Von Achim Achilles
Seit Sonntagabend habe ich die Wohnung nicht mehr verlassen. Der einzige, der mich seither gesehen hat, war ausgerechnet Supi-Roland. Er kam die Treppe hinab gehüpft, als ich mich, auf Karl und Mona gestützt, aus dem Auto kippen ließ, wie ein Spätheimkehrer von der Ostfront. Die Gesichtsfarbe spielte ins Mehlig-Mozzarellahafte. Ich wollte Roland ein paar Souveränitäten entgegenschleudern, aber es kam nur trockenes Grunzen. "Achim war super", sagte Mona vorsorglich. Zum ersten und einzigen Mal in seinem verpfuschten Leben kapierte Roland, dass er einfach nur die Schnauze halten sollte.
Seitdem liege ich im Bett. Wo früher Beine waren, herrscht Ziehen und Brennen und Wringen. Beinpein und Blase stehen in stetem Kampf. Erst wenn der Wasserdruck die Stärke 17 auf der Niagara-Skala erreicht hatte, schleppe ich mich Richtung Keramik. Sitzen geht nicht. Die Schilderung weiterer Details würde die Menschenwürde verletzen.
Marathon macht stur und blöd und krank, an Bein und Birne. Monatelang hatte ich nur diesem Sonntagmorgen entgegengelebt. Der Apotheker meines Vertrauens hatte mir sogar noch eine Wunderwaffe gegen überfüllte Eingeweide am Morgen zugesteckt: "Mikroklist" heißt die Plastiktube mit dem extra langen Rüssel. Luft anhalten, bücken und an die FDP denken. Kein Busch war klein genug, als dass ich mich auf dem Weg zum Start nicht hineingeschlagen hätte. Es half nichts. Das Adrenalin krempelte meinen Magen um, und "Mikroklist" pfiff es in die Welt.
Ich fühlte mich wie eine Backpflaume, als ich über die Absperrung in den Startblock HLV C kletterte. Um mich herum roch es nach Hering. Ich war in den Betriebsausflug eines dänischen Altersheims geraten. "Hej", sagten alle mit provozierendem Grinsen und hüpften wie die tanzenden Bohnen in der Muppet-Show. Wahrscheinlich kommen Dänen zum Laufen nach Hamburg, weil ihr Zwergstaat zu kurz ist für einen Marathon. "Wir wollen 4:15 Stunden laufen", verkündete ein drahtiger Mittsiebziger. "Wenn du's noch erlebst, Opa", dachte ich und nickte völkerverständigend. Der Startschuss war schon vor Ewigkeiten ertönt, aber die Scheintoten aus Block HLV C durften erst 15 Minuten später auf die Strecke.
Endlich kamen die Heringe auf Trab. Wildes Piepen der Zeitnahmematte. Kein Zurück mehr. Eine Weile blieb ich bei Dänen. Sechs Minuten den Kilometer, das erschien meiner Form angemessen. Am Anfang zu schnell, vorm Ende tot, lautete die Regel. Aber der Däne erwies sich bald als ultrapatriotische Nervensäge. Wo immer sie etwas Rotweißes entdeckten, blieben sie stehen, rissen die Arme in die Höhe und brüllten etwas, das klang wie "Pölser-Olé": vor Stoppschildern, Vodafone-Reklamen, Rotkreuzwagen und Pommesschalen.
Mit dem stillen Selbstbewusstsein, das den Vertreter der papststellenden Nation ziert, zog ich bei Kilometer 16 davon, auf dem Jungfernstieg, vor begeistertem Publikum. Auf der langen Geraden zum Flughafen hatte ich den 4-Stunden-Tempoläufer entdeckt, einen knappen halben Kilometer vor mir. Da musste ich ran.
Bis Kilometer 32 lief alles ordentlich, auch wenn ich zu langsam war. Die Dänen hatten mich eingelullt. Plötzlich merkte ich, wie ich immer häufiger auf die Uhr blickte, einfach so, als ob da Rettung sei zwischen den digitalen Zahlen. Aber die Ziffern sagten mir nichts. Im Kopf war kein Blut mehr. Alles leer, dumpf, Kartoffel.
Dann plötzlich der Filmriss. Ich kann mich an nichts erinnern außer an ein "Aua" bei jedem Schritt. Beine wie T-Träger, laufende Dampframme. Butter im Knie. Meine auf sexy geschnittene Hochleistungshose hatte mir eine Fleischwunde in beide Oberschenkel geraspelt. Was mal eine Zunge war, fühlte sich plötzlich so pelzig an wie Daisy. Jeder Fuß zur Calzone aufgequollen. Hoffentlich lief kein Blut aus dem Schuh. Dänen würden kommen und La Olá machen. Ich würde Vaterunser beten, wenn mir der Text einfiele.
Irgendwann muss ich ins Ziel getaumelt sein, nach ungefähr 4:20 Stunden, immerhin unter den ersten 10.000. Ein Sanitäter kam auf mich zugestürzt und fragte, ob alles okay sei. Nein, zum Teufel, überhaupt nichts ist okay. Ich bin so gut wie tot. Mona stand hinterm Zielzaun und sah mich besorgt an: Dieses Wrack war einmal ihr knuddelweicher Mann gewesen. Irgendwer hängte mir eine Medaille um. Ich war zu schwach, ihn mit dem Bändsel zu erwürgen.
Taumeln. Ich verfluchte den Marathon und jeden einzelnen dieser gut 18.000 Spinner. Das hatte mit Wohlbefinden nichts zu tun. Marathonläufer sind Selbstdarsteller, Autoerotiker, die sich daran aufgeilen, von Hamburger Hausfrauen bejubelt und in ihrer Firma am nächsten Tag bewundert zu werden. Marathon ist die bekloppteste Form der Onanie, lang zwar, aber viel zu schmerzhaft. Mona hievt mich auf die Rückbank, wo ich bis Berlin durchröchele. Seit diesem Tag hat Karl jedweden Respekt vor seinem Vater verloren. Das war mein erster und mein letzter Marathon, garantiert.
Auch wenn mein kleines Marzipan-Mönchen als Krankenschwester eine Wucht ist, werde ich morgen versuchen, wieder am normalen Leben teilzunehmen. Ich werde eine Aufständischen-Gruppe gründen, die Marathon-Ade-Fraktion (MAF). Die notfalls mit Waffengewalt durchzusetzenden Forderungen: Nieder mit der Marathon-Diktatur, keine Läufe mehr über 20 Kilometer, Isolationshaft für alle zellulitischen Weiber, die mich je überholt haben. Von der Kuppel des Reichstages werde ich getragene Laufsocken in den Plenarsaal werfen. Und dann? Werde ich Genussläufer. Wellness-Jogger. Zum ersten Mal will ich bei diesem Irrsinn auf Schaumsohlen so etwas verspüren wie - Spaß.
Achim Achilles
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