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Neuer Lauftrend Mit dem Rücken voran

Es gibt nicht viele Läufer im Guinness-Buch der Rekorde, Johannes Gosch ist einer von ihnen. Der Österreicher gewann vor zwei Jahren einen Marathon auf seine eigene Art: Er lief rückwärts. Seither boomt der Sport in Goschs Heimat. Doch die Konkurrenz schläft nicht.

Rückwärtsläufer Gosch: "Veränderung des Körperbewusstseins"

Rückwärtsläufer Gosch: "Veränderung des Körperbewusstseins"

Im Guinness-Buch der Rekorde ist sein Name ausnahmsweise richtig herum geschrieben. Aber doch irgendwie falsch, denn am liebsten liest sich Johannes Gosch rückwärts: "hcsoG sennahoJ". Neben dem Lesen und Schreiben mag es der 42-Jährige aber vor allem sportlich andersrum: Er ist Rückwärtsläufer.

Seit der Österreicher 2003 einen Marathon lief und mit dem Rücken voran alle Geradeausläufer hinter sich ließ, ist in seiner Heimat eine wahre Begeisterung für den eigenartigen Laufstil ausgebrochen. Die Sportart ist mittlerweile so populär, dass Gosch keine Besonderheit mehr ist, wenn heute der 2. Österreichische Rückwärtslauf in Weiz ansteht.

Die besondere Bewegungserfahrung

Für Gosch war es ein steter Kampf gegen Vorurteile. Dabei liegen die Vorteile der Laufart für den Profi auf der Hand. "Rückwärtslaufen ist für den Körper eine Wohltat. Es werden nicht nur andere Muskeln als beim Vorwärtslaufen trainiert, sondern der Rücken wird auch noch geschont und sensibilisiert. Zudem wird die rechte Gehirnhälfte besonders geübt und das Selbstbewusstsein wird auch größer - immerhin läuft man zwar mit der Masse, aber andersherum", sagt Gosch.

Die Idee, mit dem Rücken voran zu laufen, kam Gosch vor drei Jahren, als er an seinem Buch "Kreativ LAUFen" arbeitete, das im Frühjahr 2003 im Eigenverlag erschienen ist. Als eine von vielen Laufkreationen beschrieb er darin den "VerkehrtLAUF" als besondere Bewegungserfahrung. "Nach anfänglichen Versuchen ließ mich der 'neue' Laufstil einfach nicht mehr los. Der scheinbar simple, leicht nachvollziehbare und ungewohnte Bewegungsablauf inspirierte mich und schon nach ein paar Rückwärtsläufen spürte ich eine Veränderung des Körperbewusstseins, meiner Haltung und der Laufökonomie". Fazit: "Ein interessantes Experiment, sowohl auf koordinativer als auch psychomotorischer Ebene", erklärt der Steirer.

Dabei ist die Idee des Rückwärtslaufens nicht ganz neu: Bereits 1826 wurde dieser Kunstlauf zum ersten Mal erwähnt. Als eine Koryphäe in Sachen Rückwärtslauf gilt heutzutage der Franzose Christian Grolle, der sich seit 27 Jahren mit dieser Laufart beschäftigt. "Rückwärtsbewegungen stellen eine der größten physiologischen, psychologischen, sportlichen, spirituellen und soziologischen Revolutionen im menschlichen Abenteuer dar", sagt Grolle.

Rückwärts ist gelenkschonender

Und bevor Gosch das Rückwärtslaufen in Österreich salonfähig gemacht hat und den Trend auch verstärkt nach Deutschland brachte, liefen auch die Italiener schon rückwärts ihre Marathons. 1992 fand in Poviglio der erste Rückwärtswettkampf in Europa statt. Mittlerweile gibt es solche Läufe in Italien, Deutschland, Frankreich, Belgien, Neuseeland, USA, Mexiko oder Indien.

Trendexporteur Gosch ist vom Erfolg nicht überrascht. Auch wenn seine Erklärung für die Beliebtheit philosophisch klingt. "Es ist ein guter Ausgleich zu der momentanen Lebenssituation der Leistungsgesellschaft, die sich ganz klar nach vorne orientiert. Die Menschen leben nach dem Motto: schneller, besser, stärker, mehr in kürzerer Zeit. Die Beschleunigung der Körper nach vorne hat in den letzten 100 Jahren ein noch nie zuvor da gewesenes Ausmaß angenommen." Und Rückwärtslaufen lasse einen die Welt eben anders sehen.

Unter Wissenschaftlern und Medizinern ist noch umstritten, ob Rückwärtslaufen mehr Kalorien verbraucht als Vorwärtslaufen. "Sicher ist hingegen, dass es knie- und rückenschonender ist und - sofern man nicht hinfällt - auch keinerlei körperliche Schäden verursacht", versichert Gosch.

Ein Deutscher hält fünf Weltrekorde

Für alle, die den Sport mal ausprobieren möchten, empfiehlt der Profi eine flache Strecke, die frei von Schlaglöchern und anderen Hindernissen ist. Anfangs solle man langsam loslaufen, um den Körper an die neue Bewegung zu gewöhnen. Um den Weg im Auge zu behalten, blicke man abwechselnd über die rechte und linke Schulter. Außerdem gilt: "Gerade am Anfang sollte man zu zweit laufen. So macht es auch am meisten Spaß: Einer läuft vorwärts und kann so auch den Weg beschreiben, der andere läuft rückwärts", erklärt Gosch.

Wenn die ersten geraden Strecken rückwärts überwunden sind, könne man sich auch an Steigungen und Berge wagen. Gosch erinnert sich beim Thema Berg besonders gerne an den 27. Juni 2003: "Ich habe in 5 Minuten und 38 Sekunden den Schlossberg in Graz erklettert, natürlich rückwärts. Das waren 421 Stufen und eine Distanz von 830 Metern bei einem Höhenunterschied von 120 Metern", erzählt er stolz.

Doch die Konkurrenz wird immer stärker: Gerade hat der Deutsche Thomas Dold wieder einen Weltrekord aufgestellt, seinen fünften insgesamt. Die 3000 Meter lief er in 11:32,9 Minuten. Dold, 20, lief außerdem die schnellsten Zeiten über 400, 800 und 1000 Meter sowie eine Meile. Beim 2. Österreichischen Rückwärtslauf in Weiz am kommenden Freitag wird Dold allerdings fehlen. Er ist der Fachmann für kürzere Strecken und wolle im niederländischen Utrecht laufen, erklärte er auf seiner Homepage. Dort steht ein 400-Meter-Lauf auf dem Programm. Mit einer weiteren Weltrekordchance.

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