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11.08.2004
 

Olympia-Historie

Einsatz bis in die Eingeweide

Von Harald Martenstein

Verglichen mit der Antike sind die heutigen Olympischen Spiele eine Art Kaffeekränzchen im Stadion. Ausgeschlagene Zähne oder schwere Verletzungen waren an der Tagesordnung. Bei den Kampfsportlern ging es zuweilen sogar um Leben und Tod.

Kult: Der Legende nach wurden die Olympischen Spiele erstmals 776 v. Chr. ausgetragen - als Fest zu Ehren des Zeus
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Berthold Steinhilber für GEO EPOCHE

Kult: Der Legende nach wurden die Olympischen Spiele erstmals 776 v. Chr. ausgetragen - als Fest zu Ehren des Zeus

Populär waren die Boxer. Der antike Boxkampf wurde ohne Handschuhe ausgetragen, stattdessen trugen die Kämpfer Lederriemen um die Fäuste, deren scharfe Kanten beim Gegner blutende Wunden verursachten. Gezielt wurde vornehmlich, vielleicht sogar ausschließlich, auf den Kopf. Ausgeschlagene Zähne wurden von den Boxern meist unauffällig heruntergeschluckt, um dem anderen kein Gefühl der Überlegenheit zu geben. Die demolierte Physiognomie der Boxer war in der Antike ein beliebtes Thema von Spottgedichten.

Augenauskratzen war allerdings ausdrücklich verboten. Der Kampf endete mit K.o. oder mit Aufgabe. Wer den Gegner auf faire Art tötete, ging straffrei aus. Ein Boxer, der seinem Widersacher die Fingernägel in den Leib grub, ihm die Eingeweide herausriss und ihn so umbrachte, wurde allerdings disqualifiziert - dieses so genannte "Graben" galt in allen Kampfsportarten als ausgesprochen unfair.

Ringen war in Athen und anderswo Gymnasiumsfach, Ringer hatten ein besseres Image als Boxer. Beißen galt im Ringsport ausdrücklich als verboten, erlaubt aber war es, dem Gegner einen Arm oder Finger umzudrehen. Gekämpft wurde im Stehen, so lange, bis einer der Ringer seinen Gegner dreimal zu Boden geworfen hatte. Gewichtsklassen gab es nicht, deswegen hatten nur schwere Männer im Kampfsport eine Chance. Antike Ringer ähnelten japanischen Sumoringern. Allerdings sind Sumokämpfe meist kurz. Antike Ringkämpfe dagegen konnten sehr lange dauern. Der berühmteste Athlet des Altertums war ein Ringer. Milon von Kroton siegte sechsmal in Olympia und insgesamt 32-mal bei Kranzspielen. Er soll ein gigantischer Fettkloß gewesen sein, der täglich mehr als acht Kilo Fleisch wegputzte.

Pankration, Allkampf, war eine Art Catchen. Ringen, Boxen, Kinnstöße, Würgen, Knochenbrechen - alles war erlaubt, natürlich wieder mit Ausnahme des Beißens und des Grabens, wozu auch das Augenausstechen mit dem Finger gehört. Arrhachion aus Phigaleia dürfte in dieser Disziplin der berühmteste Champion gewesen sein. Er war bereits zweimal zum Olympiasieger erklärt worden, als er bei seinen dritten Spielen im Finale in einem aussichtslosen Würgegriff steckte. Statt aufzugeben, renkte der sterbende Arrhachion seinem Gegner in einem letzten Aufbäumen einen Zeh aus. Der Gegner, der nicht ahnte, wie schlecht es um seinen Widersacher stand, gab auf. Der tote Arrhachion wurde von den Kampfrichtern zum Sieger erklärt.

Der Fünfkampf bestand aus Ringen, Speerwurf, Diskuswurf, Weitsprung und Laufen - als Einzeldisziplinen gab es Werfen und Springen nicht. Es wäre natürlich interessant, zu erfahren, wie weit die Griechen geworfen haben oder gesprungen sind. Aber das wurde damals fast nie festgehalten. Wichtig war allein der Sieger, nicht die Leistung.

Im Diskuswerfen haben sie wohl etwa 35 Meter geschafft, wobei Größe und Gewicht der Scheibe nur vage festgelegt waren. Im Weitsprung benutzten sie Sprunggewichte, kleine Hanteln von einem bis 4,5 Kilogramm Gewicht, man sprang zu aufmunternder Musikbegleitung und aus dem Stand. Es wurden, wie heute im Dreisprung, mehrere Sprünge hintereinander absolviert, die genaue Zahl ist unbekannt. Sieger schafften insgesamt mehr als 16 Meter.

Athletisch: Griechische Statue eines Diskuswerfers vor den olympischen Ringen des antiken Stadions in Athen
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DPA

Athletisch: Griechische Statue eines Diskuswerfers vor den olympischen Ringen des antiken Stadions in Athen

Beim Pferdesport galt nicht der Jockey oder Wagenlenker als Sieger, sondern der Besitzer des Rennstalls. Disziplinen für Stuten, Fohlen, Maultiere, für Zwei- und Vierspänner: Die Pferderennen waren der verwirrendste Teil des Programms, und sie waren nur etwas für Reiche. Nur hier konnten auch Frauen Olympiasieger werden, sofern ihnen ein Rennstall gehörte. Gelungen ist das zum Beispiel der Spartanerin Kyniska. Oder Belastiche, der Mätresse eines ägyptischen Pharao. Unfälle waren üblich und erhöhten die Attraktivität der Wagenrennen.

Lange Zeit, fast 150 Jahre, dominierte Sparta die Spiele. Die Wehrertüchtigung spartanischer Knaben trug Früchte. Die anderen Athleten reisten einzeln an, die Spartaner kamen als geschlossenes Team. Sie setzten neue Disziplinen durch, in denen sie sich Erfolge erhoff-ten - zum Beispiel Langlauf und Fünfkampf. Es war wie heute: Ein besonders mächtiger und erfolgreicher Sportverband übt Druck aus und hat damit Erfolg.

Auf Spartas Einfluss ging möglicherweise zurück, dass die Sportler nackt antraten. Den anderen Griechen war die Nacktheit anfangs eher peinlich. Im Jahr 594 v. Chr. hatte Athen genug von den Siegen der Spartaner und ließ ein Sportförderungsprogramm in Kraft treten. Talentierte Knaben wurden systematisch für Olympia fit gemacht. Es klappte, die Zahl der spartanischen Sieger ging zurück. Es kam vor, dass Städte Siegeskandidaten bei der Konkurrenz abwarben. Ein Topathlet namens Astylos siegte zuerst für Kroton, vier Jahre später trat er für das offenbar wohlhabendere Syrakus an - und gewann. In Kroton beschlagnahmten sie daraufhin sein Haus und zerstörten seine Statuen.

Heiße Sache: Fackelzeremonie mit der olympischen Flamme
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AFP

Heiße Sache: Fackelzeremonie mit der olympischen Flamme

Dass Gegner bestochen waren, lag ebenfalls im Bereich des Möglichen. Der Boxer Eupolos aus Thessalien flog in Olympia auf, nachdem er drei Widersacher fürs Verlieren bezahlt hatte, darunter den Sieger der letzten Spiele. Als Rom zur Supermacht und zum Beherrscher Griechenlands aufstieg, ließen sich manchmal auch römische Teilnehmer in Olympia blicken, oft Prominente wie der spätere Kaiser Tiberius.

Auch Kaiser Nero war ein großer Sportfan. So kam es, dass für Nero die Spiele um zwei Jahre vorverlegt wurden, damit sie besser in seinen Terminkalender passten, und dass er zum Sieger im Wagenrennen erklärt wurde, obwohl der Kaiser, der selbst lenkte, gestürzt war und nicht einmal das Ziel erreichte. Nero zuliebe wurde sogar Singen zur olympischen Disziplin erklärt. Für das Image von Olympia müssen solche Manöver mindestens ebenso übel gewesen sein wie heute Dopingskandale. Das Bestechungsgeld, das dabei floss, soll eine Million Sesterzen betragen haben. Neros Begeisterung für Griechenland war so groß, dass er dieser nun römischen Provinz sogar die Freiheit schenkte - eine Maßnahme freilich, die nach Neros Sturz von den Römern rasch wieder zurückgenommen wurde.

Ein anderer römischer Kaiser, Theodosius, hat die Spiele im Jahr 393 verboten. Sie seien heidnisch. Die Tradition wurde trotzdem noch eine Weile fortgesetzt, bis sie irgendwann erlosch. Und heute? Heute denken wir tatsächlich, dass damals, bei den Griechen, die Welt noch in Ordnung war. Im Jahre 1612 wurde wahrscheinlich zum ersten Mal der Versuch unternommen, die Olympischen Spiele der Antike wiederzubeleben. Der Engländer Robert Dover veranstaltete, in der Nähe von Birmingham, die "Olimpick Games upon Cotswold Hills". Auf dem Programm standen Froschhüpfen, Hasenjagd, Schach und Windhundrennen. Auch keine schlechte Idee.

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