• Drucken
  • Senden
  • Feedback
05.11.2006
 

Marathon-Fieber

New York feiert seine liebste Party

Von Sebastian Moll, Manhattan

Für die New Yorker und Tausende Läufer ist es ein Pflichttermin. Beim Marathon wollen alle dabei sein - auf und neben der Strecke. Das 42,195 Kilometer lange Rennen durch die US-Metropole eint die Stadt. Da spielt selbst ein Star wie Lance Armstrong nur eine Nebenrolle.

Die Zufahrtsrampe auf die Queensboro Bridge im äußersten Osten von Manhattan ist normalerweise eine gottverlassene Ecke von New York. Doch am Morgen des Marathons ist auf dem Bürgersteig unter der alten dreigeschossigen Stahlkonstruktion kein Durchkommen. Die Menschen drängeln sich vier Reihen tief an die Absperrgitter, wärmen sich die Hände an Styroporbechern voller dünnem Kaffee, den ein Schnellrestaurant hier kostenlos ausschenkt, und warten geduldig darauf, dass die Läufer vom Außenbezirk Queens über die Brücke kommen.

Tim Mulvoney kommt seit zehn Jahren jedes Jahr an diese Ecke, Marathon-Sonntag ist. "Wir fahren normalerweise jedes Wochenende aufs Land", sagt der etwa 50-Jährige, der sich mit einer karierten Schirmmütze vor der empfindlichen Kälte schützt. Am ersten Sonntag im November bleiben er und sein Lebensgefährte jedoch immer in der Stadt: "Es ist eines der aufregendsten Dinge, die in New York passieren", sagt Maulvoney. Und da will er nicht fehlen.

New York ist wirklich nicht arm an Attraktionen und dennoch steht der Marathon für die Einheimischen ganz oben im Terminkalender. "Es ist eines der Ereignisse, die diese Stadt definieren", sagt Tim Mulvoney. "Das merkt man schon daran, dass Innenstadt die ganze Woche lang voller Touristen ist und der Verkehr zusammen bricht und man es völlig gelassen hinnimmt."

Der Marathon ist für New Yorker ein Pflichttermin, kaum ein Bewohner dieser Stadt nimmt sich an diesem Tag etwas anderes vor, als sich an den Streckenrand zu stellen. Er ist eines der wenigen Events, die die gesamte Stadt zusammen bringen. Die blaue Linie, an der die 38.000 Teilnehmer zwischen zwei und fünf Stunden lang entlang laufen, zieht sich durch alle fünf Stadtteile. Auch durch die Bronx und durch Harlem und durch Teile von Brooklyn, die 364 Tage lang vom Glanz Manhattans nur wenig abbekommen. Diese Viertel putzen sich für ihren Auftritt vor der Weltöffentlichkeit dann besonders heraus. An die zwei kurzen Kilometer, die der Kurs durch die Bronx führt, quetscht sich ein Großteil der überwiegend lateinamerikanischen Bevölkerung des wohl am meisten vernachlässigsten und ärmsten New Yorker Stadtviertels.

Rückkehr zur Normalität nach den Anschlägen

Am Streckenrand fühlt der New Yorker sich als Teil dieser Stadt, wie sonst nur selten im hektischen Alltag, in dem jeder seine individuellen Träume jagt. Seit seinem Beginn 1970 hat sich der Marathon zum wichtigsten Tag im Jahr für die New Yorker Seele entwickelt. Und das ist seit dem 11. September 2001 noch mehr der Fall. "Wir waren nach dem 11. September 2001 das erste Großereignis der Stadt", sagt Richrd Finn, stellvertretender Renndirektor und Vorstand des New York Roadrunners Club. "Das vergessen die Leute nicht."

Das tun sie in der Tat nicht. "Der Marathon hat damals für uns die Rückkehr zur Normalität signalisiert", sagt Tim Mulvoney, während an der First Avenue die Führende und spätere Siegerin des Frauenrennens Jelena Prokopcuka, hinter ihm vorbei läuft. "Seitdem ist der Marathon noch wichtiger für uns geworden." Jahr für Jahr, so Mulvoney, stehen seitdem mehr Leute an seiner Ecke unter der Queensboro Bridge.

Allerdings hat der 11. September dem Marathon nicht nur gut getan. Die verstärkten Sicherheitsvorkehrungen haben die Nähe der Stadt zu den Sportlern reduziert, zumindest in Manhattan ist die Strecke komplett verbarrikadiert und von Tausenden uniformierten Personals bewacht. Selbst die Betreuer der Weltklasseläufer dürfen nicht mehr auf die Strecke und müssen wie alle anderen Zuschauer zu Fuß durch Manhattan hetzen, um ihre Schützlinge an mehreren Punkten zu beobachten. Und wegen der verschärften Einreisebestimmung ist es für viele Sportler ein bürokratischer Albtraum geworden, es überhaupt bis an den Start zu schaffen. Der Algerier Rachid Zia etwa wurde drei Monate vor dem Marathon von den Veranstaltern eingeladen – drei Monate zu spät, um noch den halbjährigen Sicherheitscheck zu absolvieren, den das FBI fordert. Zia musste zu Hause bleiben.

Früherer Radprofi Lance Armstrong wenig beachtet

Doch der "Post-9/11-Sicherheitswahn" vermochte den New Yorkern ihr großes Straßenfest nicht zu verderben. Eine Stadt wie New York lässt sich nicht zähmen. Und genau deshalb melden sich auch jedes Jahr mehr als doppelt so viele Läufer zum New York Marathon an, wie der Roadrunners Club Plätze zu vergeben hat: 90.000 Bewerber gab es in diesem Jahr.

"Die Stimmung da draußen war so toll, dass ich mir lieber eine halbe Stunde länger hätte Zeit lassen sollen, um das zu genießen", sagte der siebenmalige Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong etwa, als er nach knapp unter drei Stunden zwar geschafft, aber beschwingt ins Ziel kam. Um seine Sicherheit, so der Champion, habe er sich keine Sorgen gemacht. "Ich habe schließlich auch L'Alpe D'Huez mit einer Million Zuschauern und Dutzenden von Morddrohungen überlebt."

Die New Yorker waren für Armstrong ein deutlich freundlicheres Publikum als die Franzosen. Allerdings interessierten sie sich auch deutlich weniger für ihn, als er das früher von Zuschauern bei Radrennen gewöhnt ist. "Wenn ich zufällig noch hier bin, wenn er vorbei kommt", sagte am Morgen Tim Mulvoney an der First Avenue, "dann klatsche ich auch für ihn. Aber ich bleibe nicht seinetwegen hier stehen." New York braucht keine Stars, um seine liebste Party zu genießen.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP