Es war, um gleich im Bild zu bleiben, eine Bergetappe, und das ist für Reinhold Beckmann durchaus als Kompliment gemeint. Für den Mann, der bisher eher im Flachen verortet wurde: bloß keine Anstrengungen, nicht vorn im Wind. Also eher keine kritische Fragen. "Massiv angehen" wolle er Jan Ullrich, das ließ Beckmann vorher auch noch mitteilen, und man musste schon ein bisschen grinsen. Der Hobbyradler gegen den frisch gebackenen Ex-Profi, der den klaren Worten immer noch wegfährt wie früher den Gegnern im Zeitfahren.
Keine Chance. Dachte man.
Ok, am Ende rollte es aus, es kam Ullrich-Gattin Sara Steinhauser (pardon: Ullrich) zu ihrem ersten (und sogar ganz sympathischen) Fernsehauftritt, man sprach über die Umrundung der Erde, wobei Beckmann der Fehlinformation aufsaß, Ullrich habe in seiner Karriere "6-7 mal die Erdkugel umfahren". Er sei ja nicht faul gewesen, bemerkte der dann erstmals lachende Radsportler ("einmal um die Erde habe ich in einer Saison geschafft"). Ja, recht heiter ging es noch zu, aber böse sein konnte man Beckmann nicht mehr für diesen Harmonie-Teil, denn zuvor hatte er seinen Stargast in beachtlicher Manier den Berg hinauf gejagt, dass es diesem mitunter die Sprache verschlug.
Bei einer Pressekonferenz Stunden zuvor in einem Hamburger Hotel hatte Ullrich noch recht sicher gewirkt, aber er konnte sich auch an den weißen Karten festhalten, von denen er seinen Monolog ablas. Ein bisschen zitterten die Hände, aber das überspielte man mit einem Scherz. Die Jubelkombo aus Abgesandten der Fanclubs würde schon klatschen, und Fragen mussten nicht beantwortet werden. Es durften ja keine gestellt werden.
Im intimen Beckmann-Studio war Ullrich allein, keine Karten, keine Scherze, dafür Fragen, die nach einer Aufwärmphase hartnäckig wurden wie eine lange Steigung. "Begrüßen Sie, dass es zum Abgleich Ihrer DNA mit den Blutbeuteln kommt?", war die erste, die Ullrich wirkliche Probleme bereitete. Irgendwann hier muss er gemerkt haben, dass es vielleicht doch ein schwerer Anstieg werden könnte, es hatte einen Einspieler gegeben mit der "Ullrich-Chronologie", Blutbeutel, der mutmaßliche spanische Doping-Arzt Fuentes, Ullrich, immer wieder Ullrich auf dem Rad, im Hotel und Listen und dann diese Frage. Ullrich überlegt, starrt nach links oben. "Wie man Leute manipulieren kann, das ist doch eine Geschichte, wie man sie glauben will."
Und Ihre Version der Geschichte?
"Ja, äh, es gibt kein Verfahren gegen mich."
Aber begrüßen Sie den Abgleich?
"Ich muss auf meine Anwälte hören. Es gibt ja Ermittlungen gegen mich, in Bonn, da kann ich leider nichts sagen."
Ja, leider. Aufklärung darüber, wie nun alles genau war, kann auch der knapp 75-minütige Auftritt des gefallenen Superstars nicht bringen, weil sich Ullrich immer wieder verweigert mit dem Hinweis, dass er nichts sagen dürfe. Kennen Sie Fuentes? "Ich höre auf meine Anwälte, ich kann nichts sagen." Das sind schwere Indizien gegen Sie, hier "El Pais", die "SZ", es gibt Listen, "Sohn von Rudi", "Jan". "Die Ermittlungen laufen noch, ich darf nichts sagen." Und wenn er doch etwas zu den Doping-Verdächtigungen oder seinem Verhalten nach der Suspendierung von der Tour 2006 sagt, klingt es verworren, unsouverän, unglaubwürdig. Als Beckmann Ullrich fragt, warum er nicht das Angebot seines damaligen T-Mobile-Sprechers Christian Frommert angenommen habe, einen DNA-Schnelltest zu machen, kommt als Antwort: "Weil es nicht stimmt." Und auf Nachfrage: "Das hatte keine Hand und Fuß." Aha.
Ullrich wirkt fahrig, dabei hat er den schwersten Teil noch nicht mal hinter sich. Er sagt Sachen wie "es liegt nichts vor, aber es wird ermittelt" und vergisst dabei, dass Strafverfolger nur dann ermitteln, wenn etwas vorliegt. Mindestens ist das ein Verdacht, in Ullrichs Fall ein schwerer.
Das bestätigt nach 40 Minuten auch noch der ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt, der plötzlich auf einem Monitor auftaucht. "Mehr als zehn Jahre" beschäftige sich Seppelt schon mit dem Thema Doping, sagt Beckmann, der selbst ein bisschen genervt ist von Tatsache, dass er Fragen stellt, aber keine Antworten bekommt. Seppelt hat die spanischen Ermittlungsakten gelesen, spricht von "sehr harten Indizien" gegen Ullrich, das alles habe ihm "die Schuhe ausgezogen". Irgendwann verschwindet Seppelt vom Monitor, und Jan Ullrich dreht sich zu Beckmann und sagt, er wolle jetzt doch was sagen. "Es wird ermittelt, es wird ein Ergebnis geben und dann sitze ich wieder hier."
Beckmann versucht es noch einmal. Er fragt Jan Ullrich, dessen Obsession der zweite Sieg bei der Tour de France war, das Ziel aller Wege (und Mittel): "Herr Ullrich, was ist ein Fahrer bereit, für einen Toursieg zu tun?" Der berichtet vom Leiden im Jahr 2003. Da sei er mit 40 Grad Fieber drei Tour-Etappen gefahren, "ich weiß auch nicht, warum ich das gemacht habe. Das war lebensgefährlich". 2003 hätte er die Tour fast gewonnen, verlor sie aber, weil er in den Bergen auf den gestürzten Lance Armstrong wartete. "Die Entscheidung kam von innen, da denkt man nicht nach", sagt Ullrich.
"Entweder wird Jan Ullrich wie Franz Beckenbauer, oder er endet als abgetakelter Sportler, der sein Talent verschleudert hat", hat der ehemalige Telekom-Kommunikationschef und Ullrich-Freund Jürgen Kindervater mal über den Radstar gesagt. "Wer also sind Sie geworden", fragt Beckmann.
"Ich bin Jan Ullrich", sagt Ullrich und lacht. Er wirkt richtig authentisch dabei.
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Wen interessiert noch Jan Ullrichs Zukunft? Der Mann hat finanziell ausgesorgt. Alles andere ist nur noch pseudo-juristisches Geplänkel. Das interessiert doch keine Sau.... mehr...
Das ist natürlich kompletter Unsinn, natürlich kann ein Mensch in 4 Wochen 4000 Kilometer fahren, wenn er den ganzen Winter und das Frühjahr dafür trainiert hat. Es kommt nur darauf an, wie schnell er fahren will. Übrigens [...] mehr...
Die verdienen ja ihr Geld damit. Die sollen ja nur fahren. Für den Rest sind andere zuständig. Ich muss z.B. nach ein paar Jahren ausgesorgt haben. Das ist der Job meines Berater. Wenn ich viel trainiere, hab ich [...] mehr...
Naja, es gibt auch Radrennfahrer, die im Kreis fahren. Das muß der Fairness halber gesagt werden. Auch wenn die Medien die meiste Zeit so tun, als ob es diese Rennfahrer sowie andere gute, die auf der Straße fahren, nicht geben [...] mehr...
Etwas müssten Sie aber schon erklären,: wenn das im Kreis fahren so anspruchslos ist, warum fahren nicht alle Fahrer in der ersten Reihe und warum hat der Schumi 7 Mal den Weltmeistertitel erreicht? Einige 2. Plätze hatte er [...] mehr...
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