Von Jürgen Bröker
Es war ein besonderer Moment für Florian Kehrmann. Im letzten Vorbereitungsspiel auf die Handball-Weltmeisterschaft gab der Rechtsaußen der deutschen Nationalmannschaft am Samstag gegen Ägypten sein Comeback nur rund acht Wochen nach seinem Mittelhandbruch. "Das war ein schönes Gefühl, wieder auf dem Platz zu stehen. Vor allem, weil die Halle auch noch ausverkauft war und es ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer gab", sagt Kehrmann. Das Spiel am Samstag in München hat einen Vorgeschmack auf das gegeben, was die Spieler von Bundestrainer Heiner Brand in den kommenden zweieinhalb Wochen erwarten wird: volle Hallen und eine euphorische Unterstützung durch die Zuschauer.
Fast hätte Kehrmann diesen Karriere-Höhepunkt verpasst. Am 18. November im Freundschaftsspiel gegen Schweden brach er sich den Mittelhandknochen des linken Ringfingers. Es war eine unglückliche Aktion. Beim Durchwerfen traf er seinen Gegenspieler mit der Wurfhand am Arm. "Ich hatte keine großen Schmerzen. Aber beim Zurücklaufen habe ich gleich gemerkt, dass ich in der Hand etwas verschieben konnte", erinnert er sich. Kehrmann ging vom Feld und trat erst einmal zwei Stühle um. Aus Frust. "Mein erster Gedanke war: Die WM ist weg."
Der Ärger ist inzwischen verflogen. Kehrmann freut sich auf das Turnier. Seine Hand hat im Test gegen Ägypten gehalten, auch wenn sie nach dem Spiel wieder etwas angeschwollen ist. Acht Wochen nach so einer Operation sei das ganz normal, versichert Kehrmann - und fügt hinzu: "Ich habe gesehen, dass alles funktioniert hat. Mir fehlte allerdings noch ein wenig die Spritzigkeit, aber das kommt. Ich bin fit für die WM."
Für den Rechtsaußen des TBV Lemgo ist eine solche Situation nicht neu. Bei der EM 2002 kam er nach einer Schulterverletzung wieder zurück ins Team und spielte ein gutes Turnier. Die Unsicherheit, ob die Schulter halten würde, nahm ihm damals ein kurioser Zwischenfall bei einem Trainingsspiel. "Heiner Brand hat noch zu mir gesagt, mach mal ein bisschen ruhiger" erinnert er sich. Kehrmann lief einen Tempogegenstoß. Von der Seite kam Jan-Olaf Immel. Ohne böse Absicht habe dieser ihn zur Seite abgedrängt und ein wenig weggeschubst. "Und dann bin ich aus vollem Lauf in drei Wasserkisten reingefallen. Mir ist nichts passiert. Von da an wusste ich, dass alles gut ist. Solche Situationen helfen einem. Aber man braucht sie eigentlich nicht."
Kehrmann bezeichnet sich selbst als positiv denkenden Menschen. Nur einen Tag nach dem Mittelhandbruch, als ihm gerade eine Platte in die Hand eingesetzt worden war, hatte er seinen Humor wieder gefunden. Er sei vielleicht der einzig wirklich ausgeruhte Spieler, der topfit zur WM fahre, scherzte er damals angesichts der noch anstehenden Liga- und Europacupspiele für seine Nationalmannschaftskollegen.
Tatsächlich lagen harte Wochen vor ihm. Tägliche Einheiten mit seinem Physiotherapeuten standen auf dem Plan, die Hand wurde sorgsam therapiert, bewegt und massiert. Der 29-Jährige fuhr auf dem Fahrradergometer, musste das Greifen für jeden einzelnen Finger neu üben, um die Hand wieder zu einer Faust schließen zu können und begann langsam mit einem Softball erste Wurfübungen zu machen. Dazu kam die Ungewissheit, ob er bis zur WM wieder fit sein würde. Doch die Arbeit hat sich ausgezahlt. Er ist zurück im Team. "Ich habe keine Probleme mehr mit der Hand", sagt Kehrmann.
Ein Satz, den gerade Bundestrainer Brand gerne hören wird. Kehrmann gilt als Weltklasse-Rechtsaußen. Bei den vergangenen großen Turnieren war er stets einer der wichtigsten und erfolgreichsten Torschützen der deutschen Mannschaft. Aber Brand schätzt Kehrmann auch wegen anderer Qualitäten. "Flo ist ein Spieler, der die anderen mitreißen kann. Er ist kämpferisch enorm stark", sagt Brand. Jetzt hat der Trainer eine Sorge weniger. Denn die Verletztenliste seiner Auswahl wuchs in der Vorbereitung auf die WM im eigenen Land ständig an.
Doch allmählich kommen die angeschlagenen Spieler zurück. "Bis auf Oleg Velyky wird jeder bis zum Eröffnungsspiel fit sein. Und Oleg wird uns von der Zwischenrunde an helfen", sagt Kehrmann. Für ihn ist das Grund genug, Optimismus zu verbreiten. Denn der Rechtsaußen will mit der deutschen Mannschaft weit kommen. "Ich spiele ja nicht hier in Deutschland eine WM, um dann Siebter oder Achter zu werden. Mein Ziel ist es, das Halbfinale zu erreichen und dann Weltmeister zu werden", sagt er. Das sieht die ganze Mannschaft so. Gemeinsam haben sich die Spieler das "Projekt Gold" auf T-Shirts drucken lassen. Sie glauben an ihre Titelchancen.
Vor allem Frankreich und Spanien, vielleicht auch Russland zählt Kehrmann zu den Mannschaften, die den Deutschen das Unternehmen Weltmeistertitel streitig machen können. Doch über mögliche Begegnungen mit diesen Weltklasse-Teams macht er sich noch keine Gedanken. Zunächst gelte es, die Spiele der Vor- und Hauptrunde erfolgreich zu bestreiten. "Ich glaube, wenn wir das Halbfinale erreichen, wird es schwer, uns zu schlagen. Egal, wer da kommt. Dann spielt man vor mehr als 18.000 Zuschauern in der Kölnarena und vor einigen Millionen an den Fernsehern", sagt er. "Das wird uns pushen und die anderen zum Nachdenken bringen." Kehrmann freut sich auf einen weiteren besonderen Moment.
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