Der Weg zu Gott führt über einen gebührenpflichtigen Anruf. Wer in diesen Tagen die mit 01803 beginnende Nummer anwählt, erhält die notwendige Wegbeschreibung. 134 Seiten lang, diesmal umsonst. Der Titel: "Kraft zum Leben". Nie war es so einfach, ein Christ zu werden.
Der Engel im Call-Center bittet allerdings um Verständnis: Derzeit müsse jeder Anrufer mit vier bis sechs Wochen Lieferzeit rechnen. Die gerade in Deutschland laufende Werbekampagne habe eine starke Nachfrage geweckt ganz so, wie man es sich gewünscht habe. "Tja", frohlockt die Dame, "die geben ganz schön Gas." Aber wer "die" sind, darüber sei sie "nicht befugt zu reden".
Schlagersänger Sir Cliff Richard und der ehemalige Weltklasse-Golfer Bernhard Langer gehören jedenfalls dazu. In TV-Spots, in Zeitungsbeilagen und auf Plakaten in deutschen Städten verkünden sie, bereits den Weg zu Gott gefunden zu haben. Den einen ("Rote Lippen soll man küssen") trägt die Frömmigkeit in neue Hitparaden-Höhen, den anderen stützt der Herr beim Einlochen: "Ein fester Glaube hilft im Leben, aber natürlich auch im Golf." Und wenn mal wieder der Yips, das berüchtigte nervöse Zittern auf dem Grün, mächtiger ist, tröstet Meister Langer die Gewissheit, "dass Gott mich liebt, auch wenn ich nicht siege".
So ist Gott eben. Und alle sollen erfahren, wie es geht: einfach "Kraft zum Leben" bestellen und lesen. Keine Kosten, kein Vertreterbesuch, keine Sektenwerber an der Haustür. Nur eins irritiert: Der scheinbar selbstlosen Gotteswerbung Medien-Experten schätzen das Volumen auf fünf Millionen Euro fehlt ein deutlicher Hinweis auf ihren Urheber, die "Arthur S. DeMoss-Stiftung" in Palm Beach, Florida. Der Anrufer erfährt wenig: "Wir sind keine Sekte, aber wir können nicht sagen, was wir sind. Wir suchen keine Öffentlichkeit."
DeMoss verdiente Hunderte Millionen Dollar im Versicherungsgeschäft. Er galt als einer der Pioniere im Direkt-Marketing. Bevorzugt versicherte er konservative Christen mit einem Lebensstil frei von Alkohol, Nikotin und Ausschweifungen also mit geringem Risiko. Die Hälfte seines Einkommens floss in seine Mission.
Er war eine treibende Kraft der evangelikalen Kampagne "I Found It!" in den frühen siebziger Jahren und berüchtigt für seine Bekehrungsanstrengungen unter Geschäftsleuten, die er für ein vernachlässigtes Missionsfeld hielt. Sein Testament er starb 1979 mit 53 Jahren auf einem Tennisplatz verpflichtet die Erben, weiterhin weltweit Propaganda für Gott zu machen.
Zu den bevorzugten Nutznießern von DeMoss-Geld zählt das "Amerikanische Zentrum für Ordnung und Recht", das gegen Schwulen-Ehen kämpft, Abtreibungsgegner verteidigt und Schulprediger fördert. Etwa neun Millionen Dollar spendierte die Stiftung für eine Kampagne, die Jugendliche vom vorehelichen Sex abhalten sollte ("You're worth waiting for"). Andere Geldempfänger sind Abtreibungsgegner-Organisationen, Anti-Pornografie- und Anti-Schwulen-Gruppen. Angesichts eines Vermögens von rund 450 Millionen Dollar zahlt die Stiftung die sündhaft teure Werbekampagne in Deutschland aus der Portokasse. Ähnliche Aktionen wurden zuvor schon in zehn Ländern finanziert.
Der deutsche Golfprofi Langer, versichert sein Management, bekomme für seinen Werbeauftritt von der DeMoss-Family kein Geld. Schließlich stehe er selbst voll und ganz hinter der "Kraft zum Leben". Die Thesen, predigt der Golfer in einem Buchkapitel, entsprächen eigener Erfahrung: "Äußerlich fehlte mir nichts: Geld, Häuser, Autos und eine hübsche junge Frau; alles toll, alles wunderschön. Und trotzdem fehlte mir was."
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Die platten Sprüche waren deutschen Evangelikalen zu altbacken. Bei der Suche nach Verbündeten platzten schon sicher geglaubte Allianzen mit hiesigen christlichen Erweckungsgruppen. Die Deutschen hätten gern die durch die Werbung Angesprochenen in ihren Gruppen organisiert. Der Christliche Medienverbund in Wetzlar wies den für die deutsche Kampagne zuständigen Stiftungsdirektor, Gründer-Bruder Robert DeMoss, zudem darauf hin, dass man die Deutschen nicht in gleicher Art wie die Amerikaner ansprechen könne. DeMoss aber habe sich als "beratungsresistent" erwiesen und keine Textveränderungen zugelassen.
DeMoss behauptet, es gehe nur darum, den Menschen das Buch nahe zu bringen. "Es ist eine einfache Botschaft in einer komplexen Welt, von der wir glauben, dass sie die Welt für alle besser und freundlicher macht."
PETER WENSIERSKI
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