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09.06.2005
 

Länderspiel gegen Russland

Schweini gehabt

Von Christian Gödecke, Mönchengladbach

Eine gelungene Generalprobe sieht anders aus: Im Länderspiel gegen Russland zeigte Bastian Schweinsteiger zwar eine überragende Leistung, doch die eigentliche Erkenntnis vor dem Konföderationen-Cup dürfte Bundestrainer Jürgen Klinsmann zu denken geben: Die Verteidigung wackelt bedenklich.

Schweinsteiger: In die Stammelf gespielt
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REUTERS

Schweinsteiger: In die Stammelf gespielt

Es war kurz vor Mitternacht, als Bastian Schweinsteiger doch noch die Orientierung verlor. Ob er denn nach seiner Leistung gegen Russland fortan zu den etablierten Spielern gehöre, wurde er gefragt. "Naja, das kann ich nicht beurteilen, das ist der Job von Jürgen Klinsmann und Juri Löw." Gelächter. "Tschuldigung, Jogi Löw", korrigierte sich der Nationalspieler mit einem Grinsen. Dass Schweinsteiger den Assistenzcoach der DFB-Elf kurzzeitig zumindest namentlich irgendwo im Osten verortet hatte, blieb aber der einzige Fehltritt des 20-Jährigen an diesem Abend.

Auf dem Rasen hatte der Mittelfeldspieler zuvor eine beeindruckende Leistung gezeigt und beide deutschen Tore zum 2:2 (1:1) gegen Russland erzielt. Zum Feiern war Schweinsteiger trotz seines Auftrittes allerdings nicht zumute. "Ich hadere mit dem Ergebnis, denn die Russen sind ja nun auch keine Übermannschaft", erklärte der Bayern-Profi. "In der Kabine war keine tolle Stimmung." Der Grund für die hängenden Köpfe in der Umkleide war in den Statistiken nachzulesen: Die Gäste hatten den Ausgleich in allerletzter Minute erzielt.

Dabei hatte alles so viel versprechend angefangen. Das neue Stadion im Borussia-Park war anlässlich des ersten DFB-Länderspiels überhaupt in Mönchengladbach ausverkauft, das Orchester spielte die Nationalhymnen fehlerfrei, Innenminister Otto Schily und Kanzlerkandidatin Angela Merkel saßen friedlich vereint auf der Tribüne - und sogar Oliver Kahn wollte ganz lieb sein.

Der Nationalkeeper war kurz vor Anpfiff, in einem Anflug von vorauseilendem Gehorsam, in Richtung der Zuschauer gerannt und hatte artig gewunken. Derart geschmeichelt fühlte sich später auch kein Fan bemüßigt, den Nationalkeeper auszupfeifen. Vorher war befürchtet worden, Kahn könnte im Stadion des alten Bayern-Rivalen aus Mönchengladbach ein ähnliches Schicksal ereilen wie sein Pendant Jens Lehmann. Der war beim Eröffnungsspiel der Allianz-Arena in München 90 Minuten lang mit Pfiffen bedacht worden - Lehmann hatte allerdings, anstatt zu winken, die Lokalgröße Schweinsteiger in die Werbebande befördert.

Friedrich wirkte überfordert

Auch die erste Chance des Spiels im ausverkauften Mönchengladbacher Borussia-Park hatte die Klinsmann-Elf. Schweinsteiger, von den Kollegen "Schweini" gerufen, zog in der vierten Minute mit rechts ab, doch ein russisches Abwehrbein blockte den Schuss aus 18 Metern. Schweinsteiger war für den Noch-Bremer Fabian Ernst in die Startformation gerückt. Im Vergleich zum Länderspiel in Nordirland am vergangenen Samstag hatte der Bundestrainer seine Mannschaft zudem noch auf drei weiteren Positionen verändert. Andreas Hinkel spielte für Patrick Owomoyela auf der rechten Abwehrseite, der Lukas Podolski ersetzte Kevin Kuranyi und für den Rot-gesperrten Robert Huth rückte Arne Friedrich in die Innenverteidigung.

Dass der Hertha-Kapitän dort fehl am Platz ist, zeigte er in der 26. Minute. Alexander Anjukow, eigentlich das rechte Glied der russischen Fünferkette, nutzte einen Stellungsfehler des deutschen Abwehrspielers zu einem Doppelpass mit Dimitri Sytchew und schob Kahn den Ball aus spitzem Winkel zur russischen Führung durch die Beine. Friedrich, bei Hertha in der Bundesliga rechter Außenverteidiger, wirkte auch im weiteren Verlauf des Spiels in der zentralen Rolle häufig überfordert.

Doch wie schon in Nordirland schlug die deutsche Mannschaft prompt zurück. Nur vier Minuten nach dem Rückstand nutzte Hinkel den Freiraum auf der rechten Seite, zog nach innen und passte den Ball auf Podolski. Der 20-Jährige legte auf den besser postierten Schweinsteiger, der aus zehn Metern Sergej Owtschinnikow im Tor der Russen überwand.

Rückstand und Ausgleich zeigten innerhalb von wenigen Minuten, in welch paradoxer Situation sich die Nationalelf eine Woche vor dem Konföderationen-Cup befindet. Es ist zwar schön anzusehen, wie flüssig Schweinsteiger, Kapitän Michael Ballack, Sebastian Deisler und Podolski kombinieren, Rückstände in Führungen wandeln und Tore schießen. Doch unter dem durch den Bundestrainer verordneten Powerfußball leidet auch die einst größte Stärke des deutschen Teams: die Verteidigung.

Welpenschutz für die Abwehr

Klinsmann ("Wir befinden uns in einer Experimentierphase, das sind Konzentrationsfehler, wir lernen daraus") hat seiner Abwehr selbst über die WM-Generalprobe hinaus Welpenschutz erteilt ("Jeder darf Fehler machen"), doch seit Wochen zeigt sich, dass die Innenverteidigung eigentlich nur aus einem verlässlichen Mann besteht: Per Mertesacker. Der Hannoveraner spielte in München beim 2:4 solide, überragte in Nordirland und überzeugte auch gegen Russland. Ganz im Gegensatz zu seinen Kollegen auf den jeweiligen Spielberichtsbögen, Huth und Friedrich.

Die logische Konsequenz aus dieser Malaise - die Umstellung auf eine Dreierkette zugunsten eines zweiten defensiven Mittelfeldspielers - will Klinsmann nicht ziehen. Wohl auch, weil das Angriffsspiel vieles übertüncht. So steigerte sich das deutsche Team auch nach dem Ausgleich gegen Russland und kam in der 69. Minute zum verdienten 2:1. Schweinsteiger verlud am 16-Meter-Raum seinen Gegenspieler erst mit einem Übersteiger und traf dann ins linke untere Eck. Kurz zuvor war Mike Hanke eingewechselt worden. Der Stürmer, in der kommenden Saison in Wolfsburg unter Vertrag, gab als neunter Spieler unter Klinsmann sein Debüt in der Nationalelf.

Michael Ballack, in Nordirland mit zwei Toren noch der beste Deutsche, vergab in der 77. Minute die Chance zur Entscheidung, als er aus drei Metern nicht das Tor, sondern nur den russischen Schlussmann Sergej Owtschinnikow traf. Der Fehlschuss war bezeichnend für die Vorstellung des Kapitäns an diesem Abend. Über eine Rolle als Mitläufer war er ebenso wenig hinausgekommen wie der in der zweiten Halbzeit eingewechselte Sebastian Deisler.

Auszeit kurz vor Abpfiff

Doch auch ohne Ballacks Fauxpas hätte der letzte Test vor dem Konföderationen-Cup wohl mit einem Sieg für das DFB-Team geendet, wenn sich die deutsche Hintermannschaft nicht kurz vor Abpfiff noch eine Auszeit genommen hätte. Mertesacker und Thomas Hitzlsperger spekulierten auf Abseits, doch leider hatten sie Alexander Kerschakow übersehen. So konnte der Stürmer ungestört auf der rechten Seite entlangsprinten, den Ball am herauseilenden Kahn vorbeilegen und ins leere Tor schieben. Für diese Szene schalt sogar der ansonsten zufriedene Bundestrainer seine Hintermannschaft, wenn auch sehr diplomatisch: "Wir müssen uns besonders beim Umschalten von Angriff auf Verteidigung verbessern."

Lob von Bundestrainer und Kapitän gab es hingegen für den Mann des Abends. "Es macht Spaß, Bastians Entwicklung zu sehen", sagte Klinsmann. "Er ist unbekümmert, hat einen Lauf und einen guten Weg vor sich", sagte Ballack. Der derart Beweihräucherte wollte da natürlich in nichts nachstehen - und lobte seinerseits Lukas Podolski, mit dem er zuvor bis zur gemeinsamen Auswechslung ausnehmend gut harmoniert hatte. "Den könnten wir auch bei Bayern gut gebrauchen", erklärte Schweinsteiger. Er sei sogar von Bayern-Manager Uli Hoeneß beauftragt worden, sich mal ein bisschen "an den Poldi ranzuarbeiten".

Das folgende Gelächter quittierte der Mittelfeldmann übrigens wieder mit diesem feinen Grinsen.

Deutschland - Russland 2:2 (1:1)
0:1 Anjukow (26.)
1:1 Schweinsteiger (30.)
2:1 Schweinsteiger (69.)
2:2 Kerchakow (90.+1)
Deutschland: Kahn/Bayern München (35 Jahre/78 Länderspiele) - Hinkel/VfB Stuttgart (23/13) ab 46. Deisler/Bayern München (25/24), Friedrich/Hertha BSC Berlin (26/26), Mertesacker/Hannover 96 (20/7), Hitzlsperger/Aston Villa (23/6) - Schneider/Bayer Leverkusen (31/48), Torsten Frings/Bayern München (28/39), Ballack/Bayern München (28/53), Schweinsteiger/Bayern München (20/14) ab 84. Kuranyi/VFB Stuttgart (23/24) - Asamoah/Schalke 04 (26/28) ab 62. Hanke/Schalke 04 (22/1), Podolski/1. FC Köln (20/11) ab 84. Ernst/Werder Bremen (26/16)
Russland: Owtschinnikow/Lokomotive Moskau (34/34) - Wasili Beresutsky/ZSKA Moskau (22/4), Sennikow/Lokomotive Moskau (28/20), Alexej Beresutsky/ZSKA Moskau (22/7) - Anjukow/Krilija Sowjetow Samara (22/7), Aldonin/ZSKA Moskau (25/17), Ewsejew/Lokomotive Moskau (29/18) - Ismailow/Lokomotive Moskau (22/22) ab 10. Semak/Paris St. Germain (29/39), Loskow/Lokomotive Moskau (31/18), Chirkow/ZSKA Moskau (21/2) ab 46. Kerchakow/Zenit St. Petersburg (22/27) - Sitschew/Lokomotive Moskau (21/24) ab 74. Arschawin/Zenit St. Petersburg (24/11)
Schiedsrichter: Konrad Plautz (Österreich)
Zuschauer: 46.228 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Fiedrich, Hinkel / Semak, Sennikow


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