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Zweitligaspiel St. Pauli-Rostock: Krawall auf dem Kiez

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Schon vor dem Spiel nahm die Polizei zahlreiche Fans fest, nach dem Schlusspfiff eskalierte die Gewalt: In Hamburg ist es rund um das Zweitligaspiel des FC St. Pauli gegen Hansa Rostock zu schweren Krawallen gekommen. Ausgerechnet vor einer Tankstelle flogen Feuerwerkskörper.

Hamburg - Insgesamt waren 1000 Polizisten im Einsatz - das größte Aufgebot, das es bei einem Zweitligaspiel in Hamburg je gab. Sechs Polizisten wurden verletzt, die Polizei nahm rund ein halbes Dutzend Randalierer fest. Eine endgültige Bilanz konnte sie am späten Freitagabend noch nicht ziehen.

"Wir hatten es unter anderem mit massiven Steinwürfen aus beiden Lagern zu tun", sagte eine Polizeisprecherin nach dem Spiel. Einen Anhänger von St. Pauli habe die Polizei schon am Hamburger Hauptbahnhof festgesetzt, er habe einen Rostocker Fan mit einer Gaswaffe bedroht.

Gegen 16.40 Uhr dann die nächste Eskalation, als aus einem Pulk von etwa 200 Rostocker Fans Flaschen und pyrotechnische Gegenstände geworfen wurden. Auf dem Vorplatz des U-Bahnhofs Feldstraße in der Nähe des Stadions brannten Rostocker Anhänger Feuerwerkskörper ab. Zudem gingen Rostocker Fans mit Bierflaschen auf Beamte los, ehe die Einsatzkräfte sie unter dem Einsatz von Wasserwerfern in den Gästeblock des Millerntorstadions drängen konnten. Darunter litten offenbar die abgesprochenen Sicherheitsmaßnahmen - was Folgen haben sollte.

In der Halbzeitpause machten die Rostocker Fans erneut negativ auf sich aufmerksam. Feuerwerkskörper wurden in solcher Menge gezündet, dass die 22.000 Zuschauer die Hand nicht mehr vor Augen sahen und Schiedsrichter Wingenbach den zweiten Durchgang erst mit drei Minuten Verspätung wieder anpfiff.

Nach dem Spiel stifteten beim Abmarsch der Hansa-Fans Hamburger Randalierer mit Feuerwerkskörpern und Flaschen Unruhe. Erneut setzte die Polizei Wasserwerfer ein, um Schlimmeres zu verhindern. Ausgerechnet vor einer Tankstelle hatten sich etwa 500 Hamburger versammelt, um den von der Polizei eskortierten Abmarsch der Rostocker Fans zu blockieren. Kurz darauf flogen zahlreiche Feuerwerkskörper, nach Augenzeugenberichten wurden mehrfach brennende Gegenstände auf das Tankstellengebäude geschleudert. "Alles, was sich bewegen ließ, war auf der Straße verteilt - von Müllcontainern bis zu herausgerissenen Gehwegplatten", sagte die Polizeisprecherin. "Die beiden Fangruppen sind so verfeindet, dass sie nur noch rot sehen."

Sowohl an der Tankstelle als auch während kleinerer Scharmützel an der Südseite des Stadions schritten die Einheiten konsequent ein und setzten nach kurzer Warnung schnell Wasserwerfer ein - angesichts der Vielzahl der offenbar zu allem entschlossenen Gewalttäter auf beiden Seiten war das nicht falsch. Insgesamt wurden bei den Ausschreitungen sechs Beamte verletzt, davon einer schwer. Allein im Stadionbereich wurden 52 Fans beider Vereine festgenommen.

Bereits Wochen vor dem brisanten Spiel hatten sich die Anhänger beider Clubs in Internet-Foren angestachelt. Da Rostock die 1513 Gästekarten nur an langjährige Mitglieder sowie offizielle Fanclubs ausgab, riefen die anonymen Anstifter dazu auf, auch ohne Karten an diesem Abend nach Hamburg zu reisen. Offizielle beider Clubs hatten dagegen im Vorfeld an die Vernunft ihrer Anhänger appelliert - ohne jedoch ausreichend Gehör zu finden.

Die Polizei setzte dagegen bereits im Vorfeld auf die harte Linie. Einige Rädelsführer auf beiden Seiten waren mit Aufenthaltsverboten und Meldeauflagen bereits am Besuch des Spielortes gehindert worden. Zudem informierte die Rostocker Polizei 200 Leute, die bereits einmal auffällig waren, in sogenannten Gefährdeansprachen über mögliche Konsequenzen gewaltbereiten Verhaltens. Offenbar vergebens.

Rätsel gibt weiterhin der Spieltermin auf. Sowohl die Hamburger Polizei als auch der Großteil der Offiziellen des FC St. Pauli hatten sich in den zahlreichen Sicherheitsbesprechungen vor der Partie wenig begeistert über das Freitagabendspiel gezeigt. St. Paulis Sicherheitsbeauftragter Sven Brux bezeichnete den Termin als "suboptimal". Auch die Polizei hätte das Spiel lieber auf einem Sonntagnachmittag stattfinden lassen, wie SPIEGEL ONLINE erfuhr.

Bei den Verbänden will keiner etwas von diesen Bedenken gewusst haben. "Alles geschieht in Absprachen mit den Vereinen", hatte DFB-Mediendirektor Harald Stenger im Vorfeld der "Hamburger Morgenpost" gesagt. Die DFL verwies darauf, dass die Ansetzung eine Vorgabe der Zis (Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze) war. Auch St. Pauli-Präsident Corny Littmann hatte den Termin als "unbedenklich" bezeichnet. Eine krasse Fehleinschätzung.

Beim 3:0-Heimerfolg der Rostocker in der Hinrunde hatte es im September rund um das Ostseestadion vor und nach dem Spiel massive Ausschreitungengegeben. Dabei waren 20 Personen verletzt und mehr als 50 Randalierer festgenommen worden. Der DFB hatte damals trotz zahlreicher Vorwürfe seitens des FC St. Pauli auf die Einsetzung eines Kontrollausschusses verzichtet.

Mit Material von sid und dpa

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Randale auf St. Pauli: Eskalation der Gewalt


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