Zwanziger-Nachfolge beim DFB: Willkommen im Wahlkampf!

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Sie stehen auf Intrigen, sind krisenerprobt und Kenner des hiesigen Fußballs? Dann bewerben Sie sich doch als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes! Der Verband sucht einen Nachfolger für Theo Zwanziger. Ein bizarrer Wahlkampf ist in vollem Gange.

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Niersbach, Beckenbauer: "In meinen Augen ist er der Beste"

Kaum hatte Theo Zwanziger seinen Rücktritt angekündigt, da meldete sich auch schon Deutschlands Fußball-Lichtgestalt zu Wort. Keine 24 Stunden nach dem Abgang des DFB-Bosses nutzte Franz Beckenbauer die TV-Kameras, um Werbung für einen guten Freund zu machen: "Wolfgang Niersbach ist natürlich einer, der alles kann, der bei der Fifa gerne gesehen ist, der bei der Uefa gerne gesehen ist", schwärmte er beim Pay-TV-Sender Sky über den DFB-Generalsekretär.

"Es ist sehr wichtig, dass der DFB in diesen wichtigen Gremien vertreten ist. Also Wolfgang Niersbach ist in meinen Augen, wenn ich mir das jetzt so kurzfristig überlege, der Beste", sagte Beckenbauer. Damit eröffnete der Ehrenpräsident des FC Bayern München den Wahlkampf, der zu einem Dreikampf werden könnte.

Neben Niersbach gilt DFL-Chef Reinhard Rauball als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge Zwanzigers. Der Präsident von Borussia Dortmund brilliert derzeit durch Zurückhaltung. Ganz im Gegensatz zu Zwanziger. Der hatte schon bei seinem Rücktritt via "Bild"-Zeitung angekündigt, einen Nachfolge-Kandidaten im Auge zu haben.

Während vieles auf den ersten Blick dafür sprach, dass Zwanziger seinen Ratgeber Niersbach meinte, wird mittlerweile über eine Art Mister X spekuliert, der aus der Finanzwelt kommen soll. "Kompetenz, Engagement und Charakter sind die wesentlichen Merkmale, die eine Person haben muss, wenn sie in den Führungsgremien des DFB arbeiten will. Ich bin seit einigen Monaten diesbezüglich mit einer Persönlichkeit im Gespräch, die ich für sehr geeignet halte. Einen Namen möchte ich aber noch nicht nennen", so Zwanzigers diffuse Verkündung auf der Internetseite des DFB. Der Jurist macht also da weiter, wo er zuletzt aufgehört hat. Statt für Klarheit sorgt er für Verwirrungen und wilde Spekulationen.

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DFB-Präsident Zwanziger: Manchmal Top, häufig Flop

Zumal bei der Staatsanwaltschaft in Frankfurt unterdessen eine Anzeige gegen Zwanziger wegen Untreue eingelaufen ist. Das berichtet der "Express". Demnach prüft die Behörde derzeit, ob sie ein Verfahren gegen den DFB-Präsidenten einleitet. Zwanziger soll Verbandsgelder genutzt haben, um Rechtsanwälte von Schiedsrichtern in der Affäre um Manfred Amerell zu bezahlen. Das hatte der DFB allerdings schon vor einigen Wochen bestritten.

Immerhin eines hat Zwangziger erreicht: Der bei den Amateurverbänden als Favorit geltende DFB-Vizepräsident Rainer Koch schloss eine Kandidatur am Sonntag aus. "Die Frage stellt sich für mich nicht", sagte der Richter. "Die Frage stellt sich nicht mehr", wäre wohl die präzisere Antwort gewesen. Denn Zwanziger hat seinen Vize im Streit um den Umgang mit Manfred Amerell vor wenigen Wochen eigenhändig öffentlich demontiert.

Koch spielte den Ball zurück: "Wir müssen jetzt schnell und vor allem einig zu einer Lösung finden. Ich kann mir Rauball und Niersbach sehr gut vorstellen, inbesondere Niersbach, der bei Fifa und Uefa bestens vernetzt ist", sagte Koch bei Sport1.

Sogar Gerhard Mayer-Vorfelder meldete sich zum Wahlkampf-Auftakt zu Wort. Der langjährige DFB-Präsident machte dabei nicht gerade Werbung für Niersbach: "Dass es ein hauptamtlicher Generalsekretär wird, glaube ich nicht. Ich glaube eher, dass der Nachfolger aus dem Ehrenamt kommt wie es Tradition ist", sagte der 78-Jährige bei Sky.

"Es ist eine politische Entscheidung"

Irritiert zeigte sich Koch über die Art und Weise des angekündigten Abschieds von Zwanziger. "Bei der Präsidiumssitzung am Freitag ist kein einziger Satz zum bevorstehenden Rücktritt von Dr. Zwanziger gefallen", sagte er dem Sportnachrichtendienst sid. Auch in der sportlichen Führungsebene der Nationalmannschaft sorgte Zwanzigers Rumpelstilzchen-Rückzug für Kopfschütteln. Kurz nach der EM-Gruppenauslosung in Kiew hatte Niersbach Teammanager Oliver Bierhoff telefonisch über die Vorkommnisse in Frankfurt informiert.

"Wir waren natürlich überrascht, auch bei uns hat diese Nachricht erst einmal für Aufregung gesorgt", sagte Löw im ZDF-Sportstudie. Erst am Samstagmorgen hatte er in Kiew einen Anruf von Zwanziger erhalten. In dem Telefonat habe der Noch-Präsident "um Verständnis gebeten, dass er niemanden eingeweiht hatte. Er wollte erst seine langjährigen Weggefährten beim Verband informieren. Es ist eine politische Entscheidung, auf die wir keinen Einfluss nehmen können".

In jedem Fall hat Zwanziger den DFB, die Führungscrew und auch die leitenden Angestellten mit seiner Ankündigung kalt erwischt. Selbst die Präsidiumskollegen hatte der 66-Jährige auf einer Sitzung am Freitag im Unklaren gelassen und erst während der Jahresabschlussfeier des Verbandes in Neu-Isenburg über seine spektakuläre Entscheidung informiert - die allerdings schon wenige Minuten zuvor über die "Bild"-Zeitung verbreitet wurde.

Unklar ist derzeit, ob Zwanziger tatsächlich noch knapp elf Monate DFB-Boss bleibt. Sollte sich bereits früher ein Kandidat abzeichnen, könnte die Ära des Patriarchen womöglich eher zu Ende gehen.

Ein stilvoller Abgang sieht so oder so anders aus.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Der Blatter, das Franzel und der DFB Präsi....
fussball11 04.12.2011
Voraussetzung für den Kandidaten des DFB Präsidenten ist es also gut Freund mit Blatter zu sein. Das diese Forderung aus dem Mund des Kaisers kam, wundert mich nicht.
2. na klar..
Chris110 04.12.2011
---Zitat--- Selbst die Präsidiumskollegen hatte der 66-Jährige auf einer Sitzung am Freitag im Unklaren gelassen und erst während der Jahresabschlussfeier des Verbandes in Neu-Isenburg über seine spektakuläre Entscheidung informiert - die allerdings schon wenige Minuten zuvor über die "Bild"-Zeitung verbreitet wurde. ---Zitatende--- klar, ist ja auch einleuchtend. Erstmal die BILD-Zeitung informieren, dann den eigenen Verband. Immer schön die Hierarchie einhalten.
3. ...
Currie Wurst 04.12.2011
Mögen sich Niersbach und Rauball einen fairen Wettkampf um die Krone bieten. Beide halte ich für kompetent und seriös und beide heben sich wohltuend vom aktuellen Dampfplauderer in eigener Sache ab. Dass sich aus dem Off nochmal Sonnenkönig Mayer-Formfehler meldet, ist genauso überflüssig wie dessen Amtszeit.
4. Falscher Zwanziger
Björn Borg 04.12.2011
Zitat von sysopSie*stehen auf*Intrigen, sind krisenerprobt und*Kenner des hiesigen Fußballs? Dann bewerben Sie sich doch als Präsident des*Deutschen Fußball-Bundes! Der Verband sucht einen Nachfolger für Theo Zwanziger. Ein bizarrer Wahlkampf ist in vollem Gange. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,801596,00.html
Aus der Finanzwelt? Mein Gott, der Ackermann!!! Am besten zögert der Zwanziger seine Abschiedsposse noch bis zum Begin der EM 2012 hinaus, damit er kurz vor dem Turnier noch ein bisschen Unruhe in den Verband bringt. Meine Güte, schon wieder so ein PR-Debakel!
5. Zwanziger-Nachfolge beim DFB
arthuranton 04.12.2011
Hierzu möchte ich wünschen, daß für diese Position eine Persönlichkeit auserwählt wird - frei von "Altlasten"! Der Nachfolger muß nicht unbedingt direkt vom DFB kommen! Wie so oft hat Beckenbauer vorschnell versucht Partei für einen ihm genehmen "Freund" zu ergreifen! Zurückhaltung wäre auch für ihn absolut angebracht!
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