Hamburg - "Ich bekam nach einer Operation für zirka acht Tage ein Anabolikum, nachdem mein Bein von einem auf den anderen Tag sechs Zentimeter weniger Umfang aufwies", sagte Gienger der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Samstag-Ausgabe). Eine Behandlung mit einem solchen Medikament, dessen Wirkstoff auf der Liste der verbotenen Mittel steht, zählt in der Beurteilung von Doping für einen Grenzfall.
Auf Anfrage des sid erklärte Gienger, die Anabolika-Einnahme datiere aus der Zeit vor 1976, dem Beginn der Sanktionierung dieser Substanzen im internationalen Sport. "Anabolika waren damals im Wettkampf verboten, aber im Training überhaupt nicht. Ich weiß nur, dass dies vor 1976 war und man nach einer Operation im Grunde gar nicht ohne diese aufbauenden Substanzen auskam", so der CDU-Bundestagsabgeordnete und designierte Vizepräsident Leistungssport im künftigen Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). 1974 hatte sich Gienger am Reck den WM-Titel gesichert. Zwei Jahre später gewann er am selben Gerät Bronze bei den Olympischen Spielen in Montreal.
Heinz Birnesser, einer der bekanntesten deutschen Sportmediziner, erklärte auf sid-Anfrage, es habe auch vor Beginn der Sanktionierung der Anabolika 1976 nie eine medizinische Rechtfertigung für den Einsatz von Anabolika im Hochleistungssport gegeben. "Wenn Eberhard Gienger meint, dies sei damals medizinisch notwendig gewesen, dann kann ich nur sagen: Anabolika zu verabreichen, war im Leistungssport immer medizinischer Schwachsinn, weil dies den Hormon-Stoffwechsel durcheinander bringt", sagte der frühere Olympiaarzt und heutige Leiter der Sportorthopädie und Traumatologie an der Universitätsklinik Freiburg.
Gleichwohl sprach sich Gienger für den Kampf gegen Doping im Sport aus. "Wir müssen Doping kontrollieren und, einheitlich durch alle Sportarten harmonisiert, bestrafen", sagte der 55-Jährige gut eine Woche vor der DOSB-Wahl.
pav/sid/dpa
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