Von Achim Achilles
Mona geht ins Fitness-Studio, mindestens zweimal die Woche. Fitness-Studio ist wie Frauenzeitschrift. Die immer gleiche Story wird immer neu erzählt: ohne Mühe neuer Mensch. Der heißeste Trend ist Xco, was woanders Flexi-Bar heißt. Berti Vogts wirbt für Xco und den Flexi-Bar, trotzdem glaubt Mona dran. Der Flexi-Bar ist ein dünner Metallstab von eineinhalb Metern Länge, also genauso hoch wie Vogts, aber mit Gewichten an den Enden. Das Ding muss man zum Wackeln bringen. Die Wackelwellen rütteln den Körper und vor allem jene teigigen Lappen durch, die sich gern an den Oberarmen reiferer Frauen ablagern.
"Mehr Staubsaugen. Oder die Bierkästen selbst tragen, anstatt sie von Ahmed liefern zu lassen", habe ich, der einfühlsame Personal Coach, meiner Gattin empfohlen. Sie hat nur geschnaubt und den Xco-Handschuh nach mir geworfen. "Oder auf die Waschmaschine setzen, wenn sie schleudert. Dann wird das hintere Bindegewebe gleich noch gerüttelt." Doch Mona ist mental imprägniert. Sie trägt den sturen Gesichtsausdruck des Walkers: Mona will Xco unbedingt für großen Sport halten.
Neulich hielt sie mir einen Gutschein für ein kostenloses Schnuppertraining unter die Nase. "Komm' doch mal mit. Die haben Laufbänder", sagte sie. "Triathleten trainieren da auch, beim Spinning und im Schwimmbad: der stramme Martin, der kleine Sebastian und der dünne Michael." Mona guckte schwärmerisch. Draußen regnete es. Ich war, wie immer, ein paar zügige 10-Kilometer-Einheiten im Rückstand. Also gut. Versuchen wir halt mal Mädchensport.
Zugegeben: Die Luft ist besser. Fitness-Studio-Gänger pflegen eine zivilisiertere Sockenkultur als Läufer. Und Fitness-Studio-Besitzer investieren Unsummen in kleine Alusäulen, die unablässig Wellnessduft absondern. Die Männer in der Umkleide sind zu dick, zu dünn oder zu schwul. Entweder sind es hühnerhäutige Klemmis, die sich das Handtuch vor den Bauch reißen, sobald er frei liegt. Oder gottverdammte Exhibitionisten, die ihren rasierten Muskelhaufen mit der putzigen kleinen Lunte gar nicht lange genug abtrocknen, begrabschen und eincremen können. Einer föhnt sich sogar den Rücken. Birgit, die Putzkraft, die Zen-gleich über die Fliesen feudelt, sollte doppelten Lohn bekommen - wegen seelischer Grausamkeit.
Mist. Ich habe völlig vergessen, dass an meinen Laufschuhen ein gutes Pfund Grunewald-Modder klebt. Vorsichtig klopfe ich sie in der Tüte ab. Keine Chance. Dicke Brocken fallen auf den Boden und vermengen sich mit der Restfeuchte von Birgits Feudel zu einem grauen Brei. Missbilligend guckt eine Tattoo-Tunte rüber. Oooch, hat das arme kleine Schnäuzelchen seine Adiletten vergessen? "Das muss doch nicht sein", fistelt das bemalte Wesen. "Heul' doch", denke ich und packe die Schuhe wieder in die Tüte. Ziehe ich sie halt draußen auf dem Klo an.
Mona wartet schon ungeduldig. "Xco fängt an", sagt sie. "Darf ich zugucken?", frage ich. "Die Laufbänder sind da", entgegnet sie und zeigt mit dem Xco-Handschuh in die Gegenrichtung. Wäre ich gar nicht drauf gekommen. Denn laufen tut eigentlich keiner. Zwei bauchfreie Mädchen spazieren nebeneinander her und unterhalten sich. Sie tragen kunterbunte Schühchen, die keine zwei Kilometer in der rauhen Realität da draußen überstehen würden. Bei jedem dritten Schritt nuckeln sie am Hartschnuller ihrer Evian-Flasche. Wo haben sie denn ihre Xco-Handschuhe?
Nebenan spaziert ein älterer Herr nur unwesentlich strammer, immerhin hat er etwas Steigung eingestellt. Er scheint einen Gepäckmarsch zu simulieren. In der Bauchtasche trägt er einen CD-Player, auf dem Rücken ein Getränkeflaschenhalfter mit zwei Buddeln, einen Handyhalter inklusive Blackberry, dazu Stirnband und Handtuch um den Hals. In einem Rucksack bekäme er noch Dreibeingrill, Briketts, Kartoffelsalat und einen Doppelzentner Bauchfleisch unter.
Neben dem bepackten Herrn ist ein Band frei. Meins. Ich drücke "Quickstart". Quick heißt: Erstmal Gewicht, Alter, Dauer, Profil eingeben. Profil? "Klassisch", was sonst? Gibt es aber nicht. Also Berge. Niveau? Volle Lotte natürlich, in dem Memmenladen. Endlich Start. Das Band läuft rumpelnd an: angenehme elf Stundenkilometer. Ich gleite über das federnde Gummi. Ich spüre die Blicke im Rücken. Endlich mal ein Kerl, werden die Xco-Tanten denken. Hoffentlich nur die.
Das Band wird schneller. Zugleich richtet sich die Maschine vorne auf. Vier Prozent Steigung, zeigt das Display. Der erste Berg. Ich ächze. Niveau 12 war vielleicht etwas optimistisch. Ich drücke das große Minus, runter auf 10. Plötzlich steht ein in Orange gewandeter Jüngling neben mir, mit kunstvoll toupiertem Blond. "Ich bin der Maik", sagt er, "brauchste Hilfe?" Sein Namensschild weist ihn als Instructor aus, was wohl eine Art Animateur ist. "Nee, alles klar. Ich laufe nur mehr draußen", sage ich. "Sieht man, dass du Läufer bist", sagt der Maik, "viel Spaß noch." Netter Kerl, der Maik.
Ich federe entspannt weiter. Niveau 8 ist angenehm. Und Steigung ohnehin schlecht für die Knie. Die Laufbänder sind rings um eine Wendeltreppe angeordnet, die zur Rezeption führt. Man kann jeden einzelnen Kunden heraufkommen sehen. Manche nehmen die Treppe, deren 20 Stufen sich um einen Aufzug herumwinden. Die meisten Fitness-Freaks ziehen allerdings den Lift vor. Dann ziehen sie sich Sportsachen an, steigen auf dem Stepper eine Viertelstunde lang Stufen, duschen und fahren mit dem Aufzug wieder hinab.
Ein Xco-Handschuh tippt mir auf die Schulter. Monas Kurs ist vorbei, ihre in unauffälligem Kirschrot geglosste Lippen kaum in Mitleidenschaft gezogen. 42 Minuten, 6,1 Kilometer, meldet mein Display. Gab schon schlechtere Trainingstage. Jetzt erstmal Sauna. Zur Belohnung einen Eiweiß-Shake mit Grüntee-Guarana-Extrakt. Dann mit dem Fahrstuhl nach unten. Und morgen endlich wieder draußen laufen.
Achim Achilles
P.S.: Haben Sie auch Fragen, Anmerkungen, ein Lob für meine einfühlsame Art? Wollen Sie eine Beratung oder gibt es ein Lauf-Thema, das Sie umtreibt? Dann schicken Sie doch einfache eine Mail an meine Adresse.
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