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03.04.2007
 

Blutdoping-Ermittlungen

Ullrich am Abgrund

Von Jörg Schallenberg

Die überraschende DNA-Analyse erschüttert Jan Ullrichs Glaubwürdigkeit. Erstmals gibt es eine sichere Verbindung von ihm zum Dopingarzt Fuentes. Jetzt flüchtet er sich in eine neue Abwehrtaktik - doch sogar sein neuer Arbeitgeber geht auf Distanz zu ihm.

Sie hatten ihm eine goldene Brücke gebaut. Doch Jan Ullrich wollte einfach nicht darüber fahren. Tagelang beschworen die Verantwortlichen von Ullrichs damaligen Team T-Mobile den Radstar im vergangenen Sommer, doch einen DNA-Test abzugeben, um seine Unschuld zu beweisen. Schließlich beteuerte der Tour-de-France-Sieger von 1997 stets, keinen Kontakt mit dem spanischen Doping-Arzt Eufemiano Fuentes gehabt zu haben, in dessen Labor verdächtige Blutbeutel gefunden wurden. Doch am Ende brauchte der Mann, der auf dem Rad schnell wie kaum ein Zweiter war, sieben Monate, um eine Gewebeprobe abzugeben. Anschließend versuchte er, deren Abgleich mit dem Blut aus Spanien mit allen juristischen Mitteln zu verhindern. Heute ist klar geworden, warum.

Gefallenes Rad-Idol Ullrich (bei Pressekonferenz im Februar): Jetzt herrscht Klarheit statt "drunter und drüber"
REUTERS

Gefallenes Rad-Idol Ullrich (bei Pressekonferenz im Februar): Jetzt herrscht Klarheit statt "drunter und drüber"

Mit dem Ergebnis des DNA-Vergleichs , das die Bonner Staatsanwaltschaft heute vorgelegt hat, ist eine der wichtigsten Stützen von Ullrichs wackeliger Verteidigungsstrategie zusammengebrochen. Er hat wohl geahnt, dass es so kommen würde, denn bei seinen bislang letzten öffentlichen Auftritten mochte der 33-Jährige gar nichts Konkretes mehr zum Fall Fuentes und der als "Operacion Puerto" in die Radsportgeschichte eingegangene Dopingrazzia vom Mai 2006 sagen.

In Spanien gehe es "drunter und drüber", schwurbelte Ullrich bei seiner Presseerklärung in Hamburg Ende Februar – und sein Anwalt Peter-Michael Diestel befand zwei Wochen später plötzlich, dass es völlig unerheblich sei, ob sein Klient mit Fuentes zusammengearbeitet habe. Das verblüffte, schließlich hatte Ullrich gegenüber seinem damaligen Arbeitgeber T-Mobile sogar schriftlich zugesichert, nichts mit Fuentes zu schaffen gehabt zu haben. Nun befand Diestel, dass allein die Frage nach dem Kontakt rechtswidrig gewesen sei. Dem "Tagesspiegel"sagte er: "Von welchen Ärzten man sich behandeln lässt, geht niemanden etwas an.

Dass heute mit Johann Schwenn ein weiterer prominenter Anwalt des einstigen Radstars von "Manipulation" und "Unregelmäßigkeiten" spricht, macht deutlich, auf welchen Verteidigungskurs der Tross um Ullrich eingebogen ist. Dass sie ihre Verfolger mit dem neuen Schlenker abschütteln können, ist aber unwahrscheinlich. Meter um Meter verliert Ullrich an Boden. Zwar ist er auch mit dem positiven DNA-Vergleich nicht des Eigenblut-Dopings überführt, aber es bedarf schon einiger Fantasie, um sich auszumalen, wozu die eigenartig codierten Blutbeutel, die im Zentrum eines offenkundigen Doping-Netzwerks aufgefunden wurden, sonst hätten gut sein sollen.

Ullrichs neue Arbeitgeber vom österreichischen Team Volksbank mangelt es an soviel Vorstellungskraft. Vorerst liegt die geplante Anstellung als Berater und Repräsentant auf Eis. "Jan Ullrich hat seine Tätigkeit beim Team Volksbank bis dato nicht aufgenommen und wird dies auf Grund der aktuellen Entwicklung bis auf weiteres auch nicht tun. Sobald die Sache endgültig bereinigt ist, werden wir unsere nächsten Schritte bekannt geben», sagte Teammanager Thomas Kofler.

Die Ermittlungen aus Bonn betreffen aber keinesfalls nur ein deutsches Rad-Idol. Ebenfalls verdächtige Stars wie der Italiener Ivan Basso oder der Spanier Alejandro Valverde, die längst wieder im Sattel sitzen, dürften sich das Vorgehen der Staatsanwälte genau ansehen. Denn die Verfahren gegen sie ruhen nur, weil bislang Beweise fehlten. Christian Frommert, Sprecher des T-Mobile-Teams, sieht sich heute nicht nur in der Entscheidung des Rennstalls bestätigt, Ullrich zu suspendieren, sondern sagt SPIEGEL ONLINE: "Die vermeintlich lasche 'Operacion Puerto' fördert nun doch Fakten zutage, die belastbar sind. Jetzt müssen auch eine Menge anderer Blutbeutel getestet werden." Möglicherweise muss der Radsport drei Monate vor der Tour de France ein neuerliches Erdbeben befürchten.

Für Jan Ullrich geht es im Gegensatz zu manchen seiner früheren Konkurrenten längst nicht mehr darum, ob er noch einmal ein Rennen fahren darf. Für ihn steht viel mehr auf dem Spiel: Sein Ruf und sein Platz in den Annalen des Sports. Bei seinem merkwürdigen Auftritt in Hamburg verhöhnte er die Bielefelder Juristin Britta Bannenberg noch als Selbstdarstellerin - jetzt bringt ihre Anzeige wegen Betrugs gegenüber T-Mobile, die das Bonner Verfahren erst in Gang setzte, Ullrich an den Abgrund.

Für viele seiner Fans ist der Radrentner trotz aller Indizien und Verdachtsmomente immer noch ein Idol. An Beliebtheit kann es mit ihm gerade wegen seiner mangelnden Perfektion unter den Sportstars der vergangenen zwanzig Jahre nur Boris Becker aufnehmen. Doch wenn Ullrich weiter schweigt und mauert statt offen mit den Vorwürfen umzugehen, wenn er riskiert, in einem nun immer stärker drohenden Gerichtsverfahren öffentlich demontiert zu werden, dann könnte sein Fall tiefer sein, als er es sich bislang hat träumen lassen.

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