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22.12.2006
 

Sport-Rückblick 2006

Das Jahr der grandiosen Verlierer

Von Jörg Schallenberg

Ob Fußball-WM, Formel 1 oder NBA-Finale: Am Ende mussten sich die deutschen Superstars stets geschlagen geben - und wurden trotz ihrer Niederlagen mehr gefeiert als die größten Sieger des Jahres. Ein Favorit durfte erst gar nicht antreten, an einem Tag überschlugen sich die Ereignisse.

Die größte Tragödie und der größte Triumph des Sportjahres 2006 lagen nur zehn Stunden auseinander. Um 9.41 Uhr am Freitag, den 30. Juni, meldete die Deutsche Presse-Agentur: "Der Profi-Radrennstall T-Mobile hat seine beiden Stars Jan Ullrich und Oscar Sevilla sowie Ullrichs Betreuer Rudy Pevenage mit sofortiger Wirkung suspendiert."Die Entscheidung steht laut T-Mobile im Zusammenhang mit den jüngsten Entwicklungen im spanischen Dopingskandal." Knapp zehn Stunden später hielt Jens Lehmann den Elfmeter des Argentiniers Esteban Cambiasso und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zog ins Halbfinale der Weltmeisterschaft ein - ein Erfolg, den dem Klinsmann-Team vor dem Turnier kaum jemand zugetraut hatte.

Einen höheren Punkt hemmungsloser Begeisterung um ein Sportereignis als jenen nach dem Spiel gegen Argentinien (4:2 i.E.) hat man in Deutschland lange nicht gesehen. Das Gleiche gilt für den ungeahnt tiefen Sturz eines der größten deutschen Sportidole der vergangenen 20 Jahre. Gleichzeitig spiegelten diese wenigen Stunden beinahe alle wichtigen Entwicklungen wider, die der Sport im außergewöhnlichen Jahr 2006 genommen hat.

Der Weg der Fußball-Nationalmannschaft von der zu Recht verspotteten Stolperbande des Jahres 2004 mit ihrem schneckenschnellen Schlafwagenfußball zu einem Team, das bei der WM mit mutigem und modernem Offensivfußball die ganze Welt verblüffte, ist sicher die schönste Erfolgsgeschichte in der unangefochtenen Lieblingsdisziplin der Deutschen - zumal die Ergebnisse eines radikalen Neubeginns unter weitgehender Beibehaltung des alten Spielerpersonals auch nach dem Abgang des Bundestrainers Jürgen Klinsmann nachhaltig wirken. Um die deutsche Nationalmannschaft und die mit ihr noch einmal angewachsene Popularität des Fußballs wird man sich in den kommenden Jahren kaum Sorgen zu machen brauchen.

Das gilt weniger für andere Sportarten, denen 2006 ebenfalls - aus deutscher Sicht - ihre Identifikationsfiguren abhanden gekommen sind. Jan Ullrichs unfreiwilliger Abgang hat den Radsport in eine Glaubwürdigkeitskrise gestürzt, die lange noch nicht überwunden ist. Nachdem Floyd Landis als Sieger der Tour de France nur wenige Tage nach seinem Triumph mit einer positiven Dopingprobe konfrontiert wurde , bleibt der Generalverdacht des organisierten Betrugs an Radprofis, Betreuern und den Verantwortlichen der Rennställe kleben.

Viel, wenn nicht alles, wird davon abhängen, ob der spanische Dopingskandal um den Arzt Eufemiano Fuentes samt seinen Nebenverfahren in anderen Ländern aufgeklärt werden kann - und ob sich Radteams und Rennorganisatoren tatsächlich gefestigt zeigen, auch hochprominenten Verdächtigen abzusagen, solange die Vorwürfe gegen sie nicht ausgeräumt werden konnten. Man könnte die Stimmung so zusammenfassen: Wenn 2006 alle Fans hierzulande gehofft haben, dass Jan Ullrich die Tour de France gewinnt, so werden sie für 2007 einige Stoßgebete losschicken, dass in jedem Fall nicht Ullrich in Frankreich siegen möge.

Unter schweren Dopingverdacht gerieten 2006 allerdings nicht nur die Radler, sondern auch Leichtathleten wie Nils Schumann und Grit Breuer oder die österreichischen Skilangläufer und Biathleten, deren Quartier bei Olympia in Turin von der Polizei durchsucht wurde. Rund hundert Spritzen, Aufputschmittel und diverse Apparaturen für Bluttests und -transfusionen entdeckten die Beamten. Der österreichische Langlauftrainer Walter Mayer konnte erst nach einer wilden Verfolgungsjagd gestellt werden, in deren Verlauf er betrunken ein Polizeifahrzeug rammte. Die deutsche Langläuferin Evi Sachenbacher war schon am Eröffnungstag der Spiele wegen eines erhöhten Hämoglobinwertes für fünf Tage gesperrt worden .

Wenn 2006 - siehe Klinsmann und Ullrich - auch als Jahr spektakulärer Abgänge gelten darf, dann zeigte einer, wie man sein Karriereende so perfekt inszeniert, dass man am Ende als Verlierer mehr Sympathien erwirbt als womöglich mit allen sieben Weltmeistertiteln zuvor: Michael Schumacher lieferte sich in seiner letzten Saison nach miserablem Beginn doch noch ein dramatisches Duell mit seinem Renault-Rivalen Fernando Alonso und bewies in der Niederlage eine Größe, die dem oft ölglatt wirkenden "Schummel-Schumi" plötzlich ungeahnt menschlich erscheinen ließ. Ein Effekt, von dem übrigens auch der stets erfolgsbesessene Oliver Kahn profitierte, der nach seiner Ausbootung aus dem Tor der Nationalelf die Leichtigkeit des Reservistendaseins für sich entdeckte.

Offen bleibt angesichts des - zumindest vorläufigen - Abschieds von Superstars wie Schumacher, Ullrich und Klinsmann, wer ihre Rolle als Identifikationsfigur einnehmen soll. Wenn man bedenkt, wie rasant sich Tennis ohne Boris Becker und Steffi Graf ins mediale Nirvana und die öffentliche Bedeutungslosigkeit verabschiedet hat und dass es dem Skispringen ohne Sven Hannawald und - einem wettbewerbstauglichen - Martin Schmitt nicht anders ergehen wird, darf man sich um die Rolle der Formel 1 und des Radsports weitere Sorgen machen. Als einziger aktiver Weltstar aus Deutschland bleibt neben Michael Ballack für 2007 nur Dirk Nowitzki, der in diesem Jahr knapp am ersten Titel für einen deutschen Spieler in der NBA vorbeischrammte.

Ohnehin war 2006 das Jahr der grandiosen Niederlagen. Das Aus der Fußball-Nationalmannschaft gegen Italien im WM-Halbfinale (0:2 i.V.), Schumachers zweiter Platz in der Formel 1, Nowitzkis unfassbare Pleite in der schon so gut wie gewonnenen Finalserie seiner Dallas Mavericks gegen die Miami Heat - selten sind Verlierer so sehr gefeiert worden für ihre überragenden Leistungen. Ein wenig unter gingen dagegen die Sieger wie die Hockey-Nationalmannschaft der Herren, die in einem dramatischen Finale gegen Australien (4:3) den Weltmeistertitel errang - oder der Biathlet Michael Greis, der gleich drei Goldmedaillen bei Olympia einsammelte und immerhin noch zum Sportler des Jahres gekürt wurde. Und, übrigens: Nicht jeder Verlierer taugt zum Helden. So wie Axel Schulz.

Dieser demonstrierte bei seiner mitleiderregenden Rückkehr in den Boxring, dass ein Comeback nicht immer glanzvoll verlaufen muss. Er begriff nicht, wann und wie man am besten Schluss macht mit der Laufbahn, er schaffte es nicht einmal, halbwegs in Würde geschlagen zu werden und er hatte offenbar einen entscheidenden Unterschied nicht verstanden: Sport darf zwar, wie bei der Fußball-WM, zu einem Event aufgeblasen werden, das weit über die sportliche Bedeutung des Ereignisses hinaus wirkt - aber man sollte einen ernsthaften Wettkampf nie mit einem bloßen Event verwechseln. Sonst gibt es auf die Nase, und zwar böse.

Mitarbeit: Clemens Gerlach, Mike Glindmeier, Christian Gödecke, Frieder Pfeiffer und Pavo Prskalo

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