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25.01.2006
 

Nationalspieler Zeitz

Der Handball-Extremist

Von Erik Eggers

Unter Experten gilt Titelverteidiger Deutschland bei der Handball-EM nur als Außenseiter. Christian Zeitz träumt trotzdem von einer Medaille. Der Rückraumstar, bei der WM-Enttäuschung vor einem Jahr noch beschimpft, ist zum neuen Hoffnungsträger geworden.

Dieses Staunen. Es setzte in den vergangenen Wochen wieder ein, als die deutsche Handball-Nationalmannschaft sich präparierte für die 7. Europameisterschaft in der Schweiz, die am morgigen Donnerstag in Basel mit der Partie gegen Weltmeister Spanien (15.45 Uhr, live in der ARD) beginnt. Manchmal sorgte Torwart Henning Fritz dafür, mit seinen katzenartigen Reflexen. Manchmal Rechtsaußen Florian Kehrmann, wenn er mit einem seiner tückischen Trickwürfe traf. Aber in den meisten Fällen war es doch wieder Christian Zeitz, der diese magischen Momente schuf. Wobei nicht nur die brachiale Wucht seiner Schlagwürfe aus dem Rückraum die Ungläubigkeit in die Gesichter des Publikums zauberte. Sondern der Überraschungseffekt.

Nationalspieler Zeitz (M., im Test gegen Ungarn): Der Mann ist ein Spektakel
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Getty Images

Nationalspieler Zeitz (M., im Test gegen Ungarn): Der Mann ist ein Spektakel

Der unorthodoxe Stil des Linkshänders vom THW Kiel ist erzwungen. Denn der 25-Jährige ist mit 1,86 Metern eigentlich zu klein, um im Rückraum den gegnerischen Block mit Sprungwürfen zu überwinden. Die meisten Stars auf seiner Position des "Halbrechten" messen mindestens zwei Meter. Zeitz kompensiert diesen Mangel mit einem Handgelenk, dessen Geschwindigkeit und Beweglichkeit seinesgleichen sucht im Welthandball - vor allem aber mit seiner Intuition. "Ich werfe, wenn ich die Chance auf ein Tor sehe", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Beobachter aber veranlasst er nicht selten zu Lobeshymnen. Als "Straßenhandballer" bezeichnet ihn Michael Roth, der Zeitz als Jugendlichen trainierte. "Der Unvorhersehbare", titelte einmal die "Zeit", und andere Zeitungen nennen ihn schlicht "Das Katapult". Der Mann ist ein Spektakel. Und einer der Schlüsselspieler für die Operation Titelverteidigung.

Schon seine statistischen Daten zeugen davon. Er zählt zu den wenigen, die aus der Generation der großen Mannschaft um Stefan Kretzschmar, Daniel Stephan und Christian Schwarzer übrig geblieben sind. Nur er und Florian Kehrmann haben seit 2002 alle Großereignisse bestritten, Zeitz gewann in dieser Zeit vier Medaillen, darunter EM-Gold und olympisches Silber (jeweils 2004), und er hat mit seinen für Handballverhältnisse zarten 25 Jahren schon 111 Länderspiele absolviert. Zeitz ist ein Routinier. Und dennoch ist das Turnier in der Schweiz für ihn ein spezielles. Eines, das den weiteren Weg weisen wird.

Dafür verantwortlich ist die missratene Weltmeisterschaft aus dem vorigen Jahr. Während Zeitz zuvor immer als Ersatz des gesetzten Volker Zerbe fungiert hatte, rückte er in Tunesien erstmals in die Startformation. Er spielte ein furchtbares Turnier. Zwar lag er in der Statistik der Steals ganz vorn. Aber die Würfe, die er sich nahm, sahen wild und hektisch aus. Und weil sie nicht ins Tor trafen, sondern häufig über das Gehäuse schnellten, wurden die Aktion des Handball-Extremisten plötzlich nicht mehr bestaunt. Sie wurden stattdessen verantwortlich gemacht für das schlechteste Abschneiden (neunter Platz) seit Jahrzehnten. Als Bundestrainer Brand diese Leistung öffentlich kritisierte, nahm TV-Experte Erhard Wunderlich das zum Anlass, Zeitz via "Bild"-Zeitung zu beschimpfen. "Wenn Zeitz die Halle betritt, gibt er am Eingang sein Gehirn ab", ließ sich der Weltmeister von 1978 zitieren.

Diese Kritik traf Zeitz ins Mark. Er fühlte sich ungerecht behandelt, vom Trainer, und noch mehr von den Medien, und für einen Moment dachte er sogar an Rücktritt. "Was mit mir in Tunesien gemacht wurde, das war nicht in Ordnung", sagt er heute. Er, der abseits des Handballfeldes ohnehin zu den introvertierten Figuren der Nationalmannschaft zählt, verschloss sich damals noch mehr. Erst nach Monaten, nach einem Gespräch mit Brand und sensationellen Leistungen im Verein (2005 wurde er mit Kiel Deutscher Meister), taute er wieder allmählich auf. Vor allem Managerin Ciz Schönberger gab ihm in dieser Krise wichtigen Halt - und sie korrigierte mit gezielten Interviews auch sein lädiertes Image.

Die Berlinerin betreut auch Handballstar Stefan Kretzschmar, der nicht mehr in der Nationalmannschaft spielt, einen Vergleich zwischen den beiden Klienten aber gestattet sie nicht: "Zeitz ist ein ganz anderer Typ ist als Kretzschmar." Die Unterschiede liegen auf der Hand. Während "Kretzsche" sogar TV-Größen wie Harald Schmidt mit seiner Coolness und Rotznasigkeit die Stirn bot, sei der eher wortkarge Zeitz kein Mann fürs Fernsehen, "kein Typ, der bei Kerner oder Beckmann sitzt". Und dennoch spreche Zeitz eine "breite Klientel an, nämlich die Girlies- und Frauenfraktion", sagt Schönberger SPIEGEL ONLINE.

Das Wichtigste aber für eine Entwicklung zu einem richtigen Star ist, das weiß auch Schönberger, sportlicher Erfolg. Nun, da er nach überstandener Ellenbogen-Verletzung wieder Vertrauen des Bundestrainers genießt ("Ich bin froh, dass ich Christian wieder habe"), scheint die wichtigste Grundlage dafür wieder gegeben. Dementsprechend gelöst präsentiert sich Zeitz: "Ich fühle mich wohl in dieser Mannschaft." Und während viele Experten eine Medaille für unmöglich halten, hat er das Halbfinale keineswegs abgeschrieben: "Ich hoffe, wir können gegen Spanien oder Frankreich gewinnen", also gegen einen der beiden Gruppenfavoriten. In erster Linie aber will er "guten Handball spielen". Nicht unwahrscheinlich, dass Christian Zeitz es in den nächsten Tagen wieder provoziert. Dieses Staunen.

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