Zweite Liga "Allererste Sahne"

Der FC St. Pauli bleibt ein Phänomen. Die Mannschaft mit dem kleinsten Etat aller deutschen Profivereine klopft an die Tür zur ersten Liga.


Dubravko Kolinger (r.) beglückwünscht St. Paulis Torschützen Markus Lotter
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Dubravko Kolinger (r.) beglückwünscht St. Paulis Torschützen Markus Lotter

Hamburg - Der Verein vom Hamburger Millerntor, der mit sieben Millionen Mark in der Saison auskommen muss, blieb nach dem 1:0-Sieg gegen Spitzenreiter 1. FC Nürnberg auch das zehnte Spiel in Folge ohne Niederlage.

"Wir gehören spielerisch zu den stärksten Mannschaften, haben viel Euphorie und Spaß am Fußball", freute sich Mittelfeldspieler Markus Lotter, der vor 18.005 Zuschauern am Donnerstag das entscheidende Tor gegen den überraschend schwachen Herbstmeister erzielte.

"Wenn wir jetzt am Sonntag auch noch unser Heimspiel gegen Ahlen gewinnen, können wir uns neue Ziele setzen", jubelte St. Paulis Stürmer Nico Patschinski. Sogar der nüchterne Trainer Dietmar Demuth lobte seine Elf in den höchsten Tönen: "Das war allererste Sahne. Wir haben nicht mit dem zweiten Platz gerechnet, das ist alles ein Traum." Doch gleich danach trat der 45-Jährige auf die Euphoriebremse: "Wir haben jetzt 30 Punkte, 40 Punkte sind nach wie vor unser Ziel. Danach können wir weitersehen."

"Meine junge Mannschaft hatte heute die Hosen voll"

Beeindruckt von der Vorstellung der Hamburger war besonders Nürnbergs Trainer Klaus Augenthaler: "Wir haben von St. Pauli ein Lehrbeispiel bekommen, wie man in der 2. Liga kämpft, aggressiv und leidenschaftlich zu Werke geht." Er habe immer vor dem Kiez-Club gewarnt. "Meine junge Mannschaft hatte heute die Hosen voll", räumte der enttäuschte Weltmeister von 1990 ein.

Die Franken kassierten in Hamburg nicht nur die zweite Saisonniederlage nach dem 0:2 in Mainz, sie blieben auch ohne jede echte Torchance. "Es gab nur zwei Verzweiflungsschüsse von Frank Wiblishauser aus 35 Metern", kritisierte Augenthaler. Der ehemalige Torjäger vom Millerntor, Martin Driller, war bei seiner Rückkehr völlig abgemeldet.

Beim FC St. Pauli wurde nach dem fünften Heimsieg kurz, aber ausgelassen gefeiert. Regisseur Thomas Meggle tanzte gemeinsam mit den Fans im Clubheim auf den Tischen. Die Hamburger wurden vor der Saison wegen des knappen Etats als Abstiegskandidat Nummer eins gehandelt, nun haben sie im Unterhaus die beste sportliche Bilanz seit der Aufstiegssaison 1994/95 hingelegt. Vor sechs Jahren beendete der FC St. Pauli die Hinrunde ebenfalls auf den zweiten Platz und stieg am 18. Juni 1995 mit einem 5:0 gegen den FC Homburg zum dritten Mal nach 1977 und 1988 in die Bundesliga auf.


FC St. Pauli - 1. FC Nürnberg 1:0 (0:0)
1:0 Lotter (48.)
St. Pauli: Weber - Ahlf - Scheinhardt, Kolinger - Wehlage, Lotter, Meggle, Baris (79. Staczek), Bürger - Patschinski (87. Mansourian), Rath (17. Klasnic)
Nürnberg: Köpke - Nikl, Kos, Johansson, Wiblishauer - Möckel, Ogungbure (73. Günther), Stoilas (66. Junior), Krzynowek - Driller, Gomis (62. Leitl)
Schiedsrichter: Weiner (Hildesheim)
Zuschauer: 18.005
Gelbe Karten: Meggle (5/2) - Gomis (3), Kos (5)



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