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Nationaltrainerin: Warum Neid bleibt

Silvia Neid bleibt Fußball-Bundestrainerin der Frauen - der Kritik am WM-Abschneiden der deutschen Elf zum Trotz. Eine richtige Entscheidung? Peter Ahrens beantwortet die wichtigsten Fragen rund um die Zukunft des DFB-Frauenteams.

DFB-Trainerin Neid: Vom Erfolg verlassen Fotos
dapd

Am Ende ging es dann doch ganz schnell. Noch am Mittwochmorgen hatte Silvia Neid davon gesprochen, sie benötige mehrere Wochen des Nachdenkens über die Frage, ob sie weiter Bundestrainerin der Fußballfrauen sein möchte. Am Abend dann teilte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) offiziell mit, dass Neid ihren vor der WM bis 2016 verlängerten Vertrag erfüllen werde.

Neid wird demnach für den Neuanfang nach dem schwachen Abschneiden des deutschen Teams bei der Heim-WM verantwortlich sein. Die Europameisterschaft 2013 ist das nächste große Turnier, da die Mannschaft durch ihr WM-Ausscheiden im Viertelfinale auch die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2012 verpasste. Die Kritik an der Bundestrainerin wird nach der überraschend schnellen Entscheidung des DFB allerdings nicht sofort verstummen.

Ist es gut, dass Neid Bundestrainerin bleibt?

Die Heim-WM war der erste schwere Rückschlag in Neids Trainerkarriere: Davor führte sie das Team zur Weltmeisterschaft (2007), zur Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen (2008) und zum Europameistertitel (2009). Die Verdienste der Vorjahre sind denn auch das stärkste Argument, das für sie spricht. Zudem dürfte das vorzeitige Ausscheiden auch bei der Trainerin neue Motivation für die nächsten Herausforderungen geschaffen haben. Es geht um Wiedergutmachung. Neid müsste dann allerdings beweisen, dass sie aus dem WM-Desaster - und nichts Geringeres ist es, wenn der Titelverteidiger im eigenen Land in der ersten K.o.-Runde scheitert - lernt. Dazu gehört vor allem die Erkenntnis, eigene Fehler gemacht zu haben. Diesen Eindruck, so weit zu sein, erweckte Neid zuletzt noch nicht.

Wie kam es zu der überraschend schnellen Entscheidung zugunsten Neids?

Es spricht einiges dafür, dass der DFB die "Personalie Neid" schnell klären wollte und entsprechend Druck gemacht hat. Die Kritik an der Trainerin hatte in den Tagen zuvor an Heftigkeit zugenommen. Das Thema drohte, die Endphase des WM-Turniers medial in den Schatten zu stellen. Nachdem bereits der WM-Auftakt durch die DFB-Entscheidung in Sachen Michael Ballack überlagert worden war, wollte man die WM offenbar nicht durch ein weiteres DFB-internes Thema belasten. Zudem befürchteten DFB-Boss Theo Zwanziger und sein Generalsekretär Wolfgang Niersbach, dass bei einer wochenlangen Hängepartie auch der Verband zunehmend in die Kritik geraten wäre. Neid selbst hatte zuvor mehrfach betont, dass sie Zeit für die Entscheidung brauche.

Kam ein Rücktritt Neids überhaupt ernsthaft in Betracht?

Direkt nach dem Viertelfinal-Aus hat die Trainerin jeden Gedanken an Rücktritt noch weit von sich gewiesen. Sie habe "überhaupt keine Motivationsprobleme", sagte sie bei der Abschluss-Pressekonferenz. Eigene Fehler könne sie nicht erkennen, sie habe sich keine Vorwürfe zu machen. Umso überraschender wirkte es, dass sie nur zwei Tage später plötzlich selbst Rücktrittsgedanken äußerte. Die Kritik an ihrer Person hat sie offenbar überrascht, aber auch getroffen. Neid kokettierte zudem öffentlich mit anderen Angeboten aus dem In- und Ausland, als sei sie auf den Bundestrainer-Job nicht angewiesen. Die schnelle Entscheidung spricht allerdings sehr dafür, dass Neid grundsätzlich nicht ans Aufhören gedacht hat.

Was wird Neid im Zusammenhang mit dem vorzeitigen WM-Aus vorgeworfen?

Die Kritik an Silvia Neid macht sich an vier Punkten fest: So wird ihr erstens zur Last gelegt, das Team zu wenig auf die immense Aufmerksamkeit und auf den hohen Erwartungsdruck bei einer Heim-WM vorbereitet zu haben. Zweitens soll sie im Spiel gegen Japan personelle und taktische Fehlentscheidungen getroffen haben. Im Fokus steht drittens auch ihr Umgang mit Rekord-Nationalspielerin Birgit Prinz. Kritiker haben sich darüberhinaus daran gestört, dass sie nach dem Ausscheiden zunächst keinerlei Selbstkritik erkennen ließ.

Hat Silvia Neid im Viertelfinal-Spiel gegen Japan tatsächlich Fehler gemacht?

Ja. Ihre Strategie, die Japanerinnen nahezu ausschließlich durch hohe Flanken in den Strafraum zu beschäftigen, erwies sich als wirkungslos. Die Abwehr der Asiatinnen hatte sich schnell darauf eingestellt. Die Maßnahme, Außenverteidigerin Linda Bresonik schon nach wenigen Minuten ins Mittelfeld zu ziehen, wo sie die verletzte Kim Kulig ersetzen sollte, brachte nichts ein. Statt eine weitere Offensivkraft zu bringen, wechselte Neid in der zweiten Halbzeit die ebenfalls defensiv orientierte Lena Goeßling gegen Bresonik ein. Die Angreiferinnen Birgit Prinz und Fatmire Bajramaj beließ sie dagegen 120 Minuten auf der Bank.

War Neids Umgang mit Birgit Prinz klug?

Er war zumindest ungeschickt. Entweder sieht Neid frühzeitig, dass ihre Kapitänin nicht in WM-Form ist. Dann stellt sie sie nicht als Führungsfigur in den ersten beiden Partien auf, um sie danach erst aus der Mannschaft zu nehmen. Oder sie glaubt an die Fähigkeiten der 33-jährigen Rekord-Nationalspielerin. Dann vertraut sie ihr auch im weiteren Turnierverlauf oder bringt sie zumindest als Offensiv-Joker gegen die Japanerinnen, als klar war, dass vorne nicht viel lief. Da die Herausnahme von Prinz vor dem Frankreich-Spiel in Absprache mit der Stürmerin erfolgte, kann man allerdings nicht wirklich von einer Demontage der Kapitänin durch Neid reden, wie es einzelne Kritiker getan haben. Prinz selbst hat Neid am Donnerstag erstmals kritisiert. Die Bundestrainerin hätte sich "klarer zu mir oder klarer gegen mich positionieren müssen", sagte sie. "Sie hat sich einerseits zu mir gestellt, aber andererseits durch die Auswechslungen gleichzeitig wieder zum Abschuss freigegeben", so Prinz. Grundsätzlich sei es zwischen ihr und Neid "kommunikativ nicht optimal gelaufen".

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1.
Reg Schuh 14.07.2011
Es ist IMMER Unfug, wenn ein Trainer geht, weil die Mannschaft mal nicht Meister geworden ist.
2. Neid
crocodil 14.07.2011
hat ja rechtzeitig ihren Vertrag bis 2016 unterschrieben. Jedes Jahr 700 000 € , ist doch erstaunlich, wie man so was noch sponsert, genau wie M.Schuhmacher, der nur aus Spass mitfährt und sein Millionengehalt einfach mitnimmt- Braucht ja auch ein bischen was für seine Villa in der Schweiz.
3.
storchenfreund 14.07.2011
Zitat von sysopSilvia Neid*bleibt Fußball-Bundestrainerin der Frauen*- der Kritik am WM-Abschneiden der deutschen Elf zum Trotz. Eine richtige Entscheidung? Peter Ahrens beantwortet die wichtigsten Fragen rund um die Zukunft des DFB-Frauenteams. http://www.spiegel.de/sport/0,1518,774134,00.html
Soll sie in Gottes Namen bis 2016 bleiben, dann gibt es auch keine Diskussionen über eine Abfindung, die sie bei vorzeitiger Vertragsauflösung über den Tisch gegangen wäre. Was den DFB geritten hat, den Vertrag 5 Tage vor der WM bis 2016 zu verlängern, wird sein ewiges Geheimnis bleiben. Vielleicht war es die vorweg genommene Belohnung für den WM-Titel 2011 und die Olympia-Qualifikation für 2012.
4. Das Gesetz des Marktes richtet sich nun gegen Zwanziger!
flötrolf 14.07.2011
Zitat von sysopSilvia Neid*bleibt Fußball-Bundestrainerin der Frauen*- der Kritik am WM-Abschneiden der deutschen Elf zum Trotz. Eine richtige Entscheidung? Peter Ahrens beantwortet die wichtigsten Fragen rund um die Zukunft des DFB-Frauenteams. http://www.spiegel.de/sport/0,1518,774134,00.html
Unter normalen Bedingungen muss Frau Neid als verbrannt gelten. Die Fehler sind nicht nur am Japan-Spiel festzumachen. Die Mannschaft war insgesamt technisch in einem extrem schlechten Zustand für die größte Veranstaltung dieser Sportart! Aber viel schwerer wiegen die taktischen Fehler: In der Verteidigung spielt eine Frau Krahn mit dem technisch/taktischen Verständnis einer Abrißbirne. Nach-vorne-bewegung = Null! Die Torhüterin war häufig undisponiert, die nachrückenden Spitzen gab es nicht, weil die Spielmacherin, Frau Laudehr, auch auf der "6" spielen musste. Das Bindeglied nach vorne existierte nicht! Also, es gibt viel Arbeit! Ob so ein undisponierter, künstlich cooler Sauertopf wie Frau Neid die Richtige dafür ist. Da bestehen doch extreme Zweifel. Fußball ist Begeisterung, Motivation, Feuer und Leidenschaft. Frau Neid hat das nicht! Ich fürchte, der gute Draht zu Herrn Zwanziger ist etwas zu dünne. Randsportart festgeschrieben! Abhaken!
5. Da hat...
blurps11 14.07.2011
...Herr Ahrens aber noch ein paar wesentliche Punkte vergessen. - taktische und technische Rückentwicklung der Mannschaft zu einer reinen Treter- und Dauerläufertruppe - viele wunderliche Personalentscheidungen bei Kader und Aufstellungen, die im Gegensatz zum Bundesjogi fast nie aufgehen - heftiger Zwist mit der Liga wegen dem Megatrainingslager, der Misserfolg wurde mit einiger Häme aufgenommen Vor vier Jahren hätte das Überrennen des Gegners ohne Rücksicht auf Verluste sicher noch gereicht, diesmal offensichtlich nicht. Neid und der Rest des Funktionsteams müssen sich nun Fehler eingestehen und eine tragfähige *Spiel*idee für die Zukunft entwerfen. Sonst war dieses Viertelfinalaus nur der Anfang vom Ende. Immerhin ist eine Spielerflaute wie bei den Männern um die Jahrtausendwende nicht zu befürchten, ganz im Gegenteil.
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Chronologie: Frauenfußball in Deutschland
Vor 1950
1930: Charlotte "Lotte" Specht gründet den ersten Frauen-Fußballverein in Deutschland, den 1. Damen-Fußball-Club Frankfurt. Der Verein löst sich aufgrund großer Widerstände und mangelnder Unterstützung durch den Deutschen Fußball-Bund (DFB) nach einem Jahr wieder auf.
Fünfziger Jahre
Die ersten Frauenmannschaften organisieren sich einige Jahre nach dem Krieg, fristen aber noch ein Schattendasein.

1955: Auf dem DFB-Bundestag am 30. Juli in Berlin untersagt der Verband seinen Vereinen, Damenfußball-Abteilungen zu gründen oder aufzunehmen.

1956: Am 13. September bestreitet eine deutsche Damenfußball-Auswahl das erste (inoffizielle) Länderspiel in Essen. Vor 18.000 Zuschauern besiegt Deutschland die Niederlande 2:1.
Sechziger Jahre
Der DFB weicht sein Verbot des Damenfußballs auf.

Siebziger Jahre
1970: Der DFB gibt seinen Widerstand auf. Beim Bundestag am 30. Oktober in Travemünde fasst er den Beschluss, Frauen das Fußballspielen zu erlauben. Längst gibt es zahlreiche Vereine und Auswahlmannschaften, die inoffizielle Länderspiele bestreiten.

1973: Ohne Zustimmung des DFB wird der "Goldpokal" - Vorläufer der deutschen Meisterschaft - zwischen den Meistern einiger Landesverbände ausgespielt. Sieger wird der TuS Wörrstadt mit einem 3:1-Finalsieg gegen Bayern München am 29. September.

1974: Wörrstadt wird erster offizieller deutscher Frauenfußball-Meister. Bärbel Wohlleben geht als erste Torschützin des Monats bei der Wahl in der ARD-"Sportschau" in die Geschichte ein.
Achtziger Jahre
1980/81: Der DFB-Pokal der Frauen wird eingeführt: Erster Titelträger ist die SSG Bergisch-Gladbach.

1982: Die von Gero Bisanz betreute Nationalelf bestreitet am 10. November in Koblenz ihr erstes offizielles Länderspiel gegen die Schweiz. Die heutige Bundestrainerin Silvia Neid steuert zwei Tore zum 5:1-Sieg bei.

1984:Die erste (noch inoffizielle) Europameisterschaft findet statt. Es gibt allerdings noch keine Endrunde in Turnierform. Den Titel sichert sich Schweden in den Finalspielen gegen England. Beide Teams gewinnen zu Hause jeweils 1:0. Im Elfmeterschießen setzt sich Schweden 4:3 durch.

1989: Deutschland wird durch ein 3:1 nach Verlängerung gegen Norwegen zum ersten Mal Europameister - es folgen bis 2009 sechs weitere Titel: 1991, 1995, 1997, 2001, 2005 und 2009.
Neunziger Jahre
1990: Erstes und einziges Frauen-Länderspiel der DDR. Die Auswahl verliert am 9. Mai in Potsdam 0:3 gegen die CSFR.

1991: In China findet die erste Frauen-Weltmeisterschaft statt: Das DFB-Team wird nach einem 0:4 gegen Schweden im Spiel um den dritten Platz Vierter. Die USA holen den Titel durch ein 2:1 gegen Norwegen.

1995: Deutschland wird in Schweden Vizeweltmeister. Den Titel gewinnt Norwegen.

1996: Frauenfußball ist erstmals olympisch. Deutschland scheidet in Atlanta in der Vorrunde aus. Danach übernimmt Tina Theune-Meyer das Traineramt.

1997: Die eingleisige Bundesliga startet. Erster Meister wird der FSV Frankfurt.
Nullerjahre
2000: Die deutsche Elf belegt bei den Olympischen Spielen in Sydney den dritten Platz. Gold geht mit einem 3:2-Sieg nach Verlängerung an Norwegen, Silber an die USA.

2002: Der 1. FFC Frankfurt gewinnt als erster Verein den neu eingeführten Uefa-Pokal für Frauen.

2003: Nia Künzer sichert der DFB-Elf in den USA mit ihrem Golden Goal zum 2:1 nach Verlängerung im Finale gegen Schweden den ersten WM-Titel.

2007: Deutschland wird in China zum zweiten Mal Weltmeister: Im Finale gegen Brasilien gewinnt die DFB-Elf 2:0.

2011: Die WM findet vom 26. Juni bis 17. Juli erstmals in Deutschland statt.

Quelle: dpa

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