Herr Hasebrink, die Fälle Emig und Mohren sorgen derzeit für gewaltige Schlagzeilen. Wie bewerten Sie die Vorgänge?
Uwe Hasebrink: Es ist der schlimmstmögliche Unfall für ein Unternehmen, wenn sich herausstellt, dass eine der wesentlichen Grundlagen für das Vertrauen der Bevölkerung verletzt ist. Schließlich besteht der begründete Verdacht, dass bei ARD-Sendern korrupt gehandelt wird.
SPIEGEL ONLINE: Überrascht es Sie, welches Ausmaß die Verfehlungen haben sollen?
Hasebrink: Dass es wohl zu Unsauberkeiten gekommen ist, verwundert mich nicht. Wir machen ja gerade die Erfahrung, dass in vielen Institutionen Verletzungen der grundlegenden Regeln vorkommen, etwa bei VW.
SPIEGEL ONLINE: Sehen sie keinen Unterschied zwischen der Produktion von Autos und medialer Berichterstattung?
Hasebrink: Natürlich sind solche Missstände für Medien besonders problematisch, sie stellen ja sozusagen Vertrauensgüter her.
SPIEGEL ONLINE: Wie stark ist das Vertrauen in die Arbeit der ARD beschädigt?
Hasebrink: Der Imageschaden ist erst einmal groß. Ob er nachhaltig sein wird, hängt entscheidend davon ab, welche Konsequenzen bei den Sendern gezogen werden. Erhöhte Transparenz ist da ganz wichtig.
SPIEGEL ONLINE: Einige ARD-Sender haben öffentlich erklärt, dass es bei Ihnen für Mitarbeiter keine Möglichkeit gäbe, sich persönlich zu bereichern.
Hasebrink: An deren Stelle würde ich das auch sagen. Solange nichts passiert ist, denken alle, sie hätten gut vorgesorgt. Man wird den Faktor individueller Begehrlichkeiten niemals ausschließen können. Man kann nur Sicherungen einbauen. Es gibt andauernd die Versuchung, nicht nach journalistischen Kriterien, sondern nach finanziellen zu handeln oder sich in der Berichterstattung von anderen persönlichen Interessen leiten zu lassen.
SPIEGEL ONLINE: Wieso werfen manche alle Bedenken über Bord und lassen sich korrumpieren?
Hasebrink: Die Versuchung ist so nah, wenn man in die entsprechenden verantwortlichen Positionen gelangt und darüber entscheiden kann, worüber berichtet wird und worüber nicht. Man kommt plötzlich in eine Machtposition. Niemand ist davor gefeit. Die Mitarbeiter im HR werden sich im Nachhinein schon fragen: Wieso haben wir das nicht schon viel früher gemerkt? Das hat auch viel mit unternehmensinterner Kommunikation und Zivilcourage zu tun.
SPIEGEL ONLINE: ARD-Programmchef Günter Struve hat angekündigt, eine Arbeitsgruppe einzurichten, die "Kriterien für Sport-Produktionen" festlegen soll. Was halten Sie von diesem Vorschlag?
Hasebrink: Das geht in die richtige Richtung. Entscheidungsprozesse müssen nachprüfbarer gemacht werden. Nur so ist sicher, dass professionelle Standards eingehalten werden. Man kann der ARD nicht vorwerfen, dass sie die Situation beschönigt. Rückgängig machen kann man die Verfehlungen nicht, aber sich offen den Problemen zu stellen, ist ein vernünftiger Weg.
SPIEGEL ONLINE: Kommt Struves Initiative nicht reichlich spät?
Hasebrink: Nein, das sehe ich nicht so. Es ist ein guter Mechanismus in Gang gesetzt worden. Sowohl bei der Diskussion um Schleichwerbung, als auch in den bekannt geworden Fällen möglicher Korruption wird nicht sofort zur Tagesordnung übergegangen. Ich kann mir gut vorstellen, dass nach diesen Fällen die Aufmerksamkeit in vielen Medienbetrieben größer werden wird. Das ist für viele eine heilsame Erfahrung.
SPIEGEL ONLINE: Müssen die neun ARD-Sender stärker von der Zentrale kontrolliert werden? Zuweilen hat man den Eindruck, dass manch einer sich wie ein Provinzfürst aufführt.
Hasebrink: Das mag sein, aber was soll es bringen, den Sendern Kompetenzen zu entziehen? Die ARD als eine Art Oberbehörde, die die neun Sender stärker kontrolliert, macht keinen Sinn. Wirksame Überprüfung kann es nur vor Ort geben.
SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie die Medienlandschaft beobachten, gibt es immer mehr gekaufte Berichterstattung?
Hasebrink: Insgesamt muss man den Eindruck haben, dass der Trend zur Berichterstattung gegen Bezahlung geht. Der Drang, die Trennung zwischen Werbung und Programm aufzuheben, wird stärker. Die größte Gefahr ist ein genereller Vertrauensverlust in öffentliche Kommunikation, so wie es ihn schon die politische Klasse betreffend gibt. Die Nutzer würden alles für gekauft halten. Es bedarf bei allen Beteiligten, den Medien und der Öffentlichkeit, dringend einer Vergewisserung, dass öffentliche Kommunikation unter transparenten Bedingungen stattfinden muss.
SPIEGEL ONLINE: Kommendes Jahr ist die Fußball-WM in Deutschland. Brechen dann alle Dämme in Sachen journalistisches Ethos?
Hasebrink: Immer wenn zu einem Großereignis punktuell gigantische Aufträge an Media-Agenturen und andere Dienstleister vergeben werden, muss man besonders aufmerksam sein, ob alles mit rechten Dingen zugeht. Bei den finanziellen Dimensionen der WM werden viele ein Interesse daran haben, kräftig mitzuverdienen. Da wird es auch unlautere Versuche geben.
Die Fragen stellte Clemens Gerlach
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