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09.08.2004
 

Olympia-Historie

Olive schlägt Sellerie

Von Harald Martenstein

Viele Mythen umranken die Olympischen Spiele. Etwa, dass ursprünglich nur Amateure am Start waren oder während der Wettkämpfe die Waffen ruhten - alles falsch. In einer dreiteiligen Serie wird mit den Legenden aufgeräumt. Heute: Körperertüchtigung zu Ehren des Zeus und Wollkämmen für die Mädchen.

Mythos: Im antiken Olympiastadion ist selbst die in Sand eingelassene steinerne Startlinie der Läufer noch erhalten
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Berthold Steinhilber für GEO EPOCHE

Mythos: Im antiken Olympiastadion ist selbst die in Sand eingelassene steinerne Startlinie der Läufer noch erhalten

Mit einem Zeus-Altar hat die Sache wahrscheinlich angefangen. Olympia war ein Zeus-Heiligtum. Zu dem Heiligtum gehörten dann später ein Orakel, über das wenig bekannt ist, sowie die Olympischen Spiele. Wenn wir an das alte Olympia denken, machen wir uns meistens falsche Vorstellungen. Zum Beispiel: Die Athleten waren Amateure. Oder: Teilnahme war wichtiger als Sieg. Oder: Es gab keinen politischen Einfluss auf die Spiele. Mit anderen Worten, wir Leute von heute glauben, dass unsere modernen Spiele verdorben und korrupt sind, während im alten Griechenland edle Menschen im Glauben an edle Ideale edle Dinge taten. Ganz falsch.

Im Hain von Olympia standen viele Statuen. Wer sich dem antiken Olympia näherte, sah im Park neben den Sportanlagen und den Tempeln nicht nur Statuen der Götter, sondern auch Statuen von Olympiasiegern. Sieger hatten das Recht darauf, verewigt zu werden. Manchmal wurde die Statue von deren Heimatstadt bezahlt. Seltsamerweise sahen sich die Statuen der Sieger einander alle ähnlich, fast wie Klone. Erst nach dem dritten Sieg durfte der Kopf einer Siegerstatue individuelle Züge tragen, und drei Siege schafften nur wenige.

Außerdem sah der Besucher Kriegsdenkmäler. Säulen und Tempel mit Bildern von Kriegern, mit erbeuteten Waffen und Rüstungen. Sonderbar - überall in Olympia wurden die Besucher an Schlachten und Krieg erinnert. Das würden wir heute, bei unseren Spielen, niemals zulassen. Olympia war eben ein guter Ort für politische Propaganda. Einige Städte, Elis, Syrakus und andere, ließen dort Denkmäler zu ihrem Ruhm errichten und unterhielten "Schatzhäuser" mit kostbaren Weihgaben, eine Art ständige Vertretung.

"Olympischer Friede" herrschte nur in der Theorie. Die Praxis sah so aus, dass Athleten und Besucher auf der Reise zu den Spielen nicht angegriffen wurden. Angeblich ging dies auf einen uralten Vertrag zurück, dessen Text die Veranstalter ihren Gästen gern zeigten. Der Vertrag stand auf dem olympischen diskos. Der Diskos war allerdings eine Fälschung.

Wegen eines kleinen Krieges irgendwo in der Nähe ließen die Griechen ihre Spiele nicht gleich ausfallen. Nicht mal ein großer Krieg störte sie. Als die Perser 480 v. Chr. in Richtung Athen vorrückten, registrierten sie irritiert, dass nicht wenige ihrer Gegner zu einem Sportfest reisten, statt sich für die Schlacht zu rüsten.

In Olympia traf sich alle vier Jahre ganz Griechenland. Wissenschaftler, Künstler, Politiker. Die Sportler traten im Namen ihrer Heimatstadt an, die sie im Falle eines Sieges mit Ehrungen überschüttete. Berühmte Dichter wie Pindar schrieben, gegen Honorar, Loblieder auf die Athleten. In Athen durften Olympiasieger zeitlebens gratis im staatlichen Banketthaus essen, unter Solon bekamen sie in Athen als Prämie den Gegenwert einer 500-köpfigen Schafherde.

Sieger wurden bei ihrer Heimkehr mit einer Art Konfettiparade gefeiert, bei der Blumen und Blätter durch die Luft flatterten. Für ihren triumphalen Einzug wurde mancherorts eine Bresche in die Stadtmauer gebrochen, sie bekamen einen Ehrenplatz im Theater und gehörten bis an ihr Lebensende zum städtischen Establishment. Olympiasiege waren auch immer gut für eine anschließende Karriere als Politiker.

Nur der Sieg zählte. Ein zweiter Platz war nichts wert. Teilnahme ist wichtiger als Sieg? Über diesen Satz hätte ein griechischer Sportler gelächelt. Bekanntlich bezeichnet das Wort "Olympiade" den zeitlichen Abstand zwischen zwei Olympischen Spielen. Wer das falsch macht, kann sich damit trösten, dass sogar Pindar und Herodot in dieser Hinsicht gelegentlich Verwechslungen unterliefen.

Flammender Appell: Es werde Licht!
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REUTERS

Flammender Appell: Es werde Licht!

Startberechtigt waren nur Männer, selbstverständlich nur Griechen, sofern sie nicht des Mordes oder Tempelraubes schuldig waren. 50.000 Besucher kamen, vielleicht mehr. Olympia lag seit 570 v. Chr. auf dem Gebiet der später gegründeten Stadt Elis, die in den Kriegen meistens mit Sparta verbündet war. 402 v. Chr. muckte Elis gegen Sparta kurz auf, verlor und musste einige Gebiete abgeben. Olympia durfte es behalten.

Die Verwaltung des Heiligtums organisierte die Spiele offenbar zur allgemeinen Zufriedenheit, trotz der stets wiederkehrenden Klagen über Souvenirjäger und Diebe, die Weihgeschenke aus den Tempeln von Olympia stahlen - so etwas lässt sich einfach nie ganz vermeiden. Sportfeste und Wettkämpfe gehörten bei den Griechen zum Leben. Es gab sogar einen Wettstreit im Wollkämmen für Mädchen. Agone, Sportfeste, waren immer mit einem Kult verbunden und fanden in einem Heiligtum statt. Sie dienten gleichzeitig dem Gottesdienst, der Geselligkeit und der Unterhaltung.

Vier Sportfeste unter den rund 300, die man heute noch kennt, galten als besonders wichtig: die von Delphi, Isthmia, Nemea und Olympia. Bei diesen vier "Kranzspielen" gab es für den Sieger nur einen Kranz, keinen Geldpreis wie anderswo üblich. In Delphi war der Kranz aus Lorbeer, in Olympia aus Olivenzweigen, in Isthmia aus Fichte und in Nemea, besonders reizvoll, aus Sellerie. Wer alle vier Spiele gewonnen hatte, sozusagen den Grand Slam, durfte sich periodonike nennen. Weshalb gerade Olympia das wichtigste Sportfest wurde, wissen wir nicht genau. Hing es mit dem olympischen Frieden zusammen? Mit dem geschickten Management der Eleer? Eine Siegerliste existiert seit 776 v. Chr., aber sie ist wohl eine Fälschung. Wahrscheinlich sind die Spiele einige Jahrzehnte jünger.

Höhenflug: Modernes Luftgefährt hinter dem Hadriansbogen
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Höhenflug: Modernes Luftgefährt hinter dem Hadriansbogen

Angefangen hat es wohl als regionale Veranstaltung. Zunächst gab es auch nur eine Disziplin, den Stadionlauf, der erste Sieger soll ein Koch gewesen sein. Dann wurde das Programm schrittweise ausgeweitet, und die Spiele wurden so attraktiv, dass sie sogar Sportler aus den griechischen Überseegebieten anzogen.

Zehn Monate vor dem großen Fest wurden die Kampfrichter, die hellanodikai, durch Los ermittelt. In den folgenden Monaten studierten sie die Regeln. In der frühen Zeit war es erlaubt, dass sie auch an den Spielen teilnahmen. Die Griechen brauchten ein paar hundert Jahre, bis sie erkannten, wie peinlich das ist.

Gelegentlich tauchten Gerüchte über die Bestechlichkeit von Richtern auf. Sie verhängten Bußgelder, mit deren Hilfe dann nach den Spielen Zeus-Statuen errichtet wurden, obwohl es ja eigentlich schon sehr viele Zeus-Statuen in Olympia gab. Wie sahen strafwürdige Vergehen aus? Der Boxer Apollonios aus Alexandria kam zu spät und entschuldigte sich mit widrigen Winden. In Wahrheit hatte er unterwegs noch schnell ein paar gut bezahlte Profikämpfe absolviert. Er wurde von den Spielen ausgeschlossen.

Lesen Sie morgen im zweiten Teil der Olympia-Serie, welch drakonische Strafe Athleten erwartete, die einen Fehlstart verursachten.

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