Zwanziger und die Steuer-Affäre Abrechnung statt Aufklärung

Im Schiedsrichter-Steuerskandal geht es um mehrere hunderttausend Euro. 70 deutsche Referees stehen im Fokus der Ermittlungen, doch den Deutschen Fußball-Bund scheint das nicht nervös zu machen. Stattdessen beschäftigt sich Präsident Theo Zwanziger lieber mit einem alten Streitfall.

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Von , Frankfurt


Theo Zwanziger wippte vor und zurück. Seine Hände wirbelten wild umher, er versuchte damit jedem einzelnen seiner Worte zusätzliches Gewicht zu verleihen. Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) wirkte emotional wie selten zuvor als er im Konferenzraum vier der Frankfurter Verbandszentrale auf die Fragen der Journalisten antwortete. Doch in seinen Ausführungen ging es nur am Rande um die notwendige Aufarbeitung der Schiedsrichter-Steueraffäre. Vielmehr war erneut ein Streit Thema, der immer mehr zur Privatfehde zwischen dem Präsidenten und Manfred Amerell ausartet.

Nachdem der 66-Jährige, flankiert vom Vorsitzenden der Schiedsrichter-Kommission Herbert Fandel, erläuterte, dass sieben von 49 Referees sich bei der vor wenigen Tagen abgehaltenen Schiedsrichter-Tagung dazu bekannten, "mögliche Steuernachforderungen zu erwarten", erklärte er, dass dies "ein privater Bereich sei, der für uns nur schwer zu überblicken ist."

Anschließend stellte Fandel einige Möglichkeiten vor, wie zukünftig eine größere "Transparenz und Hilfestellung" für die Schiedsrichter gegeben werden soll. Neben einem Integritätsraster, mit dem die moralische Tauglichkeit von Schiedsrichtern analysiert wird, das jedoch "noch in der Ausarbeitung ist" (Fandel), blieb jedoch als einzige verbindliche Maßnahme, die Einforderung eines polizeilichen Führungszeugnisses.

Ungewöhnlich war die Erklärung, warum der DFB zur Einführung des Führungszeugnisses zwei Schiedsrichter-Bestechungsskandale benötigte sowie einen europaweiten Wettskandal und eine Steuer-Affäre: "Weil wir unseren Schiedsrichtern vertrauen und nicht wollten, dass sie durch so etwas abgeschreckt werden. Aber jetzt muss man es einmal anders sehen: Eine solche Maßnahme kann den Schiedsrichtern auch helfen", sagte Fandel abschließend.

"Ich habe mir vorgenommen, private Fragen nicht zu beantworten"

Doch das Steuer-Thema könnte den DFB möglicherweise noch hartnäckiger verfolgen, sollte es tatsächlich zu ersten Strafverfahren gegen Fifa-Schiedsrichter kommen. Genauso wie in dem Fall, dass Fandel selbst Gegenstand dieser Affäre sein könnte. Denn der ehemalige Schiedsricher-Obmann Amerell behauptet, er hätte auch Fandel wegen steuerlicher Unregelmäßigkeiten beim Augsburger Finanzamt angezeigt. "Ich werde das weder dementieren noch bestätigen. Ich habe mir vorgenommen, private Fragen nicht zu beantworten", sagte Fandel zuvor.

Damit bleibt weiterhin fraglich, wie die Versteuerung der Honorar-Zahlung an Schiedsrichter in Zukunft überprüft werden kann. Genauso wie die Tatsache, was mit den Schiedsrichtern passiert, die ein Steuer-Strafverfahren erhalten. Auch die Rolle der beiden Fußball-Dachverbände Fifa und Uefa, die Honorare an Auslandskonten der Schiedsrichter überwiesen haben, wurde nicht weiter thematisiert.

Stattdessen übernahm Zwanziger wieder das Wort. Der 66-Jährige beschäftigte sich in der Folge über 60 Minuten mit einem Thema, das er doch eigentlich längst für abgeschlossen erklärt hat - der Causa Manfred Amerell. "Ich bin nicht der Feind von Manfred Amerell, ich verfolge ihn auch nicht", sagte Zwanziger zu Beginn seiner Ausführungen. Um dann jedoch zu einer regelrechten Abrechnung mit dem Ex-Obmann auszuholen.

"Untragbares Verhalten"

Der Präsident des DFB sprach von "Amtsverletzungen" genauso wie von "untragbarem Verhalten". Er ließ durchblicken, dass der ehemals angedachte Mediator Bischof Wolfgang Huber in der Bewertung Amerells ebenfalls kein gutes Urteil über den Ex-Schiedsrichter gefällt hat. Für Zwanziger "ist das Thema Amerell aus Sicht des DFB erledigt". Der Verband werde keine weiteren Schritte auf den 64-Jährigen zumachen. "Er ist nun in der Bringschuld, wenn er ein Gespräch will."

Doch auch hier wirken die Aussagen des DFB-Präsidenten sehr kurz gegriffen. Denn das Thema Amerell wird nicht nur am 7. Dezember wieder auftauche, wenn sich der Ex-Obmann vor dem Stuttgarter Oberlandesgericht mit Michael Kempter trifft. Auch Ende Januar 2012, wenn der DFB-Kontrollausschuss über Amerells Selbstanzeige beim DFB verhandelt, wird der Augsburger die Handlungsfähigkeit des Verbandes auf die Probe stellen. Zudem liegt seit etwa drei Wochen eine von Amerell gestellte Anzeige bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft, die Zwanziger "Verleumdung und üble Nachrede" vorwirft.

Amerell hat nichts mehr zu verlieren, er fordert "Gerechtigkeit und Wahrheit", er wird den DFB und insbesondere Zwanziger weiter bearbeiten. Dass dieser nun auch das neue Mediationsangebot von Amerell, im Beisein eines anderen Schlichters als Bischof Huber, radikal ablehnt, wirkt bezeichnend für das Verhältnis zwischen den Parteien.

Auf die Frage, ob Amerell das Bild des DFB nachhaltig verunstalte, antwortete Zwanziger am Donnerstag: "Wir werden im kommenden Jahr Europameister, ich mache mir keine Sorgen um unseren Verband." Bis zum kommenden Sommer ist es aber noch eine lange Zeit.

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Seite 1
doc 123 17.11.2011
1. Unsägliches Verhalten!
Zitat von sysopIm Schiedsrichter-Steuerskandal*geht es um mehrere hunderttausend Euro. 70 deutsche Referees*stehen im Fokus der Ermittlungen, doch den Deutschen Fußball-Bund*scheint das nicht nervös zu machen. Stattdessen beschäftigt sich*Präsident Theo Zwanziger lieber*mit einem alten Streitfall. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,798458,00.html
Ich hatte das unsägliche Verhalten von Zwanziger in der Amerell-Affäre bereits in zig Postings beanstandet. Schön zu erleben, dass SPON hier nach Monaten auch auf meine Linie einschwenkt. Wie Zwanziger so tickt belegt doch wohl diese Aussage: "Wir werden im kommenden Jahr Europameister, ich mache mir keine Sorgen um unseren Verband." Noch viel absurder gehts einfach nicht mehr!
allereber 17.11.2011
2. Die Vertuscher
Zitat von sysopIm Schiedsrichter-Steuerskandal*geht es um mehrere hunderttausend Euro. 70 deutsche Referees*stehen im Fokus der Ermittlungen, doch den Deutschen Fußball-Bund*scheint das nicht nervös zu machen. Stattdessen beschäftigt sich*Präsident Theo Zwanziger lieber*mit einem alten Streitfall. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,798458,00.html
Der DFB machte es schon immer wie die Katholische Kirche: Vertuschen,vertuschen.
adam68161 17.11.2011
3. Wenn es Amerell gelingen sollte,
die scheinheilig heuchelnde Verbandsspitze um Zwanziger auszuhebeln, hätte der ganze Skandal einschliesslich des Rufmordes an Amerell noch etwas Gutes gehabt. Aber ich habe da leider meine Zweifel.... Diese Funktionäre lassen ihre Leistungsträger immer fallen, wenn es der eigenen Position nutzt.
horstma 17.11.2011
4. Unfug
SPON: "...Ungewöhnlich war die Erklärung, warum der DFB zur Einführung des Führungszeugnisses zwei Schiedsrichter-Bestechungsskandale benötigte sowie einen europaweiten Wettskandal und eine Steuer-Affäre..." Das Führungszeugnis-Ding ist reiner Aktionismus, denn wer noch nicht erwischt wurde, dessen Zeugnis ist ja sauber. Somit hätten auch die jetzt erwischten Schiedsrichter vorher ein sauberes Zeugnis gehabt. Diese Maßnahme hilft nur gegen Wiederholungstäter, und das hätte der DFB auch einfacher haben können - indem er einmal verurteilte einfach dauerhaft sperrt.
Akilim 17.11.2011
5. Jepp,
Zitat von allereberDer DFB machte es schon immer wie die Katholische Kirche: Vertuschen,vertuschen.
denn der DFB ist unterwandert von aufrechten Katholiken: nach Braun Fuffzicher, selbst weniger in der Öffentlichkeit Stehende sind echte Katholiken. Da gibt es erstaunliche Karrieren!
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