WM-Zwischenbilanz der Organisatoren Das Wetter ist schön

Die Fifa und das russische Organisationskomitee ziehen nach der Vorrunde Bilanz, und es gibt nur zufriedene Gesichter. Die Kritik am WM-Gastgeber ist vollständig verdrängt.

Fifa-Präsident Infantino, Russland-Premier Putin, WM-OK-Chef Sorokin (v.l.n.r.)
AP

Fifa-Präsident Infantino, Russland-Premier Putin, WM-OK-Chef Sorokin (v.l.n.r.)

Aus Moskau berichtet


Wenn man Alexej Sorokin beim Reden zuhört, könnte man alles vergessen, was an Kritischem so über die Fußball-WM in Russland geschrieben worden ist. Unangenehme Fragen pariert der Organisationschef der WM mit einem höflichen Lächeln, bevor in seinem geschliffenen Oxford-Englisch loslegt. Sorokin bewahrt immer Form und Fassung, nie würde er öffentlich aus der Haut fahren wie sein berüchtigter Vorgänger Witali Mutko. Der hatte noch beim Confed Cup im Vorjahr einen Auftritt als Rumpelstilzchen vor der Weltpresse hingelegt.

Mutko, Ex-Sportminister, Ex-OK-Chef, Ex-Fifa-Council-Mitglied, Ex-IOC-Mitglied, agiert angesichts so vieler Ex jetzt vornehmlich im Hintergrund. Zuletzt tauchte er gemeinsam mit Joseph Blatter, Ex-Fifa-Boss, zum Stelldichein in einem Moskauer Hotel auf. Es war ein Bild mit großer Symbolkraft, wie die beiden Strippenzieher des Weltsports durch die Drehtür in die Moskauer Nacht verschwanden. Mutko ist immer noch einflussreich, aber er ist nicht mehr das Gesicht dieser WM. Das ist jetzt Sorokin, und an diesem Mittag, an dem Fifa und OK eine Zwischenbilanz des Turniers ziehen, hat er einen leichten Stand.

Ex-WM-Chef Mutko
REUTERS

Ex-WM-Chef Mutko

Es ist ein journalistischer und wohl auch menschlicher Reflex, dass bei Großveranstaltungen dieser Art im Vorfeld mit viel Kritik und Skepsis auf den Ausrichter geguckt wird und dass davon vieles in Verdrängung gerät, wenn das Turnier begonnen hat. Weil man der Faszination des Sports erliegt. Das scheint auch bei der WM in Russland wieder so zu funktionieren, bei der Pressekonferenz schwärmten einzelne Journalisten geradezu von den Bedingungen, die sie hier in Russland vorfinden. Wie denn "die Fifa sicherstellen könnte, diesen Standard auch bei künftigen Turnieren zu wahren?"

Tatsächlich ist diese WM bisher so gut wie reibungslos verlaufen. "Es gab bis jetzt keine Beschwerden", sagt Fifa-Organisator Colin Smith, und die gibt es normalerweise immer. Die Stadien sind in bestem Zustand und fast immer gut gefüllt, der Transport von Ausrichterstadt zu Ausrichterstadt läuft gut, an den Flughäfen herrscht kein Chaos, von Ausschreitungen war bis jetzt kaum etwas zu hören, die Leute in Russland nehmen das Turnier auf angenehme Art ohne großes Pathos, aber mit wohlwollender Teilnahme zur Kenntnis, das Wetter ist durchgehend schön.

"Alles läuft wie am Schnürchen"

Wenn die russische Mannschaft im anstehenden Achtelfinale auch noch Spanien schlägt, dürften russische Übersetzungen für das Wort Sommermärchen dringend gesucht werden. All das überrascht nicht unbedingt. Fifa und Russland, da haben sich zwei gesucht und gefunden. Organisieren, das können sie beide. Sorokin sagt: "Alles läuft wie am Schnürchen."

So muss man eher auf die Zwischentöne achten, auf das, was höchstens durchschimmert unter der allgemeinen Zufriedenheit. Denn all das, was vorher an Kritischem geschrieben wurde, ist ja noch da. Das Misstrauen gegenüber dem russischen Dopingsystem zum Beispiel. Ob er denn überrascht sei über das Abschneiden des russischen Teams und vor allem über die imposanten Laufwerte der Spieler der Sbornaja? Sorokin muss schon wieder lächeln: "Da habe ich doch eine gewisse Andeutung vernommen." Die Antwort lässt er versickern.

Die Fifa überprüft die WM-Zuschauer

Bei dieser WM wurde auf russisches Betreiben die sogenannte Fan-ID für die Besucher eingeführt. Nur wer sie hat, kommt ins Stadion. "Wir wollen einfach wissen, wer im Stadion ist", sagt Sorokin. Er lässt dann in einem Nebensatz noch den Umstand fallen, dass die Daten der Besucher einer "Hintergrundprüfung" unterzogen würden. Was das denn genau heiße? "Da geht es nur um ganz grundsätzliche Daten. Ob zum Beispiel die Person im Stadion schon einmal mit einer kriminellen oder terroristischen Entwicklung befasst" gewesen sei. Was mit den Daten geschieht, wenn die WM vorbei ist? "Da gibt es strikte Regeln, die beachtet werden."

Von Hooligans redet keiner mehr. Dass es Zwischenfälle gab, dass brasilianische Fans russische Frauen belästigt haben sollen, hat Sorokin bisher nicht gehört, es seien womöglich "marginale Fälle", aber wenn dies so sei, würden natürlich in jedem Fall Täter zur Rechenschaft gezogen. Sorokin bekommt immer wieder die Kurve, dem Mann ist schwer beizukommen. Der 46-Jährige war jahrelang Diplomat in Washington, da lernt man, das zu sagen, was man sagen will.

Fifa-Mann Smith präsentiert derweil die Erfolgszahlen: 2,2 Millionen Tickets, 122 Tore, die gefallen sind, nur ein 0:0, und die Fifa hat in den sozialen Netzwerken 120 Millionen Follower. Die TV-Anstalten seien auch zufrieden mit den Quoten, die höchste Einschaltquote aller Spiele hatte weltweit bislang Deutschland gegen Mexiko. Auch das noch.



insgesamt 24 Beiträge
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Nonvaio01 29.06.2018
1. Es gab nie kritik
ausser aus D. Ich lebe in Irland und verfolge auch news aus den UK und Niederlande. In diesen Laendern gab es nie kritik wie es Sie in D gab.
Raisti 29.06.2018
2.
"Die Kritik am WM-Gastgeber ist vollständig verdrängt" In den deutschen Medien merkt man davon leider wenig. Da wird man nicht müde in jedem Artikel zur WM auch nen Seitenhieb gegen Putin einzubauen egal wie passend oder unpassend der gerade ist.
In Kognito 29.06.2018
3. Merkel kennt es noch! Ganz aktuell für Deutschland!
Damals hieß es: "Von der Sowjetunion lernen, heißt Siegen lernen"! Muss M. irgendwie verpennt haben, da ja wieder deutsche Soldaten an der russischen Grenze stehen (aber kommt von da wer)? Jetzt gilt natürlich Russland - aber Flughäfen, Organisation, Bahn, Sicherheit, Armee und jetzt noch die Fußballmannschaft - alles besser. Auch die Diplomaten und Präsidenten wissen sich zu benehmen und genießen die Unterstützung der EIGENEN Bevölkerung und Achtung internationaler ZAHLENDER Gäste. Irgendwie "verkehrte" Welt - da MUSS doch was gefunden werden, für unser hohes Ross und Ego.
steingärtner 29.06.2018
4. Mutko ein Rumpelstilzchen ?
Lieber Herr Ahrens, bitte schauen sie sich einfach mal das Interview des damaligen Sportministers Miutko an, das dieser dem Herrn Seppelt über das russische Staatsdoping gegeben hat. (Ich habe den Mutko damals bewundert ob seiner Beherrschung die er gezeigt hat.) Wer sich als Minister eines großen Landes bei der peinlichen "Befragung" durch einen Amateur-Inquisitor so im Griff hat wie Mutko, ist alles, aber kein Rumpelstilzchen.
Hicham 29.06.2018
5. Hört auf mit der ständige Kritik an Russland, Türkei und China
Ich war selbt in Russland letzte Woche bei der WM in zwei Städten (Moskau und Sanktpetersburg) - Alles was ich sagen Kann: Sowohl die Organisation als auch die Infrastruktur sind TOP! Es gibt deutlich mehr FANs aus aller Welt als damals in Deutschland bei der WM 2006. Die Stimmug ist wesentlich besser! Die Russen sind echt Hifsbereit trotz aller sprachlichen Barrierern und freuen sich über alle Nationen die Russlan besuchen und geben ein sehr gutes Image über Ihr Land. Es ist echt schade dass die Kritik fast immer so subjektiv ist was Russland, China und die Türkei angeht. Wann hören Sie damit auf :( ?!
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