Von Achim Achilles
Wenn Fischer am Sonntag in seinem Büro war, weil er noch ein paar aufmüpfige Diplomaten zusammenfalten oder die letzte Handvoll der Loyalen loben musste, dann wird ihn ein Schreck durchfahren haben. Durch seine Bürogardine sah er über 10.000 strammwadige Gestalten, die sich direkt vor seinem Auswärtigen Amt für den Halb-Marathon warmtrabten, an ihren Beinen herumkneteten, kilometerweise Verbände, Tapes und Pflaster verarbeiteten, heimlich zur Schmerzlinderung zwei Diclofenac warfen und rasch noch mal an die benachbarte Mauer strullten. Der Dunst aus kaltem Schweiß und Massageöl muss bis ins Büro des Außenministers gestiegen sein.
Armer Fettmops Fischer. Vor ein paar Jahren war er selbst noch einer von ihnen, zäh im Training, rank um die Hüfte, respektiert für seine Ausdauer. Jetzt hat er ein Autoritätsproblem. Alle lachen über ihn, am lautesten seine eigenen Leute. Sie würden ihn garantiert ernster nehmen, wenn er noch liefe. Aber erst die große Selbsterfahrungsnummer abziehen und dann doch zurück zum willensschwachen Moppel-Ich - das untergräbt jede Autorität.
Wer einmal anfängt zu laufen, darf nie wieder aufhören. Sonst trifft einen der Spott der ganzen Welt. "Naaa", fragt Mona lauernd, wenn ich mal zwei Tage nicht im Unterholz war, "wo bleibt denn unser Trainingseifer?" Spätestens drei Stunden später trabe ich los, und wenn's nur einmal um den Block ist. Schwach sind die anderen.
Laufen ist Psycho-Krieg, zwischen dem Läufer und seinen Mitmenschen. Und da siegt nur der Mentaliban. Seine Frühjahrsoffensive ist der Berliner Halb-Marathon. Schonungslos kommt die Wahrheit ans Licht. Wer hat sich im Winter tatsächlich durch eiseskalte Nächte geschleppt? Und welcher Sonntagsläufer hat das Blütenweiß seiner Schuhe über den Winter gerettet und trabt erst seit zwei Wochen wieder? Berlin Anfang April ist die Generalprobe: Wer die versemmelt, kann die volle Distanz in Hamburg drei Wochen später gleich vergessen.
Genau deswegen macht mir der Halbmarathon Angst. Ich bin in den letzten Monaten nie so richtig nach Uhr gelaufen, sondern lieber gefühltes Tempo. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie schnell ich sein könnte. Außerdem quält mich die linke Hüfte seit Wochen. Wahrscheinlich brauche ich neue Schuhe. Aber Mona bringt mich um, wenn ich schon wieder mit neuen Tretern ankomme. Ich fürchte die Zeitnahme. Ich will nicht verglichen werden. Schon gar nicht mit diesen Laufzombies, die seit Tagen die Stadt bevölkern. Die ganz exhibitionistischen tragen selbst beim Shopping noch ihren gelben Chip am Schuh. Könnte ja irgendwo in der Stadt eine Zeitmess-Matte herumliegen.
Zum Start reihe ich mich optimistisch am Ende von Block B ein. Es geht bis E, aber da hinten watscheln nur die Stock-Enten. Es ist schwer, beim Rennen die richtige Gruppe im Feld zu erwischen. Zu weit vorn ist man von keuchenden Ehrgeizlingen umzingelt, zu weit hinten dominiert der japsende Trampel.
"Kümmer dich nicht um die anderen", hatte Mona gesagt: "Das ist dein Rennen, Achim, nur deines." Mona hatte, wie immer, Recht. Ich setze den Tunnelblick auf. Nein, ich rege mich nicht über die verdammten Rentnerinnen auf, die sich am Start immer viel zu weit nach vorn mogeln und die ersten fünf Kilometer zum Riester-Slalom machen. Ja, ich konzentriere mich allein auf mich. Fünf Minuten pro Kilometer, das ist der Plan.
Startschuss. Sofort konstanter Schritt. Clockwork Achim. Ich schwebe. Die Straße ist mein Tempel. Jeder Kilometer wird mit 4:55 Minuten abgespult. Die kleine Blonde und die lange Rothaarige vor mir haben die gleiche Marschtabelle. Bei jedem Kilometer guckt die Blonde auf ihre Uhr und sagt: "Exakt". Die Rote nickt. "Running Gag" steht auf ihren Hemden. Frauen mit Tempomat - endlich hat die Evolution mal nachgedacht.
Meine beiden Hasen laufen perfekt. Die Samba-Heinis trommeln für mich. Die Menschen jubeln allein mir zu. Die Sonne scheint nur meinetwegen. Bei Kilometer acht trotten am Straßenrand die ersten, mit hängenden Köpfen. Ich liebe euch, ihr Sportangler. Jeder Spaziergänger ist Mental-Doping für mich. Schön, dass eure Beine muskulöser sind und eure Klamotten teurer. Trotzdem seid ihr nur Walker.
Mona und Karl warten vorm KaDeWe. Zum Glück versteht meine Familie etwas von Benimm. Sie klatschen ein bisschen und rufen "Super, Achim". Das reicht auch. Wie peinlich ist dagegen das Provinz-Publikum mit seinen türgroßen Pappschildern: "Mama Gertrud, Kevin und Samantha grüßen Papa Kalle aus Detmold. Du bist der Größte". Kaum erschüttert das Stampfen eines untersetzten Brontosaurus mit Trinkgürtel den Asphalt, quietscht Gertrud: "Ja Kalle! Los Kalle! Schneller Kalle!" Wahrscheinlich läuft Kalle nur, um seine Gattin noch einmal so zu hören.
Nach 21 Kilometern federe ich elegant durchs Ziel. Auf den letzten Kilometern habe ich noch etwas aufgedreht, mit dem Tempo gespielt, die Häschen mal eben stehen lassen. Meine Beine fühlen sich gut an. Die Medaille macht sich gut auf meiner Heldenbrust. Ich steige über ausgepumpte Leiber und überhöre das erbärmliche Würgen der Gestalt, die sich in den Zaun krallt. Es ist ein Tag des Triumphes. Für den Marathon sehe ich nur noch ein klitzekleines Problem: Er ist doppelt so lang.
Achim Achilles
P.S.: Haben Sie auch Fragen, Anmerkungen, ein Lob für meine einfühlsame Art? Wollen Sie eine Beratung oder gibt es ein Lauf-Thema, das Sie umtreibt? Dann schicken Sie doch einfache eine Mail an meine Adresse.
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