auftrag der Fifa produziert. Die Tochtergesellschaft der Schweizer Sportrechte-Agentur Infront steht deshalb nun im Fokus der Kritik.

"Die müssen sich da was einfallen lassen", sagt ein ARD-Mitarbeiter. "Das Problem mit den Vuvuzelas ist seit dem Confed-Cup 2009 in Südafrika bekannt. Das sind Unzulänglichkeiten, an denen gearbeitet werden muss." ZDF-Teamchef Dieter Gruschwitz kündigt an, bei den täglichen Briefings mit HBS über das Problem zu reden: "Alle Sendeanstalten sind unzufrieden, deshalb werden wir unsere Position klar machen."

Gruschwitz nennt allerdings keine konkreten Forderungen. Schließlich ist man sich auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern im Klaren darüber, dass HBS die Vuvuzelas nicht einfach abdrehen kann, ohne den Rest der Stadionatmosphäre gleich mit stummzuschalten - moderne Audiotechnik hin oder her, so einfach ist das nicht.

HBS teilte SPIEGEL ONLINE mit, bisher habe weder eine deutsche noch eine ausländische Sendeanstalt die Produktionsfirma direkt auf das Vuvuzela-Problem angesprochen. Doch selbst wenn das Thema zur Sprache käme - Hoffnung auf Besserung gibt es kaum. "Eine Eliminierung oder Filterung des Vuvuzela-Geräuschpegels ist technisch ohne eine Beeinflussung des Gesamtsignals nicht möglich", sagte eine Unternehmenssprecherin.

Reporter in Kabine keine Option

Die Sendeanstalten improvisieren. ARD und ZDF drehen die Stadionatmosphäre beim Abmischen mit der Stimme des Reporters "aufs Nötigste runter", teilt die SWR-Sportredaktion auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit. Außerdem statten sie ihre Kommentatoren mit Lippenmikrofonen aus, die näher am Mund liegen als die üblichen Headsets und damit weniger Umgebungsgeräusche einfangen. Doch auch sie nehmen immer noch Stadionatmosphäre auf.

Die Option, den Reporter in eine abgeschottete Kabine zu setzen und auf diesem Weg nur dessen Stimme zu übertragen, kommt nicht in Betracht. "Keine Atmosphäre zu transportieren, ist für uns keine Option", sagt Gruschwitz. "Außerdem sind die Vuvuzelas Teil der WM und der südafrikanischen Kultur, da kommen wir nicht drum herum."

Daher erscheint auch ein Verbot der Krachmacher seitens der Fifa mehr als unwahrscheinlich. "Das würde das Problem natürlich lösen", sagt ein ARD-Mitarbeiter. "Aber solange Sepp Blatter sagt, das gehört dazu, habe ich wenig Hoffnung."

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Forum - Vuvuzelas - nerviges Getröte oder Stimmungsmacher?
insgesamt 3015 Beiträge
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1. Nervig
dreamtimer 12.06.2010
Zitat von sysopVuvuzelas gelten als typisches Fan-Utensil in Südafrika, auch bei den WM-Spielen ist die Tröte ständig zu hören. Wie empfinden Sie die Vuvuzelas - nervig oder stimmungsmachend?
Nervig. Sie haben freilich den wohltuenden Effekt daran zu erinnern, wie nervig Popkultur doch sein kann. Vielleicht gibt es ja einiger Mitläufer, die den Party-Patriotismus der vergangenen Jahre mitgemacht haben, die nun den Fernseher aus lassen.
2.
Umberto 12.06.2010
Zitat von sysopVuvuzelas gelten als typisches Fan-Utensil in Südafrika, auch bei den WM-Spielen ist die Tröte ständig zu hören. Wie empfinden Sie die Vuvuzelas - nervig oder stimmungsmachend?
Bei der angebotenen Auswahl an Möglichkeiten bleibt für mich nur nervig. Die Zahl der Spiele, die ich mir anschauen werde, dürfte deshalb ziemlich überschaubar sein.
3.
wolbek 12.06.2010
"If you can't say anything nice - don't say anything at all!" Vielleicht sollten sie sich diesen Spruch mal seber zu Herzen nehmen, denn sie machen genau das, was sie dem Schreiber unterschieben wollen. Tendenziöses unzusammenhängendes Geschreibsel von jemandem der sich auf der richtigen Seite wähnt.
4.
Umberto 12.06.2010
Sie haben offensichtlich andere Spiele gesehen, als Mexiko - Südafrika und Frankreich - Uruguay. In keinem der beiden war guter und spannender Fußball zu sehen.
5. moin mcmurdo
mcmurdo 12.06.2010
Zitat von sysopVuvuzelas gelten als typisches Fan-Utensil in Südafrika, auch bei den WM-Spielen ist die Tröte ständig zu hören. Wie empfinden Sie die Vuvuzelas - nervig oder stimmungsmachend?
War gestern noch in einem Konzert. Das Orchester intonierte die "Kleine Nachtmusik" auf Vuvuzelas labia aber auch rektal geblasen. Ein wunderbares Instrument, dass auch der allergrösste nonmusikalische Trottel sogar mit 3 Promille noch an die Mundöffnung bringt... Danke Mutter Afrika für dieses famose Geschenk an den Rest des Universums! Apropos, wer gestern WDR hörte, musste den Eindruck haben, dass alle Moderatoren dort kein anderes Thema hatten, als dieses Plastikgehörn...na gut: auf diese Weise wird es nicht lande dauern, dann ist die Nation durchgevuvuzelat und als neue Mitspieler werden die örtlichen Polizeibeamten auftreten (müssen).
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Vuvuzelas: Tröten bis zur Schmerzgrenze

Fußball-WM in Südafrika
Bafana Bafana
Die Fußball-Weltmeisterschaft findet vom 11. Juni bis 11. Juli 2010 statt. Gastgeber ist Südafrika - mit dem Nationalteam Bafana Bafana. Die wichtigsten Infos zur WM...
Klima
Die WM fällt in den südafrikanischen Winter. In Johannesburg und Pretoria ist es im Winter (Juli und August) aufgrund der Höhenlage von knapp 1400 bis 1750 Metern sonnig und trocken, im Schnitt um die zehn Grad, selten über 18 Grad, Nachtfrost.
Durban am Indischen Ozean hat subtropisches und damit auch im Juni warmes Klima, im Schnitt um die 17 Grad.
In Kapstadt an der Tafelbucht des Atlantischen Ozeans herrschen im Schnitt Temperaturen um die 13 Grad, am Abend unter zehn Grad Celsius. Im Juni und Juli sind hier die Niederschlagsraten im Jahresverlauf am höchsten.
Anreise und Einreise, Nahverkehr
Täglich Nonstop-Flüge von South African Airways, Lufthansa und weiteren Gesellschaften zu Johannesburgs Airport OR Tambo. EU-Bürger erhalten am Airport kostenlos ein drei Monate gültiges Touristenvisum.
Der öffentliche Nahverkehr in Johannesburg ist noch kaum vorhanden. Besucher sind in der Regel auf Mietwagen oder Taxis angewiesen.
Ticketverkauf
Für die Südafrika-WM sind Pauschalreisen erhältlich, bei denen neben Anreise, Hotels und Ausflügen auch Stadiontickets enthalten sind. In Deutschland sind Dertour in Frankfurt am Main, Passion Southafrica in Darmstadt, Thomas Cook Sport in London und Vietentours in Meerbusch die Veranstalterpartner der Fifa.
Austragungsorte, Stadion
Johannesburg, Soccer City
Durban, Moses-Mabhida-Stadion
Kapstadt, African Renaissance Stadium/Green-Point-Stadion
Johannesburg, Ellis-Park-Stadion
Tshwane/Pretoria, Loftus-Versfeld-Stadion
Nelson Mandela Bay/Port Elizabeth, Nelson-Mandela-Bay-Stadion
Nelspruit, Mbombela-Stadion
Mangaung/Bloemfontein, Free-State-Stadion
Polokwane, Peter-Mokaba-Stadion
Rustenburg, Royal-Bafokeng-Stadion
Information
South African Tourism
Friedensstraße 6
60311 Frankfurt am Main
Tel.: 069/929 12 90
Internet: www.southafrica.net
de.fifa.com/worldcup/index.html
Sicherheitstipps der südafrikanischen Polizei
Reisende sollten die Sicherheitstipps der Polizei ernst nehmen, vor allem in Johannesburg, Durban, Kapstadt und anderen großen Städten:

Fluggepäck mit Schlössern sichern und auf dem Airport nicht unbeaufsichtigt lassen.

Schmuck nicht zur Schau stellen. Handys nicht auf offener Straße, sondern nur im Hotel, an Tankstellen oder in Gaststätten verwenden.

Bei Dunkelheit auf längere Spaziergänge verzichten. Hotels geben Auskunft über Gegenden, die gemieden oder nur in geführten Gruppen aufgesucht werden sollten.

Pässe und Wertgegenstände im Hotelsafe aufbewahren, Kopien von Pässen und Kreditkarten mitbringen. Möglichst wenig Bargeld einstecken - fast überall kann mit Kreditkarte bezahlt werden. Geld und Karten in verschließbaren Kleidungstaschen sichern.

Nur lizensierte Taxis benutzen.

Autofahren: Türen stets verriegeln, immer ein Handy dabeihaben und vorher die Notrufnummern einspeichern. Polizei: 112 oder 082/911, AA-Pannendienst: 0800/10101. Die Route gut studieren. Mobile Navigationsgeräte mit Südafrika-Software sind nützlich. Keine Anhalter mitnehmen. Unfallszenen können Fallen sein. Nicht halten, per Handy Polizei rufen. Tankstellen an Fernstraßen sind bewacht.
Sicherheitshinweis des Auswärtigen Amts
Das Auswärtige Amt in Berlin empfiehlt Touristen, vor allem in den Großstädten und ihren Randgebieten vorsichtig zu sein. Die Zentren von Johannesburg, Pretoria, Durban und Kapstadt sollten nach Geschäftsschluss ebenso gemieden werden wie Fahrten mit Vorortzügen. Township-Besuche seien nur in Gruppen mit ortskundigem Führer ratsam. Bei Überfällen sei es besser, keinen Widerstand zu leisten. Ausführliche Ratschläge gibt das Ministerium online.

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